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Angriff oder Notwehr? Nach Axthieb: 46-jähriger Angeklagter aus Melle verlässt Osnabrücker Landgericht als freier Mann

Von Stefan Buchholz | 26.07.2012, 07:06 Uhr

Mit einem Freispruch in der Tasche hat gestern ein 46-jähriger Mann aus Melle das Osnabrücker Landgericht verlassen. Angeklagt war er wegen versuchten Totschlags mit einer Wurfaxt. Doch Richter und Schöffen glaubten den Aussagen des Opfers nicht.

Die Tat geschah am ersten Advent vergangenen Jahres in der Wohnungslosenunterkunft von Wellingholzhausen. Der Angeklagte genehmigte sich am Nachmittag reichlich Bier. Via Facebook schrieb er seinem Flurnachbarn – einem Fan von Sänger Udo Lindenberg: „Der geht mit seinen Freunden bestimmt nicht so um wie du.“ Hintergrund der Nachricht waren noch ausstehende 260 Euro für den Angeklagten. „Da poltert es einige Minuten später an meiner Tür, ich mache auf, und mein Nachbar stürmt mit einer Holzlatte in der Hand auf mich zu“, schilderte der Angeklagte. Er sei nach hinten gestürzt und habe sich in dem Gerangel zwei Finger gebrochen. „Ich konnte meine Wurfaxt greifen und wehrte mich durch einen Hieb mit der spitzen Seite.“ Der an der Schulter verletzte Nachbar habe das Beil ergriffen und sei mit ihm heulend aus der Wohnung gelaufen, so der Angeklagte. Er hätte sich die Waffe nach erneutem Gerangel wiedergeholt – dann habe jeder von ihnen die Polizei gerufen.

Ganz anders die Version des Opfers. Bei ihm habe der Angeklagte an jenem Tag an die Tür gehämmert. „Ich machte auf, da stand er, holte sofort mit der Axt aus und traf mich an der Schulter.“ Nach einem Handgemenge hätte er dem Angeklagten die Axt entreißen und auf den Boden werfen können. Danach habe der Angeklagte um eine Klärung ohne Polizei gebeten, „aber ich verständigte Krankenwagen und die Beamten“, so das Opfer.

Seinen Angaben schenkten weder Richter noch Staatsanwalt nach intensiver Fragerunde Glauben. Ein Beispiel für manche Widersprüchlichkeit: Der Angeklagte soll das Beil horizontal geschwungen haben.

Doch die Verletzung des Opfers zeigte eine senkrecht verlaufende Narbe. Der Hieb musste demnach von oben nach unten ausgeführt worden sein. Auch eine angebliche Tatzeugin aus der Unterkunft trug außer Fragen nichts Erhellendes zur Klärung bei. Sie habe zwar nicht das Opfer gesehen, wohl aber den Schlag mit der Axt durch den Angeklagten. Hilfe rief sie aber nicht. Selbst der Polizei offenbarte die Frau nicht ihr vermeintliches Wissen. Nachdem nun Aussage gegen Aussage stand, plädierten Staatsanwalt und Verteidiger auf Freispruch für den Angeklagten.

Den Anträgen schloss sich die 6. Große Strafkammer an. Dabei würdigte das Gericht die konstante und in sich schlüssige Darlegung des Angeklagten. Dennoch wären beide Varianten möglich, so der Richter. „Sie sind aber nicht mit letzter Sicherheit zu klären, daher kann es hier keine Verurteilung geben.“