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Birth of the „Cool Cabaret“ Chanson-Kabarett mit Pigor und Eichhorn

Von Ralf Döring | 09.09.2011, 15:25 Uhr

Es ist doch immer gut, einen Auftrag zu haben. Pigor und Eichhorn zum Beispiel wollen das Cabaret (mit dem lang nachhallenden „eee“) dem Rotlicht-Milieu entreißen und den Kleinkunst-Bühnen zurückgeben – erweitert um das Segment Jazz, hin zum „Cool Cabaret“.

Pigor und Eichhorn machen sich Gedanken über ihr Genre, über die Kleinkunst und ihren Platz in der Welt. Klar, von der Comedy heben sich die beiden meilenweit ab, aber so schön gewunden hat noch niemand den Unterschied ausgedrückt: Ein Comedian, so lässt sich Thomas Pigors Erklärung zusammenfassen, entstammt der Mittelschicht und macht sich lustig über tiefer stehende Schichten. Dabei verbirgt er tunlichst seine Intelligenz, um sein Publikum nicht zu verprellen. Gut möglich, dass es sich dabei um das gleiche Publikum handelt, das sich mit der Reim-Dich-Fress-Dich-Lyrik à la Silbermond zufriedengibt, die Pigor und Eichhorn lakonisch auseinandernehmen.

Wie sich richtige Reime anhören, das zeigt das Duo aus Berlin einen Abend lang in der Lagerhalle. „Volumen 7“ heißt das Programm, und die Osnabrücker dürfen als Erste die CD dazu kaufen, frisch aus dem Presswerk. Zu schätzen wissen das allerdings erst gut hundert Leute. Während das Duo in weiten Teilen der Republik zu den erfolgreichsten Kabarett- und Chanson-Formationen zählt, kursiert es bei uns noch als Geheimtipp unter Eingeweihten. Manchmal laufen die Uhren in Osnabrück halt doch ein bisschen langsamer.

Die hundert erleben in treffenden Reimen analysierte Zeitphänomene – im melancholischen Blues singt Pigor vom nikotinabstinenten Platzhalter am Restauranttisch, der die Reservierung aufrechterhält, während sich die rauchenden Freunde lustig vor der Tür verquatschen. Verbogene Reime wie „betrachten – erwachen“ braucht Pigor dafür nicht. Selbst dann nicht, wenn er das Superwahljahr auf aktuellstem Stand kommentiert.

Die Musik ist dabei nie, wie es das Label „Pigor singt, Benedikt Eichhorn muss begleiten“ suggeriert, Beiwerk, sondern Essenz. Blues und Bossa, schräg Verdrehtes aus Bayern, die Tradition des guten alten Cabarets mit Weill’schen Elementen: All das rückt die Musik zum gleichberechtigten Partner neben das Wort. Und dank Emanuel Hauptmann am Schlagzeug und Stefan Gocht an Posaune und Tuba wird das Spektrum noch ein bisschen bunter – zwei ultracoole Jazzer, die den beiden Chanson-Kabarettisten allen Respekt abverlangen. Dass die beiden mit dem iPhone den Kontakt zur Welt des Jazz halten, wirkt zwar ein bisschen befremdlich, ist aber halt Zeichen unserer Zeit. Auf jeden Fall eröffnen die beiden Musiker dem Chanson eine neue Dimension, und vielleicht ist das ja auch bitter nötig.

Denn in Zeiten, wo Kabarettisten Fußball-Halbzeitergebnisse durchgeben, muss die Kleinkunst über sich hinauswachsen. Wie sonst soll sie dem „Aderlass für die Kultur“ begegnen, den die „Blutsauger vom DFB“ verursachen, wenn Kulturzentren zur Public-Viewing-Zone werden? Pigor formuliert das, zusammen mit Eichhorn, Hauptmann und Gocht in einem furiosen Unisono. Und selbst da stimmen die Reime – brillant.