Ein Artikel der Redaktion Neue Osnabrücker ZeitungLogo Neue Osnabrücker Zeitung

Biografie von Jirô Horikoshi Biografischer Animationsfilm „Wie der Wind sich hebt“

Von Frank Jürgens | 18.07.2014, 18:48 Uhr

Hayao Miyazaki widmet sich in seinem vielschichtigen Animationsfilm „Wie der Wind sich hebt“ der Biografie des umstrittenen Flugzeugkonstrukteurs Jirô Horikoshi.

Ist das ganze Leben vielleicht doch nur ein Traum? Wenn ja, dann müsste der Tod in letzter Konsequenz ein Erwachen sein.

In seinem letzten Film „Wie der Wind sich hebt“ lässt der japanische Meisterregisseur Hayao Miyazaki ( „Chihiros Reise ins Zauberland“ ) seinem Protagonisten, dem japanischen Flugzeugkonstrukteur und Entwickler Jirô Horikoshi, viel Zeit für Träume. Zu Beginn träumt er sich in einen Flieger, mit dem er über ursprüngliche Landschaften, Dörfer, winkende Menschen schwebt. Bis er von schwer bewaffneten Zeppelinen abgeschossen wird. Im nächsten Traum begegnet er seinem großen Idol, dem italienischen Luftfahrtingenieur Giovanni Battista Caproni. Der bestätigt: „Die ganze Welt ist ein Traum.“

In der rauen Wirklichkeit trifft Horikoshi auf Gefahren und Schrecken, denen aber auch positive Momente innewohnen können. Das verheerende Kanto-Erdbeben von 1923 gehört dazu, bei dem ihm erstmals seine große Liebe Nahoko begegnet, die später schwer erkrankt. Und ein Sturm hebt an, gewaltiger als alles andere, was die Welt zuvor erleben musste. Zu den Schrecken des Zweiten Weltkriegs trägt Horikoshi den Jagdbomber Mitsubishi A6M, besser bekannt als „Zero“, bei. Ein eleganter, luzider Albtraum.

All den surrealen Träumen und realen Schrecken stellt Miyazaki gleich zu Beginn und dann als durchgehendes Leitmotiv eine Zeile aus Paul Valérys Gedicht „Der Meeresfriedhof“ entgegen. „Der Wind frischt auf! ... wir müssen versuchen zu leben“, heißt es hier in der deutschen Synchronisation.

Miyazakis biografischer Animationsfilm über den umstrittenen Ingenieur Horikoshi entwickelt sich zu einer metaphysisch anmutenden Reise durch dessen Leben bis nach Nazi-Deutschland und zurück ins heimische Japan. Der Regisseur und Autor spielt auf dieser Reise durch innere und äußere Welten mit weitläufigen kulturellen Anspielungen, die deutlich über den japanischen Kanon hinausgehen. So erhofft sich die kranke Nahoko Heilung an einem Ort, der nicht nur Thomas Manns „Zauberberg“ entsprungen sein könnte, sondern an dem auch Manns Figur Castorp – in der englischen Fassung gesprochen von Werner Herzog – residiert. Einmal tanzt sogar beinahe der Kongress, und Castorp intoniert fröhlich am Klavier „Christels Lied“. Das gibt’s nur einmal.

Und nun soll Schluss sein. Wenn Miyazaki seine Ankündigung wahr macht und sich mit „Wie der Wind sich hebt“ für immer als Anime-Künstler verabschiedet, dann lauten seine letzten Worte von der Leinwand an das Publikum: „Ich habe einen sehr guten Wein da.“ Natürlich wieder in einer Traumsequenz, vom Italiener Caproni stellvertretend gerichtet an Horikoshi. Ein guter Nachhall.

Wie der Wind sich hebt , Japan 2013. R: Hayao Miyazaki. Laufzeit: 127 Minuten. FSK: ab 6. Cinema-Arthouse.