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Angeklagter spricht von Erinnerungslücken Prozess wegen fahrlässiger Tötung vor Landgericht Osnabrück

Von Henning Müller-Detert | 06.09.2011, 13:13 Uhr

Osnabrück/Bad Rothenfelde. Die Trunkenheitsfahrt endete mit einem Todesopfer: Der Angeklagte aus Herford hatte im vergangenen Jahr eine 48-jährige Fahrradfahrerin aus Bad Rothenfelde überfahren, nun muss er sich vor dem Landgericht Osnabrück wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Eine der Fragen: Muss der Mann erkannt haben, dass er einen Menschen überfahren hatte?

Am 4. Juli des vergangenen Jahres war es zu dem tragischen Unfall gekommen: Der damals 46 Jahre alte Pkw-Fahrer wollte gegen 1.15 Uhr mit seinem Fahrzeug von der Frankfurter Straße nach links in den Westfalendamm einbiegen. Dabei übersah der Herforder offensichtlich die aus Richtung Bad Rothenfelde kommende Radfahrerin.

Pkw und Fahrrad kollidierten, durch den heftigen Aufprall schleuderte die Frau gegen die Frontscheibe des Pkw. Der 46-Jährige setzte seine Alkoholfahrt fort, ohne sich um die lebensgefährlich verletzte Frau zu kümmern. Zeugen, die „ein Scheppern“ vernommen hatten, alarmierten die Polizei.

Etwa fünf Minuten später ereignete sich den Angaben zufolge im Bereich Eggeweg/Bad Rothenfelde ein weiterer Zusammenstoß. Der Flüchtige und sein Fahrzeug kollidierten mit einem am Fahrbahnrand geparkten Pkw, dessen Passagiere, ein Pärchen aus Bad Iburg, sich in der Nähe aufhielten – und sofort die Polizei verständigten. Wieder setzte der Herforder seine Fahrt fort – dieses Mal allerdings mit Endstation Maisfeld, wo er seinen Pkw nicht mehr vor- und zurückfahren konnte.

Fahrer: Hatte „Blackout“

Der heute 48-jährige Mann wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Dennoch waren einige Aussagen von ihm Gegenstand des Prozesses, denn zuvor war die Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht Bad Iburg eröffnet, dann aber an das Landgericht Osnabrück überwiesen worden. Seinerzeit hatte der Herforder ausgesagt, dass er davon ausgegangen war, gegen ein Verkehrsschild gefahren zu sein. Anschließend habe er einen „Blackout“ gehabt, jedenfalls könne er sich an nichts bis zur zweiten Kollision erinnern.

Ein wesentlicher Punkt der Verhandlung waren die Ausführungen eines Sachverständigen zur Schuldfähigkeit des Angeklagten. Ein Aspekt: Zum Tatzeitpunkt dürfte dieser rund zwei Promille intus gehabt haben. Hintergrund für die Trinkerei war die schwierige Beziehung zu der Freundin und seine „neurotische Fehlentwicklung“ in der Partnerschaft. Die damalige Situation: Der Mann brachte seine Freundin regelmäßig nach Bad Rothenfelde, wo diese sich als Prostituierte verdingte, was häufig zu Streit führte. In der Vergangenheit war der Mann dann zu einem Parkplatz gefahren, wo er übernachtete, um die Frau am nächsten Tag wieder mit nach Hause zu nehmen.

Viel Alkohol getrunken

In der fraglichen Nacht trank er in einer Gaststätte viel Alkohol, auf dem Weg zum Parkplatz kam es anschließend zu den Unfällen.

Die Persönlichkeit des Mannes, die Anspannung an dem Abend und der Alkohol hätten dafür gesorgt, dass er eine geringere Hemmschwelle gehabt habe, Risiken einzugehen, lautete ein Ergebnis des Sachverständigen. Einige Fragen blieben aber offen. So konnte nicht mit Sicherheit geklärt werden, ob das Fahrrad des Opfers beleuchtet war. Sicher ist jedoch, dass das Fahrrad über Reflektoren verfügte. Und natürlich bleibt die Frage, ob der Mann nicht hätte wissen müssen, dass dies keine Kollision mit einem Verkehrsschild gewesen war. Hätte er – wenn er denn in dem Moment in die richtige Richtung geblickt habe, lautete schließlich die vage Antwort. Mit den Beteiligten von Unfall Nummer zwei am Eggeweg kommt es noch zum Gespräch. Dort sagte der Angeklagte angesichts der Schäden an der Windschutzscheibe, dass er wohl gegen ein Verkehrsschild gefahren sei. Sein Kommentar, so die Zeugen: „Wie es halt so ist, man sieht zu, dass man Land gewinnt.“

Das Gerichtsverfahren wird am 9. September fortgeführt.