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Christoph Seidel im Interview Stadtgalerie Osnabrück zeigt ab 2017 Outsider Art

Von Dr. Stefan Lüddemann | 28.07.2016, 08:00 Uhr

Was passiert in der Osnabrücker Stadtgalerie? Die Stadt hatte den Zuschuss für das Ausstellungsprogramm gestrichen. Jetzt springt die Heilpädagogische Hilfe (HHO) ein. Künstler Christoph Seidel kuratiert das Programm mit Outsider Art.

 Was wollen Sie ab Januar 2017 in der Osnabrücker Stadtgalerie zeigen? 

Ich lege den Schwerpunkt auf Outsider Art. Es geht darum, mit diesem Programm auch ein Alleinstellungsmerkmal für die StadtGalerie zu erobern. Der Gedanke an einen solchen Programmschwerpunkt ist naheliegend, da die Heilpädagogische Hilfe Osnabrück als bildungsträger der Behindertenhilfe das Stadtgalerie-Cafe betreibt. Wir sind in dem Feld der Outsider Art kompetent und glaubwürdig. Hier weiterlesen: Die Kunst von Christoph Seidel - neue Bilder in Schieder-Schwalenberg. 

 Was ist Outsider Art? 

In den fünfziger Jahren prägte der Künstler Jean Dubuffet den Begriff der Art Brut, 1972 kam der Begriff Outsider Art von Roger Cardinal hinzu. Damals wurde deutlich, dass sich immer mehr Projekte der Kunst mit behinderten Menschen entwickelt hatten. Zudem wandten sich die ersten Museen und auch neue Galerie dem Thema zu. Der Begriff Outsider Art läuft bis in unsere Zeit weiter. Heute wird allerdings kritisch diskutiert, welche Kunst mit diesem Begriff gemeint sein kann. Im Zeichen der Debatte um Inklusion kommt die Frage auf, ob wir einen solchen Begriff überhaupt noch brauchen. Könnte man nicht einfach sagen, dass auch dies einfach Kunst ist? Für die Stadtgalerie gilt, dass ich Themen der Kunst von Menschen zeigen möchte, die nicht auf dem konventionellen Wege am kulturellen Leben teilnehmen können. Das sind Menschen mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung, mit psychischer Beeinträchtigung, oder hörgeschädigte Menschen. Denkbar sind aber auch Projekte mit Forensikpatienten, Obdachlosen oder Demenzkranken. Hier weiterlesen: Osnabrücker Studierende stellen auf der Iburg aus. 

 Dieses Feld wurde im 20. Jahrhundert auch geprägt durch die Heidelberger Prinzhorn-Sammlung. Ist das für Sie noch ein Anknüpfungspunkt?  

Die Prinzhorn-Sammlung hat einen historischen Kern. Dort wurde zunächst nur die Kunst von psychisch kranken Menschen bis in die dreißiger Jahre gesammelt, zunächst vor allem aus therapeutischen Gesichtspunkten. Danach wurde die Medikation von Psychiatriepatienten flächendeckend eingeführt. Aus diesem Grunde ging man in der Vergangenheit in der Prinzhorn- Sammlung davon aus, dass Spannungsspitzen auf diese Weise wegtherapiert wurden und damit womöglich auch die Kreativität der Patienten beeinträchtigt wurde. Dahinter steht eine sehr romantisierende Vorstellung von der großen Kreativität dieser Patienten. Der damit verbundene historische Zugang interessiert mich nicht mehr so richtig. Leitend war damals auch die Vorstellung, Kunst von Menschen zu sammeln, die keine entsprechende Anleitung erhalten hatten, also vollständig autodidaktisch arbeiteten. Das gibt es heute so kaum noch. Praktisch jede Einrichtung in diesem Feld verfügt über ein künstlerische Vermittlungsprojekte mit sicherlich sehr unterschiedlichen Ansätzen und Qualitäten. Auch der „Kunstcontainer“ ist ein solches kulturelles Bildungsangebot in der HHO. Hier weiterlesen: Museums- und Kunstverein lobt Osnabrücker Kunstpreis aus .

 Wie viele Ausstellungen wollen Sie pro Jahr zeigen? 

Zunächst muss gesagt werden, dass die Heilpädagogische Hilfe, die das Stadtgalerie-Café betreibt, kein Kulturträger ist, und es ist nicht ihr Ziel mit diesen in Konkurrenz zu treten. Kunst ist allerdings aufgrund der Erfahrungen mit dem „Kunstcontainer“ auch auf der Leitungsebene der HHO - aus unterschiedlichen Gründen - ein Thema geworden. Der Aufwand muss sich allerdings im Rahmen halten. Wir machen vier Ausstellungen im Jahr. Hier weiterlesen: Christoph Seidels Bilder im BBK-Kunstquartier. 

 Werden Sie mit anderen Kunstorten wie der Galerie „hase29“ oder dem BBK-Kunstquartier kooperieren? 

Das ist sehr wünschenswert und was ich auch unbedingt anstreben werde, um gute Projekte realisieren zu können. Wobei die Zusammenarbeit auf ganz unterschiedlichen Ebenen stattfinden kann. Ich möchte Kunst von, mit und über Menschen mit Behinderungen zeigen. Dafür benötige ich auch Kooperationen. Das dürfen auch Projekte sein, die professionelle Künstler gemeinsam mit Menschen mit Hilfebedarf realisieren. Ich könnte mir aber auch vorstellen, Künstler zu zeigen, die von sich aus ein sozial relevantes Thema bearbeitet. Hier weiterlesen: Kunstpreis der Osnabrücker Landschaft für Christoph Seidel. 

 Geht es um Ausstellungen oder auch um Projekte und Mitmach-Angebote? 

Das möchte ich gern so verwirklichen. Es geht nicht um einen strengen Betrieb der Hochkultur, sondern um ein bewegliches Projekt. Ich interessiere mich auch für Formen der Partizipation. Dafür führe ich bereits die ersten Gespräche mit Künstlern aus der Region. Teile von Ausstellungen sollen auch in der Galerie selbst produziert werden können. Hier weiterlesen: Osnabrücker Kulturprogramm zum Thema Zeit. 

 Mit welchem Budget rechnen Sie denn? 

Öffentlichkeitsarbeit kann sicher über die Heilpädagogische Hilfe laufen. Für 2017 arbeite ich erst einmal mit geringem Budget. Ich möchte zunächst schauen, wie das Programm funktioniert und wie das Publikum die Ausstellungen annimmt. Derzeit spreche ich mit dem Landschaftsverband Osnabrücker Land e.V., sowie der Klosterkammer, um auszuloten, inwieweit Förderungen möglich sein können. In der Folge wären dann Ausstellungen besser auszustatten. Für den Anfang läuft das vor allem über Engagement, Spaß an der Sache und eine Spur Sendungsbewußtsein. Hier weiterlesen: Installation „Forma Forma“ in der Kunsthalle Osnabrück. 

 Sie leiten den Kunstcontainer, sind als Künstler aktiv. Demnächst betreuen Sie die Stadtgalerie. Wie geht das alles zusammen? 

Das weiß ich auch noch nicht. Die Heilpädagogische Hilfe hat mein Stundenbudget um fünf Stunden in der Woche aufgestockt. Das wird natürlich für die neue Aufgabe eher knapp bemessen sein. Allerdings verstehe ich die neue Aufgabe auch als Teil meiner künstlerischen Tätigkeit, entsprechend auch meiner Arbeit im Kunstcontainer. Es bildet meine Vorstellung von einem zeitgenössischen Berufsbild eines Künstlers in der aktuellen Gesellschaft ab. Und ich finde die neue Aufgabe einfach sehr reizvoll. Hier weiterlesen: Das Kunstformat - was ist eigentlich eine Installation? 

 Haben Sie das Ziel, das neue Programm irgendwann einmal nicht mehr unter dem Etikett Outsider Art, sondern als Kunst zu präsentieren? 

Ja, unbedingt. Man darf eigentlich darüber gar nicht mehr diskutieren. Das Label Outsider Art ist nur dann hilfreich, wenn damit das Phänomen besser zu beschreiben ist, um das Spezifische der künstlerischen Leistung von Menschen mit Hilfebedarf deutlicher hervortreten zu lassen. Hier weiterlesen: Wilfried Winstroer - der Haustechniker der Kunsthalle Osnabrück im Porträt .

 Mit welcher Ausstellung starten Sie? 

Wir starten im Februar mit der Ausstellung - DIE SAMMLUNG - des Kunsthauses Kannen aus Münster. Diese soll der Start sein für eine Reihe regelmäßiger Präsentationen von Atelierprojekten, um überregionale Vergleiche herstellen zu können. Ich hoffe, dass ich in dieser Weise auch das kunstinteressierte Publikum in Osnabrück für Outside Art begeistern kann. Hier weiterlesen: Wie Kunstvereine helfen, Flüchtlinge zu integrieren.