Ein Artikel der Redaktion

Der Kanalausbau geht voran Osnabrück vor 100 Jahren

22.07.2012, 17:31 Uhr

Der Bau von Stadthafen und Stichkanal macht „bei Verwendung moderner Arbeitsmaschinen“ gute Fortschritte. Das Osnabrücker Tageblatt kündigt an, dass „der Weg von der Netterheide zur Papierfabrik der Brüder Kämmerer“ (also die heutige Römereschstraße) vom 12. bis zum 20. Juli 1912 für Fuhrwerk und Reiter gesperrt werden müsse. Der Fußgängerverkehr sei allerdings nicht behindert.

Die Wegsperrung ist erforderlich, um das Kanalprofil vom Stadthafen aus weiter nach Norden in Richtung Hollage fortführen zu können. Nördlich dieser Wegeverbindung durchzieht bereits ein tiefer Einschnitt die Bodenerhebungen in der westlichen Ecke des Militärübungsplatzes und knabbert im weiteren Verlauf den südlichen Ausläufer des Piesbergs, das „Pyer Ding“, an. Der Reporter beschreibt begeistert, wie aus dieser Baustelle „auf langen Gleisreihen in schneller Folge Feldbahnzüge nach dem Hafen zu fahren“. Der Boden wird verwendet, um die alte Haseniederung um bis zu zwei Meter aufzufüllen und so dem künftigen Uferbereich des Hafens ein einheitliches Niveau zu geben.

„Die schwerste Bürde nimmt den Menschenhänden dabei ein ‚eherner Arbeiter‘ ab“, heißt es da weiter, „die Transportzüge fahren auf, und mit jedesmal einem einzigen Griff langt eine große Dampfschaufel wie die Faust eines Giganten aus dem Boden eine ganze Wagenladung heraus.“ Elektrische Lampen sind über das ganze Baugebiet verteilt, und so wird auch nach dem Eintritt der Dunkelheit gearbeitet. Die Arbeiter wohnen in einer großen Baracke, die in der Nähe der Papiermühle erbaut wurde.

In Osnabrück tritt die Hauptversammlung „der Sanitätskolonnen vom Roten Kreuz in der Provinz Hannover“ zusammen. In Fachvorträgen geht es um „moderne Wundbehandlung“. Im Anschluss werden ein Sauerstoff-Apparat und eine neuartige Krankentrage vorgeführt. Sie besteht aus einem zerlegbaren, mit „Pneumatikrädern“ versehenen Wagen. Zerlegt und mit dem Fahrrad verbunden, kommt das Gerät auf der Unglücksstätte an und ist in wenigen Minuten zusammengesetzt. Ist nun der Wagen an das Fahrrad gehängt, geht der Transport ungleich schneller und „dem Kranken dienlicher vonstatten, als es bei den bisherigen Einrichtungen möglich war“. Leicht lässt es sich Treppen hinaufbringen und dann bis an das Bett im Krankenhaus fahren.

Unter der Überschrift „Eine ernste Mahnung“ meldet das Tageblatt: Die Angewohnheit, besonders bei Kindern, sich in erhitztem Zustande an kalten Getränken oder gar Fruchteis zu laben, hätte dieser Tage einen elfjährigen Knaben beinahe das Leben gekostet. Er erkrankte bald nach dem Genuss von Fruchteis so heftig, dass mehrere Tage ernste Gefahr für sein Leben bestand. Eltern und Lehrpersonen können die Kinder nicht oft genug vor jenen zweifelhaften Genüssen warnen.

Die an der Kokschen Straße hergestellte neue Eisenbahnunterführung wird dem Verkehr übergeben. Der bislang benutzte Überweg über die Eisenbahnstrecke Wanne–Bremen wird aufgehoben und gesperrt.

Auf dem Deutschen Städtetag werden die Ergebnisse einer Anfrage an die deutschen Städte vorgestellt, an der sich auch Osnabrück beteiligt hat. Es wurde erhoben, welchen Anteil die Trunksucht an den von Jahr zu Jahr bedenklich wachsenden Armenlasten habe. Das erschreckende Ergebnis: zwischen 20 und 30 Prozent! Die Zeitung schreibt: „In Deutschland gibt es mindestens 300000 Trunkenbolde, die mehr oder weniger, meist aber mehr, dem Stadtsäckel zur Last fallen. Sie kosten laufende Unterstützungen, einmalige Beihilfen bei Arbeitsnot und im Winter, bei Krankheit für Arzt und Apotheker, für Kranken- und Siechenhäuser, für Erholungsheime und Heilanstalten, für Polizei- und sonstige Sicherheitsmaßregeln, für Gefängnisse, Zuchthäuser und Irren- und Besserungsanstalten, und endlich nach dem Tode an Unterstützungen für Witwen und Waisen. Sie verursachen nur Unkosten und bringen nie etwas ein, sodass eine Stadt nicht nur ihre Steuerkraft verliert, sondern auch noch Unsummen hinzuzahlen muss. Notwehr ist am Platze!“ Als Abwehrmittel empfiehlt der Vortragende ausgiebige Aufklärung durch Wort und Schrift und, wenn sie ihr Ziel verfehlt hat, eine „organisierte Trinkerfürsorge“.

Der bargeldlose Zahlungsverkehr ist zumindest für Privatpersonen noch in weiter Ferne. Im amtlichen Teil des Tageblattes geben die Städtische Steuerkasse und das Einziehungsamt ein Verzeichnis der Straßen bekannt, in denen in der Woche vom 10. bis 15. Juli die staatlichen und städtischen Abgaben für das 2. Vierteljahr 1912 nach Art einer Haustürsammlung „abgeholt“ werden.

In den überregionalen Meldungen taucht der polnische Arbeiter Joseph Kalka von der Grube Bismarck in Offleben (bei Neuhaldensleben) auf. Er wollte einen Hering, den er an eine Schnur gebunden hatte, an dem Draht der Starkstromleitung „schmoren lassen“. Er kletterte trotz Warnung an dem eisernen Mast hoch, um den Hering an der Schnur über den Draht zu werfen. Als die Schnur den Draht berührte, erhielt K. einen elektrischen Schlag, der ihn sofort tötete.

Im Geschäftsbericht der hiesigen Handelskammer wird einigen Sparkassen vorgeworfen, dass sie zu bankmäßiger Tätigkeit übergegangen seien, seitdem die Einführung des Scheck- und Kontokorrent-Verkehrs gestattet ist. Der Zeitungsredakteur ist anderer Meinung. Die Banken sollten sich nicht beschweren. Eher könnte darüber geklagt werden, dass Bankinstitute und Genossenschaften sich durch die Bezeichnung „Sparkasse“ den Anschein zu geben suchen, als wären sie öffentliche Anstalten.

Der Juli ist der Monat der Schützenfeste, damals wie heute. Der Schützenverein Lustgarten etwa lässt verlauten: „Kompagniebefehl. Die erste Kompagnie tritt morgen nachmittag 2 ½ Uhr bei Gastwirt Hengst, Augustenburger Straße, an. Leichte Gewehre zum Ausmarsch sind daselbst leihweise zu haben. Gezeichnet: Dunkhorst, Hauptmann.“ Der Marsch führt zum Festplatz Bellevue. Am Montagvormittag schließlich ist das Vogelschießen. „Für Unterhaltungen, Kinderbelustigungen usw. ist auch diesmal in ausgiebigstem Maße gesorgt.“