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Das Leben ist leichter geworden Osnabrückerin in Bundesvorstand Leichte Sprache gewählt

Von Thomas Wübker | 30.04.2016, 13:25 Uhr

Die Osnabrückerin Stephanie Schuchmann ist in den Bundesvorstand des Netzwerks „Leichte Sprache“ gewählt worden.

Zuletzt arbeitete sie an der Übersetzung der Grundrechte in die Sprache, die den Menschen das Verstehen von Texten erleichtern soll, die Lern-Schwierigkeiten haben oder kaum Deutsch sprechen können. „Sie verbessert das Verständnis und ist deutlicher“, erklärt Thorsten Lotze, der in Osnabrück das Büro für Leichte Sprache und Barrierefreiheit betreibt.

Das Gesicht der 48-jährigen Stephanie Schuchmann ist in Osnabrück bekannt. Viele Jahre war sie im Nachtleben unterwegs, besuchte oft kulturelle Veranstaltungen in der Lagerhalle. „Das waren meine Glanzzeiten“, sagt sie ironisch. Die Ironie kann nicht aus ihrer Stimme herausgehört werden, denn Stephanie Schuchmann kommuniziert über eine spezielle Computer-Software, die sie mit ihren Pupillen steuert, oder über ihren Assistenten Christian Buchholz. Sie ist mit einer Tetraspastik in Bissendorf geboren worden. Ihre Lebenslust hat das nicht behindert.

Seit fünf Jahren im Büro für Leichte Sprache

Stephanie Schuchmann hat vor fünf Jahren angefangen, im Büro für Leichte Sprache in den Osnabrücker Werkstätten zu arbeiten. Vorher konnte sie nicht richtig lesen, nur einzelne Wörter erkennen, erzählt sie. Heute arbeitet sie als ausgebildete Prüferin für Leichte Sprache in dem Büro von Thomas Lotze, der sich 2014 damit selbständig gemacht hat. Das Büro übersetzt Texte in Leichte Sprache und lässt sie von Prüfern wie Stephanie Schuchmann auf Verständlichkeit untersuchen.

Stephanie Schuchmann sagt, sie habe sich durch die Leichte Sprache in ihrer Persönlichkeit weiter entwickeln können und kann nun offener auf Menschen zu gehen. „Durch die Leichte Sprache ist vieles leichter für mich geworden.“ Weil sie ihre guten Erfahrungen weiter geben möchte, habe sie sich im Oktober 2015 für einen Platz im Bundesvorstand des Netzwerks „Leichte Sprache“ beworben, sagt sie. „Ich will diese wunderbare Sache weiter voran treiben.“

Netzwerk verbindet Menschen aus fünf Nationen

Im Netzwerk arbeiten Menschen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Luxemburg und Italien zusammen. Es setzt sich dafür ein, dass mehr Informationen, mehr Bücher und mehr Texte im Internet in Leichte Sprache übersetzt werden. In Deutschland leben zehn Millionen Menschen mit einer Behinderung. Thorsten Lotze meint, die Leichte Sprache werde nicht nur von ihnen genutzt, um zum Beispiel Behördensprache zu verstehen. Für die Stadtwerke hat Lotzes Büro zum Beispiel einen Flyer angefertigt, der es neben behinderten Menschen, Leuten mit sprachlichen Einschränkungen auch Migranten ermöglicht, am Busverkehr teilzuhaben. Darin erfahren sie, wo sie Fahrkarten kaufen können oder einen Schwerbehinderten-Ausweis bekommen.

Für Stephanie Schuchmann bringt die Nutzung der Leichten Sprache noch mehr als praktische Hilfen im Alltag. Durch die Arbeit im Bundesvorstand und die Übersetzung der Grundrechte habe sie diese erst kennen gelernt. Zwar habe sie als Teenager mal in der Schule davon gehört. „Aber wie 17-Jährige so sind, ich habe nicht zugehört“, erzählt sie. Als sie die Texte gelesen hatte, gingen ihr buchstäblich die Augen auf. „Endlich verstehe ich, welche Grundrechte ich habe.“