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Angst in Deutschland sehr groß Die Spaltung der Gesellschaft. Ein Stresstest für das politische System?

Von Roland Czada (Gastautor) | 22.01.2020, 08:36 Uhr

Eine 2019 in 27 Ländern erhobene Umfrage des französischen Meinungsforschungsinstituts Ipsos zum Thema Gesellschaftsspaltung offenbart Erstaunliches: Die Angst vor politischer Spaltung ist in Deutschland größer als in den meisten anderen Ländern.

81 Prozent sind hier der Ansicht, die deutsche Gesellschaft sei aktuell schon tief gespalten. Und 44 Prozent empfinden dies als Gefahr für die Demokratie. Nur 17 Prozent der Deutschen bewerten politische Konflikte als positiv. In Großbritannien sind es 41 Prozent. (Weiterlesen: Wenn Professoren im Vier-Minuten-Takt kniffelige Fragen beantworten müssen)

Verteilung entspricht idealer Glockenkurve

Fragt man nicht nach dem Zustand der Gesellschaft insgesamt, sondern nach der individuellen Selbsteinschätzung, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Die Verteilung politischer Einstellungen zwischen extrem Links und extrem Rechts entspricht einer idealen Glockenkurve. Die Allermeisten verorten sich in der politischen Mitte. Der Anteil politischer Extremisten an der Gesamtbevölkerung bleibt verschwindend gering. Das war nicht immer so. Am Ende der Weimarer Republik hatten wir eine Ausdünnung in der Mitte und eine tiefe Spaltung zwischen rechts und links. Und selbst in den 1980er und 1990er Jahren waren die Extreme in der Wählerschaft stärker ausgeprägt als heute.

Mehr Informationen:

12. Osnabrücker Wissensforum

Beim 12. Osnabrücker Wissensforum im November 2019 haben wieder zahlreiche Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Die Spaltung der Gesellschaft. Ein Stresstest für das politische System?Das nächste Osnabrücker Wissensforum wird am 13. November 2020 stattfinden.

Trennendes findet sich gegenwärtig vor allem in Parteiprogrammen – weit mehr als in der Wählerschaft. Wenn Einstellungen zu aktuellen politischen Konflikten erhoben werden, zeigt sich unabhängig von Parteipräferenzen große Übereinstimmung. Dies gilt überwiegend auch für Wählerinnen und Wähler der politisch-ideologisch am weitesten auseinanderliegenden Parteien AfD und Die Linke. Ängste vor gewaltsamen Massenprotesten in Deutschland – ähnlich denen der französischen „Gelbwesten“ – erscheinen vor diesem Hintergrund weit hergeholt.

Spaltung sehr gering, aber...Dadurch, dass Extreme den Parteienstreit und öffentlichen Diskurs bestimmen, entsteht der übertriebene Eindruck einer gespaltenen Republik. In Wahrheit ist die Gesellschaftsspaltung hierzulande sehr gering, die Angst davor aber sehr groß. Spaltungsangst und eine offenbar unstillbare Sehnsucht nach Zusammenhalt bilden eine gefährliche Mischung. Sie ist in allen politischen Lagern anzutreffen. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.“ Dieser Satz von Kaiser Wilhelm II am Vorabend des Ersten Weltkriegs käme – Umfragedaten nach zu urteilen – bei den meisten auch heute noch gut an. Daraus kann ein ebenso großes Demokratieproblem erwachsen wie aus einer eingebildeten Gesellschaftsspaltung, in die sich der politische Diskurs hineinsteigert.