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BGH hebt Freispruch auf Neuer Totschlagprozess gegen Osnabrücker Frauenarzt

04.12.2015, 17:58 Uhr

Der Totschlagprozess gegen einen früheren Osnabrücker Gynäkologie-Chefarzt muss neu aufgerollt werden. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat am Mittwoch den Freispruch aufgehoben und das Verfahren ans Landgericht Landshut zurückverwiesen.

 Von Florian Tempel 

Die Revision der Staatsanwaltschaft Landshut und der Nebenkläger gegen das Urteil vom 19. Januar 2015 war damit erfolgreich. Die erste Strafkammer des Landgerichts Landshut hatte den 56-jährigen Angeklagten damals vom Vorwurf des Totschlags an seiner sechs Jahre älteren Ehefrau mangels Beweisen freigesprochen. Eine andere Strafkammer muss den Fall „komplett neu verhandeln“, bestätigte der Sprecher des Landgerichts, Rainer Wiedemann. Wann es zur Neuauflage des Prozesses kommt, steht noch nicht fest.

Indizien hätten für Verurteilung gereicht

„Der Freispruch hatte zu erfolgen, weil sich die Schwurgerichtskammer weder von der Schuld noch von der Unschuld des Angeklagten überzeugen konnte“, hatte die Vorsitzende Richterin Gisela Geppert in der Urteilsbegründung gesagt. Der aus Osnabrück stammende Medizinprofessor sei zwar „tatverdächtig“, seine damals 60 Jahre alte Ehefrau am 4. Dezember 2013 im gemeinsamen Reihenhaus im Erdinger Stadtteil Pretzen während eines Streits getötet zu haben. Doch „auch die Gesamtschau aller zweideutigen Indizien“ – eindeutige Beweise gab es nicht – ergebe keine Grundlage für eine Verurteilung.

Der erste Strafsenat des Bundesgerichtshofs sah die Sache ganz anders. Er bemängelte, dass gerade die Gesamtschau der Indizien auch zu einer Verurteilung hätte führen können. Das Landshuter Schwurgericht habe zu sehr einzelne Indizien betrachtet.

Staatsanwalt forderte 14 Jahre Haft

Damit folgte der BGH den Argumenten der Staatsanwaltschaft und der Anwälte der zwei erwachsenen Kinder der Getöteten: Staatsanwalt Klaus Kurtz hatte beklagt, das Landshuter Schwurgericht habe bei seinem Freispruch „überspannte Anforderungen an die für eine Verurteilung gestellten Nachweisbarkeit“ gestellt sowie belastende Indizien und Widersprüchlichkeiten unzureichend gewichtet. Kurtz hatte im Prozess 14 Jahre Haft gefordert. Er war der Ansicht, dass die Indizien in ihrer Gesamtheit den Angeklagten als Täter überführten. Dieser habe seine Frau in einer „Situation starker emotionaler Erregung“ während eines Streits wegen familiärer Probleme umgebracht.

Richterin Geppert hatte den Freispruch auch mit den vielen Ermittlungspannen und Fehlern der Kripo Erding begründet. Beamte des Kriminaldauerdienstes hatten am Tatort die völlig falsche Einschätzung eines Notarztes übernommen, dass die Frau durch einen unglücklichen Sturz ums Leben gekommen sei. Die „polizeiliche Leichenschau“ wurde dann zu einer „polizeilichen Spurenvernichtung“, klagte Geppert in der Urteilsbegründung.

Pleiten, Pech und Pannen bei der Polizei

Beim Entkleiden der Leiche spritzte Blut durchs Bad – die Beamten wischten es weg. Die Polizisten hatten kein medizinisches Thermometer, um die Temperatur der Leiche zu messen – einer der beiden nahm ein privat gekauftes Fleischthermometer. Die einen Tag später dann doch angeordnete Obduktion machte klar, dass die 60-Jährige umgebracht worden war. Spuren am Tatort ließen sich da aber kaum noch sichern. Der Hauptverdächtige hatte mit ausdrücklicher Erlaubnis der Polizei im Bad geputzt.

Auch die drei Verteidiger des früheren Chefarztes im Osnabrücker Marienhospital hatten die Ermittlungsarbeit der Kripo massiv kritisiert. Der Kölner Juraprofessor Karsten Fehn sagte in seinem Plädoyer, die Arbeit der Polizei strotzte vor „Fehlern, Versäumnissen, frühzeitigen Festlegungen und Manipulationen“. Zudem sei sie „erschreckend einseitig“ gewesen. (Weiterlesen: Verteidiger fordern Freispruch für Osnabrücker Frauenarzt) 

Muss Gynäkologe wieder in U-Haft?

Der Münchner Anwalt Maximilian Müller erklärte, sein Mandant habe die Frau aus „zeitlichen Zwängen“ gar nicht umbringen können. Die These der Staatsanwaltschaft, wonach der Angeklagte seine Frau vormittags erschlagen habe, dann für fünf Stunden in seine Praxis gefahren sei, bevor er am Abend zurück zu Hause bei einem Nachbar klingelte und um Hilfe bat, sei nicht haltbar. Der dritte Verteidiger, der Münchner Rechtsanwalt Matthias Schütrumpf, wies auf die Möglichkeit hin, dass ein unbekannter Täter die Frau umgebracht haben könnte – die Spurenlage am Tatort widerspreche dem nicht.

Ob der Osnabrücker Frauenarzt, der bis zum Freispruch im Januar 14 Monate in Untersuchungshaft saß, nun erneut in U-Haft muss, ist noch nicht entschieden. Zuletzt suchte der Gynäkologe nach einer neuen Praxis in Nordrhein-Westfalen.