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Die Georgstraße vor 105 Jahren: Flanieren und Repräsentieren Osnabrück: Bummeln an der Orgelfabrik

Von Joachim Dierks | 25.10.2011, 16:51 Uhr

Man sieht es der weitgehend verkehrsberuhigten Georgstraße heute nicht mehr an, dass sie einst eine wichtige Verkehrsfunktion wahrnahm. Sie führte nämlich vom ersten größeren Osnabrücker Bahnhof, dem sogenannten Hannoverschen, über den 1945 untergegangenen Schillerplatz mit seiner Ansammlung repräsentativer Hotel- und Bankgebäude zur Großen Straße als der Hauptgeschäftsstraße.

Die fotografische Vorlage der hier gezeigten Ansichtskarte erschien dem Verlag wohl nicht gut genug, sodass er sich genötigt sah, die Gebäudeumrisse nachzuzeichnen. Wobei der Retuscheur wiederum recht plump zu Werke ging. Diese etwas hausbacken gefertigte Postkarte lohnt es dennoch, vorgestellt zu werden, weil sie die Georgstraße aus einem sonst kaum festgehaltenen Blickwinkel zeigt. Standort des Betrachters ist die Möserstraße, der Blick geht über die Hasebrücke auf die Häuser der Großen Straße im Hintergrund. Noch weiter hinten ist der Katharinen-Kirchturm zu erkennen. Bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg trug er die vier charakteristischen Ecktürmchen am Haubenansatz.

Die Karte wurde am 29. Juli 1907 abgestempelt. Fräulein Marie Husmann in Menslage nebst ihrem Fräulein Schwester werden darauf von ihrer Osnabrücker Bekannten Lisbet Pilgrim herzlich gegrüßt. Weitere Mitteilungen enthält die Karte nicht. In einer Zeit, als an Handys, Facebook, Twitter und Co. nicht zu denken war und selbst normale Fernsprechanschlüsse von Privatpersonen eine große Seltenheit darstellten, war dies der Weg, einfach nur mal kurz „Hallo!“ zu sagen und freundschaftliche Verbundenheit auszudrücken.

Vielleicht wollte die Absenderin aber auch zusätzlich eine bauliche Neuerung in ihrer Heimatstadt vorstellen. Denn die Hasebrücke, erkenntlich an dem steinernen Brückengeländer auf der rechten Straßenseite vor dem Haus mit der Reklameaufschrift „Cigarren“ (Hoffmann), war 1907 gerade erst ein Jahr alt. Die Vorgängerbrücke war nicht einmal halb so breit gewesen und in einem engen Durchlass zur Großen Straße geendet. Jetzt war der „Durchstich“ vollendet, einer der zahlreichen, mit denen das mittelalterliche Straßennetz an wachsende Verkehrsbedürfnisse angepasst wurde.

Die rechte Straßenseite mit der „Piano- und Orgelfabrik Gebr. Rohlfing“ als Abschluss zur Großen Straße konnte stehen bleiben, während links das Eckhaus der Rackhorst’schen Buchhandlung abgerissen wurde. Rackhorst zog ein Haus weiter in das umgebaute und aufgestockte Anwesen Große Straße Nr. 22. Die linke Straßenfront der Georgstraße jenseits der Hase ist ebenfalls neu nach dem Durchstich errichtet worden. In dem Zuge entstand unter anderem das Haus Wüsthoff (Nr. 6) mit seinen bis heute erhaltenen Jugendstil-Zierelementen in der Fassade.

Paradoxerweise ist gerade dieser damals mit viel Aufwand verkehrsmäßig aufgewertete Abschnitt der Georgstraße derjenige gewesen, der 1973 als erster zur Fußgängerzone wurde.

Der imposante Eingangsbereich des Eckgebäudes vorn links mit dem historisierenden Säulenschmuck im Erdgeschoss gehört zur Tapetenhandlung August Vogelbein (Georgstraße 11). Die rechte Straßenseite wird auf diesem Bild von einem Gebäudekomplex mit barockisierenden Dachgiebeln beherrscht. Hier hatte die Handelsschule Bradinal ihren Sitz (Georgstraße 16).