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Die Journalistin Yulia Ovsyannikova aus Twer nimmt am Sommersprachkurs der Hochschule teil Kritischer Blick, brennende Müllkippen

Von Rainer Lahmann-Lammert | 16.09.2011, 11:30 Uhr

Sie merkt ziemlich schnell, wenn irgendwo etwas nicht stimmt. Und sie weiß auch damit umzugehen, wenn einflussreiche Menschen ihre Kontakte spielen lassen, um einen Zeitungsartikel nicht erscheinen zu lassen. Yulia Ovsyannikova ist eine kritische junge Journalistin aus der russischen Partnerstadt Twer. Sie gehört zu den 74 Teilnehmern des diesjährigen Sommersprachkurses in der Hochschule

Die 28-jährige Redakteurin arbeitet seit zwei Jahren für die Tageszeitung „Twerer Leben“ und deckt mit Vorliebe Skandale auf. Als sich Datscha-Besitzer über den beißenden Qualm beklagten, der von den regelmäßigen Bränden auf einer Mülldeponie ausging, schaute sich die Journalistin in den Wäldern nördlich von Twer um.

Da wurde der Müll aus der 400000-Einwohner-Stadt Twer Tag für Tag ohne jede Grundwasserabdichtung in die Landschaft gekippt, obwohl ein Gericht das längst untersagt hatte. Yulia Ovsyannikova traf Obdachlose an, die auf der Deponie leben und auf eigene Faust Rohstoffe aus dem Müll verwerten. Sie entdeckte abgestorbene Bäume, Wasserlöcher mit bunt schillernden Ölfilmen, und sie spürte an vielen Stellen den Geruch chemischer Stoffe.

Als sie diese Beobachtungen in ihrer Zeitung beschrieb, reagierten die Behörden, aber das Problem blieb: Rund um die Kippe steht jetzt ein Zaun. Der Müll wird jetzt noch großflächiger in der Landschaft außerhalb davon abgeladen. Und die Brände rauben den Menschen aus der Umgebung weiterhin die Luft zum Atmen.

Yulia Ovsyannikova schreibt auch über illegale Straßenrennen, mit denen sich junge Leute in und um Twer gern vergnügen, über Aktionen der Polizei gegen Alkoholsünder oder über Korruption bei der Vergabe von Taxi-Lizenzen. Einige Male hat sie auch schon über Osnabrücker geschrieben, die nach Twer gekommen sind, zum Beispiel zum Festival der deutschsprachigen Theater. Dabei reifte in ihr der Wunsch, selbst einmal die Stadt an der Hase kennenzulernen.

Ein Stipendium zum internationalen Sommersprachkurs der Hochschule macht es möglich. Es richtet sich an junge Leute aus Partnerstädten, die ihre Deutschkenntnisse verbessern wollen.

Vier Wochen dauert der Kurs für 74 Teilnehmer aus 28 Ländern. Aber nur sechs von ihnen sind über das Partnerschafts-Stipendium dazugestoßen – neben Yulia aus Twer ein junger Mann aus Derby und vier junge Frauen aus den Partnerstädten Angers, Canakkale, Vila Real und der Freundschaftsstadt Hefei. „Aus Haarlem lag in diesem Jahr leider keine Bewerbung vor“, sagt Angela Halbrügge vom Internationalen Büro der Hochschule.

Beim Sommersprachkurs wird täglich fünf Stunden Deutsch gelernt. Daneben ist Zeit für Betriebsbesichtigungen, Sportveranstaltungen, Filmabende und Exkursionen. Den Abschluss bildet eine viertägige Fahrt nach Berlin.

Yulia Ovsyannikova ist begeistert von Osnabrück. Sie findet die Menschen „hilfsbereit, gutherzig und offen“. Und sie weiß jetzt endlich, warum sich die Stadt „Friedensstadt“ nennt: „Das hat mit dem 30-jährigen Krieg zu tun!“ In Russland konnte ihr das niemand erklären. „Man muss immer mit den Leuten sprechen“, sagt die Journalistin, die nach ihrer Rückkehr weitere Artikel über Osnabrück schreiben will.