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„Das Auto als Waffe eingesetzt“ Strafbefehl für Porschefahrer, Polizisten bleiben ungeschoren

Von Rainer Lahmann-Lammert | 23.06.2017, 17:34 Uhr

Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen zwei Polizisten eingestellt, die einen Autofahrer bei einer Verkehrskontrolle in Osnabrück blutig geschlagen hatten. Einen Strafbefehl bekommt dagegen der 72-jährige Pharmazeut am Steuer des Porsche Cayenne. Der hat jetzt Beschwerde eingelegt.

Dass von Polizeihand zugeschlagen wurde, ist inzwischen nicht mehr strittig. Nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer soll es sich um einen „Schockschlag“ gehandelt haben, „um den Autofahrer kampfunfähig zu machen“. Über den Geschehensablauf gebe es sehr unterschiedliche Schilderungen, die Vernehmungen ließen aber den Schluss zu, dass die Beamten angemessen reagiert hätten.

Der 72-jährige Pharmazeut Jörg Oberhoff wird beschuldigt, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte in einem besonders schweren Fall geleistet zu haben. „Er hat das Auto als Waffe eingesetzt“, sagt Alexander Retemeyer, der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Als ihm eine Zivilstreife der Polizei auf den Fersen war, habe er versucht, die Beamten durch eine äußerst riskante Fahrweise abzuschütteln und sie sogar abzudrängen.

Gefährliche Manöver

 Zu der Verfolgungsfahrt war es am Morgen des 11. Januar gekommen, als Oberhoff mit seiner Ehefrau von der Wohnung in Fürstenau zu deren Arztpraxis nach Osnabrück fuhr. Auf der Bundesstraße 218 sei der Porsche Cayenne den Beamten der Zivilstreife zum ersten Mal aufgefallen, weil der Fahrer im Überholverbot – bei Gegenverkehr – überholt habe. Nach Darstellung der beiden Verfolger sei es am laufenden Band zu weiteren gefährlichen Manövern gekommen, berichtet Oberstaatsanwalt Retemeyer.

Immer wieder hätten die Gesetzeshüter versucht, den Mann am Lenkrad des Porsche Cayenne zum Anhalten zu bewegen. Weil es noch dunkel war, mit einer beleuchteten Polizeikelle, und als die ihre Wirkung verfehlte, mit Warnblinkanlage, Lichthupe und Hupe. Die Beamten bekamen offensichtlich den Eindruck, dass beide Insassen des Sportwagens ihre Anhaltesignale zwar erkannt, aber bewusst missachtet hätten. So habe der Pharmazeut seine wilde Fahrt über die Autobahn A1, das Lotter Kreuz und die A30 unbeirrt fortgesetzt und dabei weitere Verkehrsverstöße begangen, bis die Fahrt an der Rheiner Landstraße in der Nähe von Ikea vor einer roten Ampel endete. Dort kam es zum „Zugriff“ der beiden Polizisten.

„Er wollte beißen“

Nach ihrer Darstellung wurde der Porschefahrer mehrfach lautstark zum Aussteigen aufgefordert. Dabei sei auch eine Pistole gezogen, der Lauf aber nach unten gehalten worden, vermerkt Oberstaatsanwalt Retemeyer. Oberhoff habe die Scheibe nur kurz heruntergelassen und sie dann wieder schließen wollen, was die Polizisten zum Anlass genommen hätten, in den Innenraum zu greifen. Sie werfen dem 72-Jährigen vor, er habe sie geschlagen und sogar zu beißen versucht.

Nur um ihn an der Weiterfahrt zu hindern, will der größere der beiden Polizisten eine „Schocktechnik“ angewandt haben. Gemeint ist ein Schlag mit der flachen Hand ins Gesicht des Mannes, den die Streife über eine Strecke von 30 Kilometern verfolgt hatte. Erst nach dieser Attacke habe er die Tür entriegelt, ohne allerdings auszusteigen. Deshalb sei den Beamten nichts anderes übrig geblieben, als ihn aus dem Auto herauszuziehen, so Retemeyer.

Nach ihrer Darstellung hat sich der Porschefahrer widersetzt, als er aufgefordert wurde, sich mit dem Gesicht gegen die Fahrerseite des Sportwagens zu stellen. Deshalb hätten ihm die Beamten die Arme auf den Rücken gedreht und ihn gegen seinen Wagen gedrückt. Dass er eine blutende Prellung an der Stirn und eine blutende Nase davontrug, sei ihm selbst zuzuschreiben, folgert die Staatsanwaltschaft. Hätte er sich nicht zur Wehr gesetzt, wäre ihm nichts geschehen, lautet die Schlussfolgerung.

„Keine Gegenwehr“

Oberhoff widerspricht dieser Darstellung entschieden. Dass die Beamten straffrei bleiben sollen, hat ihn zu einer Beschwerde gegen die Entscheidung der Staatsanwaltschaft veranlasst. Ihm sei das Geschehen vor der roten Ampel wie ein Raubüberfall erschienen, beteuert der 72-jährige Pharmazeut. Die Polizisten hätten sich nicht als solche zu erkennen gegeben, im Übrigen sei es stockdunkel gewesen. Außerdem habe er keinerlei Gegenwehr geleistet.

Nach dem Herunterlassen der Scheibe seien ihm sofort fünf oder sechs harte Schläge ins Gesicht verpasst worden. Die Beamten hätten ihn auf die Straße geschmissen, mit dem Gesicht nach unten, und einer der beiden habe ihn getreten und sich auf seinen Rücken gestellt. Anschließend sei er mehrfach mit dem Kopf gegen die hintere Seitenscheibe seines Autos geschlagen worden, sagt Oberhoff. Dass er es nicht mit Räubern, sondern mit Polizisten zu tun hatte, sei ihm erst klar geworden, als er den Schriftzug auf dem Rücken des einen Beamten gelesen habe.

Acht Monate auf Bewährung

Die Staatsanwaltschaft, die auch die Ehefrau des Pharmazeuten vernommen hat, sieht einige Widersprüche in den Aussagen. Unter dem Strich wird die Darstellung der Polizisten für wahrscheinlicher gehalten. Mit dem Ergebnis, dass Oberhoff nun einen Strafbefehl erhält – über eine Freiheitsstrafe von acht Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Außerdem soll er 3000 Euro an die Opferhilfe zahlen. Nach Auskunft des Amtsgerichts hat der Beschuldigte Widerspruch gegen den Strafbefehl erlassen. Damit wird die Angelegenheit demnächst wohl vor einen Richter kommen.