Ein Artikel der Redaktion

Besuch in Israel Osnabrücker Delegation lernt, wie ein Israeli die Tropfbewässerung erfand

Von Sandra Dorn, Sandra Dorn | 04.06.2018, 22:20 Uhr

Mitten in der israelischen Negev-Wüste liegt ein grüner Kibbuz. Dort, im Kollektiv Hatzerim, lebt der Pionier der Tropfbewässerung, Danny Retter, Gründer der Firma Netafim. Die Osnabrücker Delegation von Stadt und IHK hat bei ihrem Besuch über die Technik ebenso gestaunt wie über die Lebensweise im Kollektiv.

„Mein Name ist Danny, ich bin der Firmengründer“, stellt Retter, Jahrgang 1942, sich vor. Der Gründer des Weltmarktführers lebt im Kibbuz wie alle anderen Mitglieder des Kollektivs. Das bedeutet: Das gesamte Einkommen jedes Einzelnen landet auf einem gemeinsamen Konto – auch Retters. Jede Familie wohnt in einem schmucken 80-Quadratmeter-Haus. Der Kibbuz mutet an wie eine Ferienhaussiedlung mit Bungalows. Grüner Rasen, Schatten spendende Bäume, blühende Blumen und Sträucher – und dazwischen Häuschen mit Vorgärten, in denen Grills stehen, Schaukeln und Fahrräder.

Auf dem Parkplatz an der beschrankten Einfahrt zum Kibbuz stehen Autos diverser Marken. Im Kollektiv läuft das so: Wer eins braucht, sucht sich eins aus, holt sich im Verwaltungsbau daneben einen Schlüssel und kann losfahren, erläutert Bewohner Lior Mark, als er die Osnabrücker Delegation herumführt. Dasselbe gilt für Fahrräder – und Gefährte, die denen auf Golfplätzen ähneln, nur kleiner: In ihnen rollen die Senioren durch das Kibbuz. „Fällt Ihnen was auf?“, fragt CDU-Ratsfrau Anette Meyer zu Strohen: „Endlich mal alte Menschen.“ Sie hat recht. In Tel Aviv sieht man fast nur junge Leute auf den Straßen. Im Kibbuz kümmert sich das Kollektiv um die Senioren.

Mittagessen für alle – und niemand muss bezahlen

Mittagessen gibt es im großen Gemeinschaftsgebäude. Kantinenatmosphäre herrscht hier, nur dass die Kibbuzmitglieder jeden Tag hierherkommen – nicht weil sie hier arbeiten, sondern weil sie hier leben. Zahlen müssen sie nichts. Teilen sie wirklich alles? Ein älterer Herr, der in einer Vierer-Gruppe am Tisch sitzt, schmunzelt. „Nein, nicht alles.“ Aber vieles.

800 Menschen leben hier, 450 sind Mitglieder des Kollektivs. Die Kinder sind tagsüber in der Schule und werden bis 16.30 Uhr im Kinderhaus betreut. Das Motto, sagt Lior Mark, laute: „Ich trage zur Gemeinschaft so viel bei, wie ich kann, aber ich nehme nur, was ich brauche.“ Von den rund 260 Kibbuzim in Israel leben nur noch etwa 35 nach diesem Ideal, die übrigen sind privatisiert worden.

1946 wurde der Kibbuz Hatzerim, westlich der heutigen Großstadt Be’er Sheva gegründet. „Alles war Wüste“, sagt Netafim-Gründer Danny Retter. Jetzt ist alles grün. 1963 kam der gelernte Ingenieur in den Kibbuz, zwei Jahre später gründete er das Unternehmen. Retter spricht fließend Deutsch. Seine Eltern sind Anfang der 1930er-Jahre nach Israel ausgewandert, sprachen zu Hause in ihrer Muttersprache.

Wasser für die Landwirtschaft exakt dosiert

Das Wasser in Hatzerim wird zur Hälfte von Entsalzungsanlagen am Meer bezogen, zur anderen Hälfte ist es Grundwasser. Netafim setzt auf exaktes Dosieren bei der Bewässerung. Wobei Bewässerung der falsche Begriff sei, sagt Retter. „Es ist ein Ernährungssystem: Wasser mit Dünger.“ Im Inneren der Polyethylen-Schläuche befinden sich im Abstand von 20 bis 100 Zentimetern sogenannte „Tropfer“, kleine schwarze Plastikteilchen. Sie geben den Pflanzen durch ein Loch genau so viel Nahrung, wie sie benötigen, mit Apps lässt sich das steuern. Ergebnis: höherer Ertrag, weniger Wasserverbrauch. Beim Reisanbau in Indien sei der Ertrag dank der Netafim-Technik um 25 Prozent gesteigert und der Wasserverbrauch um 40 Prozent reduziert worden, sagt Danny Retter.

Knapp 1000 Mitarbeiter beschäftigt Netafim an drei Standorten in Israel und 5000 Mitarbeiter weltweit. Vor einem Jahr wurden 80 Prozent des Unternehmens an Mexikaner verkauft. 20 Prozent blieben im Kibbuz Hatzerim. Wassermangel ist weltweit ein Problem, die Branche boomt. Laut Retter beträgt das Umsatzwachstum von Netafim 10 bis 20 Prozent pro Jahr.

Von den 350 Mitarbeitern am Standort Hatzerim leben 90 im Kibbuz selbst , sagt Retter. „Alle Arten von Menschen leben hier: gute und schlechte, alte und junge. Einfach ist das nicht.“ Und trotzdem: Sein jüngster Sohn ist hier aufgewachsen, arbeitet auch bei Netafim. Er heiratete, zog aus und kaufte eine Wohnung, erzählt der Senior. Nach zwei Jahren kam er zurück. Am Gehalt lag es nicht. Es seien die Gemeinschaft und die gute Kinderbetreuung, die ihn zurückgezogen hätten, sagt Retter.