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Bulimie und Magersucht: Krankheiten erkennen und Hilfe annehmen Wenn Essen zur Qual wird

24.05.2012, 15:59 Uhr

Wenn Diäten, exzessiver Sport, Kalorienzählen und ständiges Wiegen zum Alltag werden, sollte man sich ernsthafte Gedanken machen. Denn all diese Symptome deuten auf eine Essstörung hin. Davon gibt es verschiedene Arten, die jeweils eine individuelle Therapie benötigen.

Die bei Jugendlichen in Deutschland am häufigsten auftretenden Essstörungen sind Magersucht (Anorexia nervosa) und Ess-Brech-Sucht (Bulimie). Bei allen Essstörungen gibt es ein zentrales Merkmal: Das komplette Denken und Handeln kreist um das Thema Essen. Die Angst, die regelrechte Panik vor dem Dicksein, nimmt unvorstellbare Ausmaße an und ist nicht mehr steuerbar. Die Krankheit ergreift Besitz über den ganzen Körper und den Verstand. Das Verhalten dem eigenen Körper gegenüber und das Erleben des eigenen Äußeren ist bei Betroffenen stark verändert und wird teilweise zu einem regelrechten Selbsthass.

Gesundheitliche Schäden

Essstörung ist also nicht gleich Essstörung. Während bei der Magersucht die Betroffenen hungern und stark abmagern, ist Bulimie nicht direkt äußerlich erkennbar, denn die Betroffenen haben meist Normalgewicht. Bulimie zeichnet sich durch unkontrollierbare Heißhungerattacken aus. Bei diesen stopfen die Betroffenen unnatürlich viele Kalorien in sich hinein. Unmittelbar danach wird das Essen wieder absichtlich erbrochen. Um die Kontrolle über den eigenen Körper nicht zu verlieren und um eine Gewichtszunahme zu verhindern, greifen die an der Krankheit Leidenden auch zu anderen Gegenmaßnahmen wie exzessivem Sport und Abführmitteln.

Beim Krankheitsbild Bulimie, das gerade in den letzten Jahren zu einem großen Problem besonders unter Jugendlichen geworden ist, ändert sich nicht nur das alltägliche Verhalten. Gerade auf Vorgänge innerhalb des Körpers hat die Manipulation des Essverhaltens hohe Ausmaße. Es können beispielsweise Stoffwechselveränderungen auftreten. Außerdem werden Hormone und Botenstoffe nicht mehr normal gebildet, wodurch ein hormonelles Ungleichgewicht verursacht wird. Häufig geht auch das Hunger-Sättigungs-Gefühl verloren. „Oftmals kommt es im Verlauf zu einer massiven Gefährdung der Gesundheit: Elektrolytmangel durch das Erbrechen, Schlappheit, Energielosigkeit, Zahnschäden, Speiseröhrenverletzungen und viele andere Schäden“, sagt Diplom-Psychologin Judith Kugelmann, stellvertretende leitende Psychologin der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. „Hinzu kommen häufig Depressionen und Stimmungsschwankungen. All das kann die Lebensqualität erheblich einschränken und gerade bei jungen Menschen eine gesunde Entwicklung gefährden“, erklärt Kugelmann. Außerdem isolierten sich Betroffene häufig sozial und seien oft launisch und gereizt.

Jeden kann die Krankheit Bulimie treffen, da oft viele alltägliche Faktoren eine Rolle spielen. Da wären zum einen familiäre Konflikte, Hänseleien von Mitschülern, emotionale Probleme, Leistungsdruck oder Pubertätsprobleme, die viele Jugendliche durchlaufen. Deshalb sind Jugendliche und vor allem Frauen im Alter von 16 bis 20 Jahren besonders gefährdet. Männer sind meist nur in fünf bis zehn Prozent aller Fälle betroffen. „Wahrscheinlich gibt es dafür mehrere Ursachen wie eine andere Erziehung oder Sozialisation und physiologische Unterschiede“, sagt Psychologin Kugelmann.

In unserer Gesellschaft spielen Aussehen und Leistung eine große Rolle, mit denen man täglich konfrontiert wird. Aufgrund der Gewichtsabnahme kriegen die Betroffenen sogar oftmals positive Resonanz auf ihren Körper und ihr Aussehen.

Eine angebrachte Maßnahme, um der Essstörung ein Ende zu setzen, ist eine Therapie. „Darin wird ein geregeltes Essverhalten aufgebaut: also regelmäßiges Essen geübt, und es wird gelernt, Essanfälle zu verhindern und Gefühle auszudrücken. Man muss herausfinden, warum die Essstörung so wichtig und mächtig ist. Dafür finden bei Bedarf Gespräche mit Angehörigen statt, um andere Unterstützungsmöglichkeiten zu finden“, sagt die Psychologin zum Therapieverlauf. In der Christoph-Dornier-Klinik wird die Therapie individuell an die Bedürfnisse der Patienten angepasst. Sie dauert zwischen vier bis sechs Wochen mit intensiven Einzel- und Gruppentherapien. Die Behandlung einer Magersucht könne unter Umständen auch viel länger dauern.

Ein Grund dafür: Es treten während der Behandlung häufig Gefühle wie Ekel und Scham auf, und die Angst, durch regelmäßiges Essen zu zunehmen, da das Selbstwertgefühl der Patienten von ihrem Gewicht abhängig ist. Nach Angaben der Psychologin verläuft die Therapie aber in etwa 50 Prozent der Fälle erfolgreich. Einen Rückfall erleiden die Patienten meistens in emotional belastenden Situationen. „Etwa 20 Prozent der Patienten erfüllen auch nach einer Therapie alle Kriterien der Störung, da es sich um eine chronische Krankheit handeln kann“, sagt Kugelmann und beruft sich dabei auf eine US-Studie. Es ist wichtig, dass man sich als Betroffener traut, Hilfe anzunehmen, um der Sucht ein Ende zu setzen.

Hilfe: Die Christoph-Dornier-Klinik bietet mittwochs von 17 bis 20 Uhr ein Beratungstelefon unter 0251-4810-110.