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Littera-Lesung in Osnabrück Angelika Klüssendorf erzählt von lieblosen Ehepaaren auf dem Land

Von Uta Biestmann-Kotte | 08.11.2021, 12:01 Uhr

Im Rahmen der LiteraTour Nord las Autorin Angelika Klüssendorf bei der Littera-Veranstaltung der Buchhandlung zur Heide im ausverkauften Blue Note aus ihrem aktuellen Roman "Vierunddreißigster September".

Ein todkranker Rentner, der in der Silvesternacht von seiner Frau erschlagen wird und im Totenreich als Chronist fungiert - was sich anhört wie eine Mischung aus Krimi und Horror, entwickelt sich in Angelika Klüssendorfs aktuellem Roman "Vierunddreißigster September" zu einem faszinierend-bizarren Trip zwischen Leben, Tod und verpassten Chancen.

Im Rahmen der Lesereise LiteraTour Nord der VGH-Stiftung las Klüssendorf am Freitag im ausverkauften Blue Note aus ihrem Roman (Kooperation von Buchhandlung zur Heide , Universität Osnabrück und Literaturbüro Westniedersachsen) . Angesichts steigender Corona-Infektionszahlen galt dabei 3G-Pflicht; zudem war eine Lüftungsanlage in Betrieb. Der Faszination an Klüssendorfs Lesung tat das keinen Abbruch. Obwohl als "Dorfroman" bezeichnet, gab es bei ihr weder Idylle noch Heimatkitsch.

Blick ins Landleben

Stattdessen warf sie einen unsentimental-schwarzhumorigen Blick auf eine ostdeutsche Dorfgemeinschaft, die von Wut und Zorn bestimmt ist, in der eine zugezogene Schriftstellerin misstrauisch beäugt wird und Ehepaare lieblos nebeneinander her leben. Letzteres gilt für Hilde und Walter, die 40 Jahren miteinander verheiratet sind. Als sich Walter nach der Diagnose eines unheilbaren Hirntumors in einen verwirrend sanftmütigen Zeitgenossen verwandelt, ist Hilde mit der Situation so überfordert, dass sie zur Mörderin wird. "Sie hätte das Gewehr nehmen können, entschloss sich aber für die Axt", beschrieb Klüssendorf diesen brutalen Akt.

Ehemann im Totenreich

Ebenso lapidar fiel ihre Schilderung von Walters Dasein im Totenreich aus, in dem er als Chronist seine eigene Begräbnisfeier kommentiert: "Ich verabschiedete mich von meinen sterblichen Überresten." Schwarzhumorig auch die Passagen über den Arzt Dr. Kies, der schon mal ein Aquarell seiner Frau mit einem Rattenkadaver-Motiv übermalt.

Mit Moderator Benjamin Krutzky vom Germanistischen Kolloquium der Universität Osnabrück sprach Angelika Klüssendorf im Anschluss über Figurenfindung, Motive und den Romantitel, der für einen Extra-Tag steht, an dem sich verpasste Lebenschancen nachholen lassen können.