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Die Trägerin des Deutschen Umweltpreises im Interview „Für das Klima ist es fünf Sekunden vor zwölf“

Von Anna-Lena Lange | 15.05.2014, 12:53 Uhr

Ursula Sladek ist im Oktober mit dem Deutschen Umweltpreis der DBU ausgezeichnet worden. Sie hat aus einer Bürgerinitiative in Schönau im Schwarzwald die Elektrizitätswerke Schönau gegründet. Im Interview spricht sie über die Energiewende und die Zukunftspläne ihres Elektrizitätswerks.

Was war der Auslöser dafür, ein bürgergeleitetes Elektrizitätswerk zu gründen?

Der Reaktorunfall von Tschernobyl war der Auslöser. In Schönau fand sich eine Bürgerinitiative, die einen schnellen Atomausstieg erreichen wollte. Klimaveränderungen waren damals in der Öffentlichkeit noch kein Thema. Den Beginn machten Energiesparprojekte, da die Energieverschwendung eines der Hauptprobleme darstellte und auch heute noch immer darstellt. Nach der Gründung einer Firma haben wir erneuerbare Energieanlagen errichtet. Dabei hat uns der Energieversorger vor Ort große Steine in den Weg gelegt. Anschließend haben wir uns um die Stromkonzession in Schönau beworben. Heute betreiben wir nicht nur das gesamte Schönauer Netz, sondern sind an weiteren Energieversorgungsunternehmen beteiligt. Wir haben 150000 Stromkunden überall in Deutschland. Außerdem beteiligen sich viele Bürger. Zum Beispiel hat unsere Bürgerenergiegenossenschaft heute 3500 Mitglieder.

In welcher Weise wurden Sie damals durch den örtlichen Stromanbieter eingeschränkt?

Aktivitäten von uns wurden behindert, teurer gemacht und in ein schlechtes Licht gerückt. Wenn der Netzbetreiber damals gewusst hätte, wie erfolgreich wir werden, hätte er wahrscheinlich lieber mit uns zusammengearbeitet. Dazu möchte ich zwei Beispiele bringen. Der Anbieter verweigerte die Mithilfe an einem Projekt zum Ausfindigmachen von „Energiefressern“, indem er keine alten Stromzwischenzähler zur Verfügung stellte. Und bezeichnete die Bürgerinitiative sogar als geschäftsschädigend. Heute würde das kein Stromversorger mehr sagen. Zweitens verlangte der Stromversorger, dass wir teure, aber unnötige Außenzähler an von uns betriebenen Blockheizkraftwerken anbringen, was die Wirtschaftlichkeit erheblich verschlechterte.

Welche erneuerbaren Energien produzieren Sie?

Wir fördern gasbetriebene Blockheizkraftwerke, die sehr effizient sind und wenige Emissionen verursachen. Da die Energiewende nicht von heute auf morgen zu schafften ist, brauchen wir solche „Partner“ der erneuerbaren Energien für den Umstieg. Außerdem haben wir in Solarenergie investiert und planen Windkraftwerke. Unsere bundesweiten Stromkunden werden mit Wasserkraft aus überwiegend neuen Anlagen versorgt. Wichtig ist uns dabei, dass unsere Partner nicht mit Kohle- und Atomindustrie verflochten sind.

Was ist dezentrale Energieversorgung?

Erneuerbare Energien sind dezentral. Das bedeutet, sie fallen über die Fläche verteilt an. Das bringt viele Vorteile: Je dezentraler die Stromerzeugung ist, desto kürzer ist der Weg bis zum Verbraucher. Daraus folgen weniger Überlandleitungen. Es entstehen durch dezentrale Energieversorgung lokale Geldkreisläufe. Das Geld kommt zum Beispiel der Kommune in Form von Gewerbesteuer oder den Landwirten in Form von Pacht zugute. Für unglaublich wichtig erachte ich es, dass Bürger sich für ihre Daseinsvorsorge engagieren.

Wie können Bürger im Alltag aktiv werden?

Da gibt es viele Möglichkeiten. Das Einfachste ist der Bezug von Ökostrom. Es besteht die Möglichkeit, sich finanziell an erneuerbaren Energien zu beteiligen, wie zum Beispiel an einer Fotovoltaikanlage oder einem Windkraftwerk. Darüber hinaus kann der Bürger Einfluss auf Lokalpolitiker nehmen. So kann das Errichten von Kraftwerken für erneuerbare Energien oder das Einführen eines Solarkatasters verlangt werden. Auf der anderen Seite können Bürger auf die Bundespolitik Einfluss nehmen, indem sie sich mit den aktuellen Regierungsplänen auseinandersetzen und Änderungsschreiben einreichen. Zudem können Bürger an Demonstrationen teilnehmen.

Welche Ziele verfolgt das Elektrizitätswerk Schönau in der Zukunft?

Wir wollen einen Beitrag zum Atomausstieg und der zügigen Energiewende leisten. Dabei wollen wir vor allem Bürger motivieren, Initiativen zu gründen und tätig zu werden. Die Energiewende bringt nur Vorteile, jede nicht erzeugte Kilowattstunde Atomstrom erzeugt auch keinen Atommüll. Wir wollen schnell handeln, denn es ist fünf Sekunden vor zwölf, nicht fünf Minuten vor zwölf (sagen Wissenschaftler).

Wie sehen Sie die Zukunft der Energieversorgung?

Erneuerbare Energien sind unendlich, während fossile Energien endlich sind. Daher ist damit zu rechnen, dass fossile Energien teurer werden. Die letzten Jahre zeigen, dass erneuerbare Energien immer günstiger werden. Mittelfristig erreichen sie eine Preisstabilität. Aber es muss noch viel getan werden, und das kostet auch Geld, zum Beispiel die Entwicklung von effektiven Stromspeichern. Der Ausbau von Stromnetzen wird ebenfalls teuer werden. An dieser Stelle haben die Stromversorger in den letzten Jahren nicht genügend investiert.

Was bedeutet der Deutsche Umweltpreis für Sie?

Über den Preis haben wir uns sehr gefreut. Es ist eine sehr hohe Anerkennung. Wir nehmen das als Ansporn, mit gleicher Kraft weiterzumachen, und möchten den Preis auch als Anstoß für die Politik sehen, die Energiewende konsequenter durchzusetzen.

Sogar Barack Obama hat sie eingeladen. Was war das für ein Gefühl?

Wir haben ja viele Preise bekommen, unter anderem den Goldman Environmental Prize – im Rahmen dieser Preisverleihung wurden die Preisträger aus den verschiedenen Kontinenten in das Oval Office zu Präsident Obama eingeladen. Das war natürlich schon ein großartiges Erlebnis, und ich habe mich über die Gelegenheit gefreut, dem Präsidenten unsere „100 good reasons against nuclear energy“ zu überreichen. Natürlich sind wir ein bisschen stolz auf die Preise, die man uns verliehen hat. Stolz sind wir aber auch – und noch mehr – auf unsere Kunden, die echte Mitstreiter für die Energiewende sind.

Zweifeln Sie an der Effizienz der Politik und bevorzugen eine größere Aktivität der Bürger?

Es kann nicht ohne die Politik gehen, aber die Bürger haben eine ganz wichtige Rolle. Die Politiker täten gut daran, die Bürger in die Energiewende mit einzubeziehen, weil die Bürger den Großteil der erneuerbaren Energien finanziert haben und das auch in Zukunft werden, wenn man sie lässt.