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Architektur in Osnabrück Nikolai-Zentrum: „Supertanker“ als ungeliebtes Monstrum

Von Rainer Lahmann-Lammert | 27.08.2014, 08:14 Uhr

„Supertanker?“ Erich Schneider-Wessling fühlte sich geschmeichelt, als ihm zu Ohren kam, wie die Osnabrücker das Nikolai-Zentrum nennen. Anfang der 80er-Jahre entwarf der Kölner Architekt zusammen mit Ilse Walter und Burkhard Richter das Wohn- und Geschäftsgebäude über der Tiefgarage. Bemerkenswert ist, dass es dafür bundesweite Anerkennung gab, während sich in Osnabrück keine Hand zum Beifall regte.

Drei Parkebenen unter der Erde, eine im Erdgeschoss – das war das stattliche Fundament für den 160 Meter langen Baukörper, der inmitten der Altstadt entstehen sollte. Zuerst als Studentenwohnheim, später als Ort anspruchsvoller Wohnkultur. Die Stadt veranstaltete einen Architektenwettbewerb, und den gewann mit Erich Schneider-Wessling ausgerechnet einer, der sich über die Ausschreibung keck hinwegsetzte.

Als der postmoderne Komplex vor 30 Jahren fertig war, herrschte in Osnabrück allgemeine Empörung über das kolossale Machwerk. „Ein Fremdkörper“, tadelten die Botschafter des besseren Geschmacks beim Anblick von Betonstein, Glas und Stahl, Aluminium und Zinkblech. Den Architekten galt der Vorwurf, sie hätten gar nicht erst versucht, ihren Klotz ins Stadtbild einzufügen.

Kopfschüttelnd wurde in Osnabrück registriert, dass diesem ungeliebten Monstrum gleich mehrere Architekturpreise hinterhergeworfen wurden, darunter die Goldmedaille für den Bundeswettbewerb „Neues Bauen in alter Umgebung“. Wenig Verständnis gab es dafür, dass die Kritiker von „Zeit“ und „Spiegel“ diesem Gebäude so wohlwollende Zeilen widmeten.

Immer wieder tauchte der Vergleich mit einem Schiff auf. „Die Architektur ist spannungsvoll und formenreich, die Gesamtgestalt lebendig gegliedert, in den Eingangsbereichen sowie am Heck und am Bug sogar verhalten expressiv“, hieß es etwa bei der Auszeichnung mit dem Walter-Hesselbach-Preis für Städtebau.

Wie eine Huldigung liest sich die Betrachtung von „Zeit“-Kritiker Manfred Sack: „Die Lebendigkeit der Fassade [...] kommt von innen, von der originellen, oft ganz kapriziösen Gliederung der Wohnungen, in der Waagerechten wie in der Senkrechten.“

Von innen haben wohl nur die wenigsten das Wohnschiff gesehen, aber der Blick von der Hotelterrasse ins grüne Herz der Anlage mag bei manchen Menschen Sympathie für die Idee der Architekten wecken. Nach 30 Jahren, so scheint es, haben sich die Osnabrücker mit dem Nikolai-Zentrum versöhnt. Weil dieser Bau Qualitäten hat. Für die Bewohner und die Betrachter.

Metropolencharakter

Wertung: 5 von 6 SternenStadtbildcharakter

Wertung: 6 von 6 Sternen

Wohlfühlfaktor

Wertung: 5 von 6 Sternen