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„Die Emotionen fühlt jeder“ Alexander Polyanichko dirigiert Orchester aus Wolgograd und Osnabrück

Von Ralf Döring | 18.03.2015, 06:30 Uhr

Die Kooperation der Sinfonieorchester aus Wolgograd und Osnabrück erreicht das nächste Level: Am Sonntag spielt die deutsch-russische Kooperation die Siebte Sinfonie von Schostakowitsch. Dirigent Alexander Polyanichko ist schon in der Stadt.

Alexander Polyanichko genießt Osnabrück. Noch vorgestern war er in einem Hotel in Moskau in der Nähe des Bolschoi-Theaters, „da kostete das Frühstück 2000 Rubel!“, offenbar pro Person. Macht umgerechnet für sich und seine Frau Lisa 60 Euro – die Entrüstung sitzt tief; die Anekdote ist das Erste, was der russische Dirigent erzählt.

Er ist zum ersten Mal in Osnabrück, hat bereits mit dem Symphonieorchester gearbeitet. „ Ein richtig gutes Orchester “, sagt er, und das aus Überzeugung. Ziel der Arbeit sind die Kooperationskonzerte des Osnabrücker Symphonieorchesters und des Akademischen Sinfonischen Orchesters Wolgograd am Sonntag und Montag; Polyanichko dirigiert die siebte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch, die sogenannte Leningrader Sinfonie.

Gedenken an die Opfer des Totalitarismus

Schostakowitsch hat dieses Werk 1941 begonnen und während der Leningrader Blockade vollendet. „Ich widme meine siebente Sinfonie unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem unabwendbaren Sieg über den Feind und Leningrad, meiner Heimatstadt“, hatte er 1942 geschrieben. Später hat er allgemeiner an die Opfer jeder Form von Totalitarismus gedacht und gesagt, „Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Stalins Befehl Ermordeten.“ Trotzdem verliert sich das Werk nicht in Düsternis, sondern drückt, so Polyanichko, „Freude, Tragik, Hoffnung und Triumph“ aus. „Diese Emotionen fühlt und versteht jeder sofort, der diese Musik hört“, sagt er.

Osnabrück in bester Erinnerung

Er kennt die Leningrader, kennt überhaupt die Musik von Schostakowitsch. „Seine Opern habe ich alle dirigiert, von den Sinfonien die meisten.“ Er ist lange im Geschäft: Anfang der 60er-Jahre studierte er in Wolgograd Geige – daher rührt sein Kontakt zum Wolgograder Orchester, und deshalb haben die Musiker ihn gebeten, die musikalische Leitung der deutsch-russischen Orchesterkooperation zu übernehmen. Seit 25 Jahren dirigiert er: im Mariinski-Theater in St. Petersburg, im Moskauer Bolschoi-Theater aktuell „ Lady Macbeth von Mzesnk “, in Deutschland, Neuseeland –Polyanichko ist ständig unterwegs. Schostakowitschs Siebte ist trotzdem etwas Besonderes für ihn, ein „Big Job“: Das Werk verlangt ein gigantisches Orchester, und dafür muss man überall auf der Welt etliche Musiker extra bezahlen.

Diesmal müssen die zusätzlichen Musiker vor allem die Strapazen einer langen Reise auf sich nehmen: Am Freitag um 14 Uhr kommt das Orchester aus Wolgograd in Osnabrück an, am Dienstag um fünf Uhr morgens verlässt es die Stadt wieder. Dazwischen wartet ein strammes Programm aus Proben und Konzerten. „Aber die Musiker freuen sich alle“, sagt Polyanichko. „Sie haben ihren ersten Besuch hier in bester Erinnerung.“