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Die Kunst der Jazz-Tradition Einmal mehr: Chris Barber begeistert in Osnabrück

Von Ralf Döring | 08.01.2016, 15:09 Uhr

Chris Barber hat es immer noch drauf. Mit der „Big Chris Barber Band“ führt er im Kongress-Saal der Osnabrückhalle vor, wie lebendig die Jazz-Tradition sein kann. Und das im Alter von 85 Jahren.

Chris Barber kann nicht still stehen. Wenn er nicht Posaune spielt oder singt, tänzelt er leise hin und hier, swingt mit seinen bezaubernden Solisten, die mit ihm auf der Bühne des Kongress-Saales in der Osnabrückhalle stehen. Zehn hat er um sich geschart; als Big Chris Barber Band begleiten sie ihn durch 65 Jahre Bühnengeschichte.

Die beginnt ganz chronologisch in New Orleans: Dort steht das Taufbecken des Jazz, und davor verneigt sich Chris Barber traditionell mit der „Bourbon Street Parade“: „Let‘s fly down - or drive down - To New Orleans“, singt er, wie er es seit sechs Jahrzehnten singt, etwas brüchig, aber mit dem lässigen Swing einer ewigen Jugend und einer ewigen Spielfreude, die sich der 85-jährige Musiker bewahrt hat. Weiterlesen: Chris Barber wird 85 

Jahrzehntelange Treue

Dafür hält ihm sein Publikum seit Jahrzehnten die Treue. So erzählen einige Damen und Herren in der Pause vom ersten Gastspiel Chris Barbers in Osnabrück: 1963 war das, in der Halle Gartlage, Eintrittspreis: Drei D-Mark. Angeblich standen die Zuhörer damals auf den Stühlen.

Heutzutage legen Barbers Zuhörerinnen und Zuhörer etwas mehr Zurückhaltung an den Tag. Aber die Begeisterung ist geblieben, weil Barber sie nach wie vor vermittelt. Noch im Schlussapplaus der „Bourbon Street Parade“ stampft er mit dem Fuß auf den Boden und gibt so den Einsatz zum „Rent Party Blues“ von Duke Ellington. Es folgen „Jungle Nights in Harlem“ und „Jubilee Stomp“, ebenfalls von Ellington. Der wird im Laufe des Abends noch öfter eine Rolle spielen, zurecht: Ellington war einer der wichtigsten und kreativesten Komponisten der Jazzgeschichte. Weiterlesen: Chris Barber im Interview mit der Neuen OZ 

So kommt, auch dank der Arrangements von Bob Hunt, die Band herrlich zum Funkeln: Der dreiköpfige Holzbläsersatz, der vom nun wirklich außergewöhnlichen Bass-Saxofon-Riesen bis zu den Klarinetten ein Farbspektrum aufweist, das sich erst experimentierfreudige Free-Jazzer wieder erschlossen haben. Die Trompeten und Posaunen erweitern ihr Spektrum durch alle möglichen Dämpfer, und im Hintergrund rührt unablässig die Rhythmussektion, der Joe Farlers Banjo die authentische Oldtime-Würze verleiht. Helge Lorenz schließlich bringt an der Gibson Les Paul den Blues ins Spiel – der Gitarrist aus Oldenburg reist seit ein paar Jahren mit der Big Chris Barber Band. Wenn sein Job in der IT-Branche es zulässt.

Der feine Unterschied

Überhaupt Big Chris Barber Band. Der Bandleader legt großen Wert auf den feinen Unterschied: Es sitzt eben keine Big Band steif hinter Notenpulten, sagt er. Sondern Barber begreift seine Formation als erweiterte Dixie-Band. Also winden Klarinetten quirlige Girlanden, growlen und zicken die Trompeten, schrappen die Posaunen, und Gregor Beck setzt die typischen, scharfkantigen Akzente mit den Becken. Aber gerade bei Duke Ellington spielen Komposition und Arrangement eine zentrale Rolle –was die Band mit jener hohen Virtuosität umsetzt, die es braucht, um das Schwere leicht klingen zu lassen.

Gern aber besinnt sich Chris Barber seiner Wurzeln, und die liegen in der kleinen Besetzung und in einer Handvoll Klassiker. Klarinettist Bert Brandsma brilliert mit dem „Wild Cat Blues“, Trevor Whiting ebenfalls an der Klarinette mit „Petite Fleur“ und später am Sopransaxofon mit Miles Davis‘ „All Blues“. Ansonsten wechselt die Band auch mal zum fein groovenden Blues im kompakten Chicago-Stil, wie Barber überhaupt im zweiten Teil mächtig anzieht. Auch er als Posaunist.

Zum Schluss widmet er schließlich seinem langjährigen Mitstreiter, dem Trompeter Pat Halcox, eine ungemein lässige Version von „Oh when the saints“. Und dann endet der Abend mit dem Chris Barber-Klassiker schlechthin: mit „Ice Cream“. Keine Zugabe - was sollte nach so einem spritzigen, lebendigen Dessert auch noch kommen.