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Außerordentliche Entschlossenheit Cellist Narek Hakhnazaryan in der Kleinen Kirche in Osnabrück

05.12.2015, 12:26 Uhr

Der Cellist Narek Hakhnazaryan ist am Freitag mit einem Soloprogramm und Werken des 20. Jahrhunderts von Ligeti, Khudoyan, Komitas und Kodály in der Kleinen Kirche zu erleben gewesen.

Es gibt im klassischen Konzertbetrieb einige ewig gültige Gesetzmäßigkeiten, auf die man sich wirklich verlassen kann. Zum Beispiel: Wo immer man ein Exemplar der Gattung „Cellist“ ganz alleine antrifft, wird es Bach spielen. Narek Hakhnazaryan gehört zu dieser Gattung, und auf seinem Konzertprogramm in der Kleinen Kirche stehen die Namen György Ligeti, Adam Khudoyan, Komitas und Zóltan Kodály. Es ist ein Programm ausschließlich mit Werken, die im 20. Jahrhundert in Ungarn und Armenien entstanden.

Angst haben muss man deswegen nicht, selbst Ligetis Sonate für Cello solo ist ein sehr gemäßigter Ligeti. In den beiden kompakten Sätzen, langsam und schnell, kann Narek Hakhnazaryan die Qualitäten seines Spiels entfalten: ein kraftvoller, wandelbarer und sehr ausdrucksstarker Ton, belebt durch viel schnelles Vibrato, außerordentliche Entschlossenheit in der Gestaltung und natürlich auch virtuose Geläufigkeit.

Der warm blühende Celloton wird in diesem Programm weniger gefordert, obwohl etwa ein von Komitas bearbeitetes armenisches Volkslied dabei ist. Narek Hakhnazaryan ist selbst Armenier, und so beschert er dem Publikum die Bekanntschaft mit dem Komponisten Adam Khudoyan. Auch in dessen Werk, wie der Cellist erklärt zur späten Sowjetzeit entstanden, spielt die Folklore eine wichtige Rolle, außerdem scheint sie technisch noch kniffliger als Ligetis Sonate. Besonders häufig verlangt sie gleichzeitig mit dem Bogen gestrichene und gezupfte Töne. Das Pizzicato muss folglich die linke Hand übernehmen, während sie gleichzeitig die Töne für die Bogenhand greift. Narek Hakhnazaryan stürzt sich mutig auf solche Herausforderungen. Zornig klingt der Beginn, immer wieder tönt sein Instrument aber auch ebenso ausdrucksstark wie die Stimme eines Sängers.

Zóltan Kodály komponierte seine Sonate op. 8 anno 1915, im Jahr des armenischen Völkermords – vielleicht auch ein Grund für Narek Hakhnazaryan, sie auf das Programm zu setzen. Es ist ein extremes Werk, dass die anderen Werke des Programms in mancher Hinsicht in den Schatten stellt. Es verlangt Skordatur, also eine abweichende Stimmung, die in diesem Fall besondere Tiefe ermöglicht, schickt den Interpreten aber auch ständig ins ewige Eis der höchsten Höhen. Sie dauert eine halbe Stunde, länger als die übrigen Werke zusammen, die technischen Anforderungen sind enorm und der musikalische Abwechslungsreichtum beispiellos. All das ist offenbar ein Kinderspiel für den jungen Armenier, denn wie mühelos Narek Hakhnazaryan damit umgeht, ist schon überraschend, zudem scheut er keineswegs zurück vor abrupt wechselnden Stimmungen.

Und was ist nun mit den ewigen Gesetzmäßigkeiten des Klassikbetriebs? Zum Glück gibt es ja Zugaben!