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Die kleine Kneipe... Ins „Confusion“ in Osnabrück gehen nicht nur Schwule

Von Thomas Wübker | 30.12.2015, 08:03 Uhr

Die Adresse Pottgraben 27 ist seit Jahrzehnten ein Treffpunkt der Osnabrücker Schwulenszene. Früher hieß die Kneipe „Bei Theo“, seit fünf Jahren betreibt Burkhard Wischer dort das Confusion. Wir haben uns in der kleinen Gaststätte umgesehen, die vor allem – aber nicht nur – von Homosexuellen besucht wird.

Ende der Fünfzigerjahre war das heutige Confusion am Pottgraben 27 mal eine Eckkneipe, dann ein Restaurant und später ein Nudel-Laden. Dann konnte man dort „Bei Theo“ und im „Mecs“ einkehren. Zuletzt zog Burkhard Wischer als Wirt in die Gaststätte ein. Die Historie der Gastro-Immobilie habe er kennengelernt, als er die Schilder an der Klingel abgeknibbelt habe, erzählt er und lacht. Heute befindet sich in der Gaststätte mit der bunten Außenbeleuchtung und dem bunten Publikum eine „Open Gay Bar“, wie der 59-jährige Wirt sagt, „mit Betonung auf ,open‘“. Bei Burkhard Bischer sind also vor allem Homosexuelle zu Gast – aber eben nicht nur.

Partys zu Halloween und Silvester

Bunt beleuchtet ist auch das Innere des Confusions. Die Discokugel rotiert und sendet ihre Strahlen auf die Tische, die Theke und das Publikum, das fast ausschließlich aus Männern besteht. Eigentlich sieht die Kneipe eher aus wie eine Disco. Tatsächlich kann Burkhard Wischer seine Gaststätte mit wenigen Handgriffen in einen Club verwandeln. Hier wird ein Tisch eingeklappt, dort werden ein paar Stühle verschoben – und schon entsteht eine Tanzfläche. Da wird dann gefeiert. So gaben sich zu Halloween „Conchita 4711“, ein Conchita-Wurst-Double aus Köln, und Nickey „Leitwolf“ Barker, der über 32 Ecken mit Lex „Old Shatterhand“ Barker verwandt ist, im Confusion die Ehre. Auch am Silvestertag 2015 wird in der „Open Gay Bar“ gefeiert – mit „free Bockwurst for everybody“, was sich mit „Bockwurst aufs Haus für alle“ übersetzen lässt.

An wir das Confusion an einem Dienstagabend besuchen, ist die Szene aber eher ruhig. An einem Tisch sitzt eine Doppelkopf-Runde, neben der Theke tuscheln zwei Männer, in einer Ecke nestelt eine Dame an ihrem Handy, und an einem Stehtisch schlürfen zwei Herren Kaffee. Dazu läuft moderne Musik aus den Charts – nicht laut, aber laut genug, um leise Gespräche zu übertönen.

Spezieller Humor

„Hier kann man auch als Frau hingehen“, sagt die 62-jährige Marion (62). „Sie ist der einzige Kerl im Laden“, meint der ein Jahr jüngere Friedel mit einem ironischen Augenzwinkern. Stephan (58), Christian (38) und Stephan (48), die auch mit am Tisch sitzen, lachen laut auf. „Mit diesem Humor muss man hier klar kommen“, erklärt Marion. Die Fünf kloppen Karten. „Doppelkopp ist auch in der Schwulen-Szene angekommen“, sagt Christian und lächelt.

Spiele haben im Confusion feste Termine. Neben dem Doppelkopf am Dienstag gibt es auch eine Knobel-Runde und einen offenen Spiele-Abend mit „Risiko“, „Monopoly“ oder „Mensch ärgere Dich nicht“ am Mittwoch. „Die Leute kommen aus einem Umkreis von 35 Kilometern“, sagt Burkhard Wischer. Darunter sind Schwule und Nicht-Schwule. „Es gibt viele offene Menschen“, weiß der Wirt, „ aber auch welche, die nie einen Fuß über unsere Schwelle setzen würden“.

Die letzte ihrer Art

Übernommen hat er das Confusion vor fünf Jahren. Vorher betrieb der gelernte Radio- und Fernsehtechniker, der fünf Jahre bei der Bundeswehr als Fernschreibgeräte-Mechaniker gedient hat, die Musik-Kneipe „Bahnhof Michel“. In Osnabrück sei das Confusion mittlerweile die letzte verbliebene Schwulen-Kneipe, meint er.

„Man kann das nur machen, wenn man es liebt“, sagt Burkhard Wischer über die Gastronomie im Allgemeinen. Er habe festgestellt, dass gerade viele junge Leute in den Cyberspace abgewandert seien. „Wenn man früher Leute kennenlernen wollte, ist man in eine Kneipe gegangen.“ Heute nutzten viele Menschen Dating-Portale im Internet. Deswegen ist er mit dem Confusion auch den Weg in die Welt der Bits und Bytes gegangen: Burkhard Bischer macht Werbung für seine Kneipe auf Facebook und Co.

Hilfe beim Coming-Out

Auch Jürgen (44) und Stefan (45) glauben, dass das Internet eine Mitschuld dafür trägt, dass auch die Schwulen-Szene vom Kneipensterben betroffen ist. „Bei Theo“ sei früher ein „Schwulen-Portal“ gewesen, sagen beide. Sie kommen ab und zu ins Confusion – um zu ihren Wurzeln zurückzukehren, wie sie sagen. Jürgen und Stefan haben sich vor 30 Jahren als Schüler in der Orientierungsstufe kennen gelernt. Ihre sexuelle Orientierung haben sie aber erst „Bei Theo“ gefunden. „Hier haben wir unsere Coming-Out-Zeit verbracht“, sagt Stefan. „Theo war ein Mensch, der uns dabei geholfen hat“, ergänzt Jürgen. In seinem Laden sei die Atmosphäre sehr offen gewesen. „Man fühlte sich nicht verboten“, meint Jürgen und grinst. In anderen Schwulen-Kneipen habe es oft Gesichtskontrollen gegeben, wo die Gäste, die um Einlass baten, erst durch einen Schlitz in der Tür von einem Türsteher gemustert wurden. „Das war komisch“, erinnert sich Stefan.

Jeder ist willkommen

In Burkhard Wischers Kneipe kann jeder gehen – ungemustert. Kontrollen gibt es nicht. Wer Karten kloppen, ein Bier trinken oder sich unterhalten möchte, ist willkommen – unabhängig von seiner sexuellen Orientierung. Allerdings muss man den speziellen Humor der Stammgäste zu nehmen wissen. Der ist mal flapsig, mal bissig und mal ironisch. Und manchmal ist er auch flach. „Was?! Du willst mich von hinten fotografieren?“, bekommt der Autor dieser Zeilen zu hören, als er bei seinem Besuch die Kamera zückt.