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Bewegendes Sonderkonzert Dima Orsho und Freunde in der Kleinen Kirche

Von Tom Bullmann, Tom Bullmann | 27.02.2017, 19:30 Uhr

Lieder zur Fastenzeit, Karfreitags-Gesänge und Musikstücke, die den Flüchtlingen und Vergessenen in Syrien gewidmet sind: Weltliche und geistliche Musik interpretierten Musiker aus Abend- und Morgenland in der Kleinen Kirche.

Der Kontrabass erfüllt das Kirchenschiff mit einem Bordun-Ton, derweil die Viola d´amore eine unaufdringliche, arabische Melodie spielt. Dazu singen Dima Orsho und Ali Asaad „Lieder zur Fastenzeit“. So können sich gläubige Christen in der voll besetzten Kleinen Kirche mental schon auf „ihre“ Fastenzeit einstimmen – obschon die Lieder, die hier jetzt erklingen, aus der Tradition der Syrisch Orthodoxen Kirche stammen. Ursprünglich werden sie im Chor gesungen. Doch für das Sonderkonzert, das die Gesellschaft der Freunde des Morgenland Festivals jetzt veranstaltet, wurde ein Ensemble zusammengestellt, das die Sänger instrumental begleitet: Jasser Haj Youssef spielt die Viola d´amore, ein historisches Streichinstrument, ähnlich der Bratsche, allerdings größer und mit Resonanzsaiten. Für den Kontrabass konnte der Osnabrücker Musiker Andreas Müller gewonnen werden.

Das Leid der Menschen in Syrien

Eine Komposition der syrischen Sängerin Dima Orsho hatte den Anlass für das Sonderkonzert geliefert: Zur Eröffnung des Morgenland Festivals 2016 war ihr Stück „Those Forgotten On The Banks Of The Euphrat“ in der Marienkirche aufgeführt worden, ein ergreifendes Musikstück, das an den Horror und das Leid der Menschen in ihrer Heimat Syrien erinnert. Wirkte die Mischung aus arabischer Musik und westlicher Klassik schon sehr tief, so wird die Emotionalität jetzt durch die Einbeziehung des Osnabrücker Jugendchores noch einmal verstärkt. Extra für das Osnabrücker Konzert hatte die Musikerin die Komposition umgeschrieben und für Chor arrangiert.

Faszinierend der Altus von Kai Wessel, der das Stück mit seiner wunderschönen Stimme im Kirchenschiff eröffnet. Auf seinem Gang zum Altar trifft er auf Dima, um Texte von Bert Brecht zum Thema Krieg auf Deutsch und Arabisch vorzutragen. Dann beginnt das phantastische Wechselspiel zwischen Dima Orsho, Kai Wessel und dem Syrer Ali Asaad als Solostimmen sowie dem ausgezeichnet aufgestellten Chor unter der Leitung von Clemens Breitschaft. Begleitet werden die Stimmen von Bass, Violine und Theorbe-Spieler Ulrich Wedemeier. Es entsteht eine bewegende Darbietung, bei der der Zuhörer zwischen Glücksgefühlen wegen der großartigen Klänge und tiefer Trauer über die inhaltliche Thematik der Gesänge hin- und hergerissen ist.

Moderne Karfreitags-Gesänge

In Abstimmung mit Michael Dreyer, dem Leiter des Morgenlandfestivals, und den teilnehmenden Musikern, hat Orsho geistliche und weltliche Musikstücke ausgesucht, die den Abend zusätzlich bereichern: Bestrickend-traurig die Klagelieder Jeremiae, die Altus Kai Wessel begleitet von der Theorbe zur Musik von Marc-Antoine Charpentier vorträgt. Nach den moderneren Karfreitags-Gesängen der Ostkirche, die das Ensemble ohne Chorbegleitung vorträgt, sorgt Jasser Haj Youssef mit einer Viola d´amore-Solo-Improvisation für Abwechslung. Im Anschluss an einige arabische Phantasien legt er den Bogen zur Seite, greift die Viola wie eine Gitarre, um wie im Rockmodus pizzicato zu spielen.

„Season Of Migration To The North“ nannte Ali Asaad eine Komposition, die sich inhaltlich mit dem Thema Flucht befasst und in dem Solostimmen mit dem Chor kooperieren. Nach Dima Orshos klanglichem Gedenken an die „Vergessenen“ ernten die Musiker lang anhaltend stehende Ovationen – bis sie sich bereit erklären, als Zugabe den zweiten Teil von „Those Forgotten On The Banks Of The Euphrat“ mit den jubilierenden Chören noch einmal zu interpretieren…