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„Das Zentrum der Stadt“ 500 Jahre Osnabrücker Rathaus: Mittelalter-Markt und Festakt zum Auftakt

Von Thomas Wübker | 24.06.2012, 16:33 Uhr

Mit einem Festakt und einer großen Torte sind am Samstagvormittag die Feierlichkeiten zum 500-jährigen Rathaus-Geburtstag im Friedenssaal eröffnet worden. Festredner Stephan Weil, Oberbürgermeister der Stadt Hannover, hob die Rolle der Rathäuser als Zentren städtischer Gemeinschaften hervor und lobte insbesondere das Osnabrücker Rathaus: „Geschichte ist selten so sinnlich erfahrbar wie hier.“

„Die beliebteste Kulisse Osnabrücks findet man nicht im Theater, sondern im Rathaus“, sagt Oberbürgermeister Boris Pistorius in seiner Ansprache vor vielen Gästen aus Politik und Gesellschaft. Einige der Geladenen würden das Innenleben des Rathauses aus ihrer teils langjährigen kommunalpolitischen Tätigkeit kennen. Viele Osnabrücker erinnerten sich aber auch an ihren Steckenpferd-Ritt über die Rathaustreppe, sagte Pistorius.

„Das Rathaus ist kein Museum, sondern es steht mitten im Leben“, sagte das Stadtoberhaupt. Es sei als Opposition zum Dom vor 500 Jahren gebaut worden, um der bürgerlichen Gesellschaft ein Zentrum zu geben. „Heute pflegen wir entspannte Beziehungen“, sagte Pistorius in Richtung von Generalvikar Theo Paul. 20 Jahre nach der Entdeckung Amerikas hätten die Ratsherren im Rathaus ihren weltlichen Machtanspruch domestiziert.

Der OB verwies aber auch auf den Mut der Bürger, das Haus vor 500 Jahren zu bauen und damit die Innenstadt neu zu gestalten. Das Rathaus hätten die Osnabrücker den vielen Bauleuten zu verdanken, die ab 1487 an der Entstehung gearbeitet hätten. Pistorius dankte aber auch den heutigen „Bauleuten“, die die zahlreichen Veranstaltungen zum 500. Rathaus-Geburtstag organisiert haben.

Das Rathaus von Hannover ist längst nicht so alt wie sein Pendant in Osnabrück. Im kommenden Jahr soll in der Landeshauptstadt der 100. Geburtstag gefeiert werden. „Das ist gewissermaßen Rathaus-Pubertät“, scherzte der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt, Stephan Weil, in seiner Festrede.

Seine Ansprache halte er ausdrücklich als Bürgermeister einer Nachbarstadt, betonte er. „Sie werden von mir auch nur bürgermeisterliche Töne hören.“ Weils Einladung zum Festakt war im Vorfeld von CDU und FDP kritisiert worden. Die Rats-Opposition hatte gemutmaßt, OB Pistorius wolle seinem Parteigenossen einen Wahlkampf-Auftritt verschaffen. Weil tritt im Januar 2013 bei der Landtagswahl als SPD-Spitzenkandidat an.

Weil hielt tatsächlich keine Wahlkampfrede, sondern eher eine Geschichtsstunde ab. Er schlug einen Bogen von den Rathäusern der heutigen Zeit zu den Things der Germanen vor 2000 Jahren. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus habe berichtet, dass dort wichtige politische und militärische Entscheidungen unter Zuhilfenahme von viel Alkohol gefunden worden seien. „Da haben wohl die Ratskeller ihren Ursprung“, vermutete Weil augenzwinkernd.

Rathäuser seien später an sicheren Marktstandorten errichtet worden, um einerseits mitten im Geschehen zu stehen und andererseits sicher die Steuern der Händler eintreiben zu können. In den Rathäusern hätten Stadträte eine „Selbstverwaltung einer örtlichen Gemeinschaft“ gegründet. Dies sei auch heute noch so, und so werde es auch in Zukunft sein, prophezeite Weil. Rathäuser seien aus weltlicher Sicht Zentren der Gemeinschaft, betonte der Sozialdemokrat. Kommunalpolitik müsse lebendig sein. „Die Aufgabe eines Rathauses muss es sein, dass alle Menschen es als Zentrum empfinden.“

Im Anschluss an die Festreden schnitt Pistorius die von der Osnabrücker Konditorei Coppenrath gebackene Geburtstagstorte an und eröffnete den historischen Markt vor dem Rathaus, der vom Turm der Marienkirche herab mit Fanfaren angekündigt wurde.

Auf dem Marktplatz verlustierte sich das Volk wenig später bei Osnabrücker Wein und Bier, Bauernbrot und mittelalterlichem Gebäck, und es bestaunte feine Tücher und Stoffe. Inmitten der mittelalterlich gekleideten Marktleute ließ sich André Pfeiffer-Perkuhn aus Münzenberg bei Frankfurt in seiner silbern glänzenden Ritterrüstung bewundern. Die sei nach originalen Quellen angefertigt worden, sagte er. „Wir wollen das Mittelalter so authentisch wie möglich rüberbringen.“ Wie vor 500 Jahren gekämpft wurde, zeigte er bei Vorführungen. Auch das Anlegen der Rüstung wurde dabei erklärt, und Pfeiffer-Perkuhn zeigte, was unter der Panzerung steckt: ein Wams mit einem schützenden Netz aus Eisen. Das Anlegen der 25 Kilogramm schweren Rüstung dauert übrigens etwa eine Viertelstunde.

Der ritterliche Zweikampf gehörte zu den vielen mittelalterlichen Darbietungen, die am Samstag und Sonntag im und um das Rathaus gezeigt wurden. Es wurden Geschichten erzählt und Musik gespielt. Kinder konnten mit der Armbrust schießen, Briefmarkensammler einen Sonderstempel der Post ergattern und Damen mittelalterliche Gewänder anprobieren.

Das Wochenende war auf dem Marktplatz ganz der Zeit gewidmet, als das Rathaus seine Geburt erlebte. Viele Marktleute kamen in originalgetreuer Kleidung. Nur die eine oder andere neuzeitliche Zigarette, die sich manche Marktfrau anzündete, umwehte den Platz vor dem Rathaus mit dem Geruch der Gegenwart.

Die 500-Jahr-Feiern gehen mit zahlreichen kulturellen Veranstaltungen weiter. Das aktuelle Programm gibt es im Internet unter www.500-jahre-rathaus.de .