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Für "Ilex" ging es um Leben und Tod Der Redakteur, der von den Nazis durch Osnabrück getrieben wurde

Von Rainer Lahmann-Lammert | 13.01.2022, 12:00 Uhr

"Ich bin Ilex", stand auf dem Plakat, mit dem der Redakteur Josef Burgdorf von Nationalsozialisten durch Osnabrück getrieben wurde. An den Spießrutenlauf vom 1. April 1933 erinnert der Historiker Rolf Spilker in der neuen Ausgabe der „Osnabrücker Mitteilungen“.

Die Uniformierten lächeln voller Genugtuung, aber für Josef Burgdorf ist ungewiss, ob er diesen Tag überleben wird. Beklemmend wirkt die Szene auf dem Foto, sichtbar eingeschüchtert von den Schlägen und Tritten der johlenden Schergen versucht der Journalist, Haltung zu bewahren und den Prangermarsch durch die Innenstadt zu überstehen.

Rolf Spilker, der frühere Leiter des Museums Industriekultur, hat zusammengetragen, wie es zu diesem Spießrutenlauf gekommen ist. Sein Beitrag ist in der neuen Ausgabe der "Osnabrücker Mitteilungen" des Historischen Vereins (Band 126) erschienen.

Hakenkreuzlern die Intelligenz abgesprochen

Zweifellos hatte Burgdorf die Nationalsozialisten in Osnabrück bis zur Weißglut geärgert. Als Chefredakteur der SPD-Zeitung "Freie Presse" veröffentlichte er unter dem Pseudonym "Ilex" (Stechpalme) seine Plaudereien, in denen er die lokalen NS-Größen als willfährige Einfaltspinsel charakterisierte.

Als die Romanverfilmung von Remarques "Im Westen nichts Neues" in die Kinos kam, wurden die Vorstellungen vielerorts von pöbelnden Horden gestört. Auch in Osnabrück sollte der Antikriegsfilm gezeigt werden, und das, so notierte "Ilex" mit spitzer Feder, "behagt unseren braunen Nazis durchaus nicht. Einige Hitler-Jünger versuchten, Karten dazu zu bekommen. Sie wurden an der Kasse leicht als Hakenkreuzler erkannt, da sie vergeblich versuchten, ihren Gesichtern den Ausdruck der Intelligenz zu geben".

Rolf Spilker macht deutlich, dass der Journalist Josef Burgdorf offensichtlich gute Quellen hatte und immer wieder Interna aus dem NS-Apparat ausplauderte. Dafür steht eine Episode, die er einem in Ungnade gefallenen SS-Mann widmete. "Unser alter Freund Hermann Larberg aus der Meller Straße", so schreibt er, habe bei einer Schlägerei zwischen Reichsbannerleuten und Mitgliedern der NSDAP eine "so gewaltige Rolle gespielt", dass er "wegen irgendwelcher Dienstvergehen aus der SS ausgeschlossen" worden sei. "Ilex" stichelte: "Das raubte ihm den Schlaf und Appetit. Endlich raffte er sich zu einem großen Entschlusse auf. Er fuhr mit dem Rade nach Oldenburg und tat dort vor einem Gewaltigen der Gauleitung einen Kniefall. Er hatte Erfolg, er ist jetzt wieder in Gnaden in die SS aufgenommen und darf Adolf aus allernächster Nähe bewundern – wenn Adolf wirklich nach Osnabrück kommt, was noch nicht ganz heraus ist."

Gewaltsam ins "Braune Haus" gebracht

Die Rache der Nazis ließ nicht lange auf sich warten. Wenige Tage nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 schalteten sie die Medien gleich und sperrten politische Gegner in "Schutzhaft". Ebenso wie viele andere sozialdemokratische, kommunistische oder kritische bürgerliche Zeitungen wurde Burgdorfs "Freie Presse" verboten.

Der 1. April war der Tag, an dem die Nationalsozialisten zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen. Wo Willkür und Gewalt von staatlicher Seite legitimiert schienen, bot sich nun Gelegenheit, eine Rechnung mit dem missliebigen Redakteur zu begleichen. Rolf Spilker beschreibt ausführlich, was Josef Burgdorf an diesem Tag angetan wurde.

Gegen 13.30 Uhr erschienen erst drei und später elf SA-Männer in seiner Wohnung am Lieneschweg 106 und brachten ihn gewaltsam in die zu dieser Zeit als "Braunes Haus" bekannte Villa Schlikker am Kanzlerwall (heute der Heger-Tor-Wall), der Osnabrücker NSDAP-Zentrale. Sie malträtierten ihn mit Schlägen und Tritten, drohten sogar an, ihn zu erschießen, um zu erfahren, wer ihm Informationen aus dem Parteiapparat zugesteckt habe. Der Redakteur wurde die Treppe hinuntergestoßen, bekam vor der Tür das Schild "Ich bin Ilex" in die Hand gedrückt und musste, von der Meute und ihren Demütigungen begleitet, den Weg nach Hause antreten.

Eigentlich hatten die Schergen seine Wohnung durchsuchen wollen, aber Burgdorfs Drohung, er werde sie wegen Hausfriedensbruchs anzeigen, wirkte. Stattdessen zog der SA-Trupp mit ihm über die Rheiner Landstraße und die Martinistraße in die Innenstadt. Dabei wurde der Redakteur fortlaufend an den Kopf geschlagen, man riss an seinen Haaren, trat ihm auf die Füße und in die Knie, sein Hut wurde in den Dreck geworfen und ihm wieder aufgesetzt. So ging es dann auch weiter vom Neumarkt durch die Große Straße und die Hasestraße zum Polizeigefängnis an der Turnerstraße. Dort wurde Burgdorf für sechs Tage in "Schutzhaft" gesteckt. Weitere Gefängnisaufenthalte und eine Internierung im Konzentrationslager Sachsenhausen folgten in den folgenden zwölf Jahren.

Einem Passanten vier Zähne ausgeschlagen

Welche Rolle die Polizei damals gegenüber dem braunen Terror einnahm, verdeutlicht eine spätere Aussage des damaligen Polizeioffiziers Wangelin. Er war in der Großen Straße auf den Prangermarsch aufmerksam geworden, konnte daran aber nichts Ungesetzliches entdecken: "Wir fuhren also mit dem Wagen an den Zug heran und stellten fest, daß Ordnung und Sicherheit herrschten".

Der 1. April 1933 war ein Samstag und die Innenstadt folglich belebt. Somit stellt sich die Frage, wie sich die Menschen verhielten, die das makabere Treiben verfolgten. Historiker Spilker nimmt an, "dass nicht alle Passanten zu Schaulustigen wurden. Viel mehr dürften einige den als Schläger verdächtigten SA-Leuten aus dem Weg gegangen sein, während sich andere wohl mit Abscheu abgewandt haben. Den Mut, einzuschreiten oder Burgdorf beizustehen, brachte jedoch niemand auf." Aktenkundig ist, dass NSDAP-Ortsgruppenleiter Erwin Kolkmeyer, der "Ilex" während des gesamten Spießrutenlaufs fortwährend drangsalierte, einem zufällig des Weges kommenden Mann vier Zähne ausschlug, weil der "pfui" gerufen haben soll.

Die Peiniger mussten vor Gericht

Das Foto des Prangermarsches entstand am Domhof in Höhe des Theaters. Bislang war nur eine etwas unscharfe Kopie bekannt. Spilker entdeckte den besser konturierten Abzug in einer Prozessakte, die im Niedersächsischen Landesarchiv aufbewahrt wird.

Drei Männer, die auf diesem Foto deutlich zu erkennen sind, wurden 1949 vom Schwurgericht verurteilt: Der wegen des Novemberpogroms von 1938 schon vorbestrafte Uhrmacher und NSDAP-Ortsgruppenleiter Erwin Kolkmeyer (der Mann mit den hohen Stiefeln auf dem Bild rechts von "Ilex") wurde zu einer Gefängnisstrafe von zehn Monaten verurteilt. Mit einer geringeren Freiheitsstrafe von jeweils drei Monaten kamen SA-Scharführer Walter Barthold (im Vordergrund ganz rechts) und Hermann Knopf (mit Hut und weißem Mantel) davon. Das Straffreiheitsgesetz von 1949 bewahrte sie aber vor dem Gefängnisaufenthalt.

Josef Burgdorf gehörte nach dem Krieg zeitweilig für die KPD dem Stadtrat an, wurde in Hannover Herausgeber der kommunistischen „Volksstimme“, wandte sich vom Stalinismus ab und trat wieder in die SPD ein. Von 1947 bis 1955 arbeitete er als Wirtschafts- und Sozialdirektor bei den Osnabrücker Stadtwerken, musste wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen aber vorzeitig seinen Ruhestand antreten und starb 1964 im Alter von 69 Jahren. Beigesetzt wurde er auf dem Heger Friedhof – mit dem Strauß einer Stechpalme. Sein Grab existiert aber nicht mehr.