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Deutsch-russischer Kriegsfilm: „4 Tage im Mai“ Unverstandene Kriegsgewalt

Von Daniel Benedict | 27.09.2011, 16:28 Uhr

Die Täter begreifen ihre eigene Gewalt nicht: Mit dieser These nähert sich Achim von Borries’ „4 Tage im Mai“ den Gefechten und Vergewaltigungen des Zweiten Weltkriegs.

Kriegsende an der Ostsee: Ein russischer Trupp besetzt ein deutsches Waisenheim; als die Wehrmacht auftaucht, vermeiden die kriegsmüden Gegner sinnlose letzte Gefechte. Nur ein 13-Jähriger erwartet von sich Heldenmut, geht mit dem Gewehr auf den Feind los – und findet im sowjetischen Hauptmann einen väterlichen Gegenpart: Der Rotarmist bändigt nicht nur das kriegsbegeisterte Kind, sondern auch seine Männer, die den Mädchen des Waisenhauses nach dem Leib trachten. Die labile Balance hält, bis höhere Dienstgrade nachrücken. Auch sie halten sexuelle Gewalt für Siegerrecht; der aufrechte Soldat muss sich gegen die eigenen Leute stellen.

Vor drei Jahren brachte Max Färberböck das Thema der Massenvergewaltigung nach dem Krieg mit Pomp ins Kino – und in jeder Sequenz war „Anonyma“ (2008) darauf getrimmt, den Fallstricken des Tabuthemas auszuweichen. Bevor die Frau aus Berlin zum Opfer wird, betont sie ihre Verwicklung ins Nazi-Unrecht; und die Rotarmisten schreiten erst zur Vergewaltigung, als sie die bestialische Gewalt der Deutschen geschildert haben.

Auf diese Dramaturgie der politischen Korrektheit verzichtet Achim von Borries. Und das, obwohl sein Kriegsdrama „4 Tage im Mai“ ein erhöhtes Risiko eingeht: Die Ko-Produktion peilt auch den russischen Markt an, wo Kritik an der Roten Armee auf eine ganz andere Sensibilität stoßen muss. Einem deutschen Publikum verlangt der Film vor allem Bereitschaft zur Unbequemlichkeit ab: Weil Russen nun mal Russisch sprechen, sind weite Teile untertitelt.

Statt einmal mehr die historische Kulisse in den Sepiaton der verblichenen Fotografie zu tauchen, reduziert von Borries alle distanzierenden Gesten auf ein Mindestmaß. Das Hakenkreuz sieht man nur ein einziges Mal. Auch in der Inszenierung werden so die historischen Frontlinien unscharf – was zu einer Geschichte von Soldaten passt, die auf die eigenen Kameraden schießen.

Dieser Ausgangspunkt des Plots ist historisch verbürgt. Als die Episode vom Kriegsende aus den Militärarchiven gehoben wurde, machten russische Talkshows sie zum Thema. Auf diese Weise erfuhr auch der Hauptdarsteller Aleksei Guskov von dem Stoff. Als Ko-Produzent ließ er sich die Rolle des guten Hauptmanns auf den Leib schreiben; und trotz einiger Schattenmomente taugt der aus dem Elend des Kriegs klug gewordene Soldat tatsächlich als Identifikationsangebot – auch für ein russisches Publikum. Dass der Autor-Regisseur von Borries dieser Vaterfigur einen kleinen Jungen an die Seite stellt, lässt sich auch als These zur Gewalt verstehen: In einer Sequenz treiben Soldaten den 13-Jährigen in die Ostsee und lassen links und rechts von ihm Granaten explodieren – auf dass der Junge die toten Fische zum Grillen einsammelt. Folter als grausames Spiel großer Kinder: Nicht nur der Junge mit dem Gewehr, auch die Rotarmisten sind hier zu jung, um ihre eigene Gewalt zu begreifen.

„4 Tage im Mai“. D 2010.R: Achim von Borries.Mit: Pavel Wenzel, Aleksei Guskov, Gertrud Roll.97 Minuten. Ab 12 Jahren.