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Am Ende geht es in die Luft Angstfrei abheben - wie in Seminaren die Panik vorm Fliegen bekämpft wird

24.09.2011, 09:30 Uhr

Fliegen ist das sicherste Verkehrsmittel. Die Statistiken zeigen das schwarz auf weiß. Doch es gibt Menschen, die geben nichts auf diese Zahlen. Für sie ist Fliegen eine Horrorvorstellung – Statistik hin oder her. Die Angst abzustürzen und in der Luft die Kontrolle abzugeben, ist bei ihnen stärker als jedes noch so verlockende Urlaubsziel. Doch Flugangst lässt sich behandeln. Viermal im Jahr finden am Flughafen Münster/Osnabrück (FMO) spezielle Seminare gegen Flugangst statt.

Es ist Samstagmorgen, kurz vor zehn. Am Informationsschalter des FMO soll es losgehen. Hier ist der Treffpunkt für alle Teilnehmer des Seminars „Entspanntes Fliegen“. Bislang ist diese Kombination für die zehn Frauen und Männer noch ein Widerspruch in sich: Fliegen ist nicht entspannt. Ganz im Gegenteil: Allein der Gedanke, in einer Maschine zu sitzen, sich anzuschnallen und dann den Boden unter den Füßen zu verlieren, bringt sie fast zum Wahnsinn. Doch genau das wollen sie heute ändern. Dafür sind sie hier. Diplom-Psychologin und Chef-Stewardess Linda Föhrer nimmt die Gruppe in Empfang. „Ich will euch helfen, den Schalter umzulegen“, sagt Linda Föhrer.

Das Tagesseminar besteht aus drei Teilen. Die persönlichen Erlebnisse, die bei jedem Einzelnen dazu geführt haben, dass er sich aus eigener Kraft nicht mehr in ein Flugzeug traut, sollen zunächst gemeinsam in der Runde erzählt werden. Danach wird der dahinterstehenden Angst auf den Grund gegangen: Was war genau der Auslöser? Wie lässt er sich durch Fakten über technische Hintergründe über die Fliegerei relativieren? Zum runden Abschluss sollen alle Teilnehmer auch noch Entspannungsmethoden an die Hand bekommen, um sich in akuten Angstsituationen selbst helfen zu können. „Mit progressiver Muskelentspannung oder den Meridianpunkten kann man da einiges machen“, erklärt Linda Föhrer.

Die Gesprächsrunde ist eröffnet. Jeder erzählt, wie Fliegen für ihn zum Synonym für Angst geworden ist. Unterschiedlichste Geschichten und Erlebnisse kommen auf den Tisch. Sie sind genauso verschieden wie die Teilnehmer selbst. Von der 21-jährigen Auszubildenden, die gemeinsam mit ihrem Vater gekommen ist, der ebenfalls an Flugangst leidet, bis hin zum Ingenieur für Brand- und Schutztechnik, der nicht zuletzt durch Unfälle, bei denen er selbst geholfen hat, traumatisiert wurde und sich deshalb nicht in die Luft traut.

„Ein Horror“

Bärbel Fine ist eigentlich immer gern geflogen. „Auch allein – das war nie ein Problem“, erinnert sich die 39-Jährige. Erst 2004, als sie mit ihrem Mann in Australien war, hat sich die Lage verändert. „Wir sind mit einem Schiff zum Great Barrier Reef gefahren.“ Die Wellen wurden stetig höher. Irgendwann erreichten sie eine Höhe von vier Metern. „Und dann ging auch noch der Motor aus, und das Schiff lief voll mit Wasser. Alle haben geschrien, wir waren völlig hilflos, und mir war klar, dass ich dort nicht schwimmen konnte.“ Es war „ganz großes Glück“, dass dieses Erlebnis letztendlich gut ausgegangen war. Und damit nicht genug. Zwei Tage später stand der Rückflug nach Sydney bevor. Eigentlich nichts, vor dem Bärbel Fine sich fürchtete. Doch ausgerechnet jetzt, kurz nach dem Schiffsunglück, gab es Komplikationen. „Was genau los war, haben wir gar nicht mitbekommen. Es gab Unruhen, und wir mussten uns alle anschnallen“, erzählt die Osnabrückerin und erinnert sich: „Da spielte sich dann gleich wieder der Film vom Schiff ab – ein Horror.“ Freiwillig hat sie seitdem weder ein Flugzeug noch ein Schiff betreten. Nur mangels Alternativen hat sie unter massiver Angst zwei Flüge über sich ergehen lassen.

Mittlerweile haben alle ihre Geschichten erzählt. Und viel weiter möchte Linda Föhrer die Erlebniskiste auch nicht öffnen. „Es ist gut, dass wir die Erlebnisse alle einmal gehört haben. Aber damit ist es jetzt auch gut. Eure Angst wird nicht besser, wenn ihr euch auch noch von den Erlebnissen der anderen anstecken lasst.“ Die Zielvorgabe lautet daher: Lösungsorientiert arbeiten. Linda Föhrer stellt dafür zunächst die individuellen Ängste in den Mittelpunkt und bohrt bei einigen auch noch etwas weiter nach. Denn nicht bei allen liegt der Auslöser so leicht erkennbar auf der Hand wie bei Bärbel Fine.

Bei Ulla Deutz ist er mehr oder weniger versteckt. „Das hat sich einfach so eingeschlichen und passt eigentlich gar nicht zu meinem Typ“, sagt die Georgsmarienhütterin über ihre Flugangst. Linda Föhrer hinterfragt die Zeit, in der Ullas Ängste entstanden sind: Wie war die private Situation? Wie war ihr Wohlbefinden? Letztendlich hat die Therapeutin auch hier eine Vermutung für die Ursache: „Es kommen oft viele verschiedene Ursachen zusammen.“

Bevor es am Nachmittag um Entspannungsmethoden geht, erläutert Linda Föhrer den technischen Hintergrund des Fliegens. Für viele im Rückblick ein sehr wichtiger Teil des Seminars. Warum fliegt ein Flugzeug? Warum darf man sicher sein, dass sich die Maschinen in der Luft nicht in die Quere kommen? Und warum wird manchmal von Turbolenzen gesprochen? Die Chef-Stewardess, die die Seminare seit rund sechs Jahren an Flughäfen in ganz Deutschland gibt, räumt auf mit verzerrten Bildern übers Fliegen. „Es gibt überhaupt keine Turbulenzen. Es handelt sich um nichts anderes als Luftbewegungen – und die sind völlig normal.“

Es ist Zeit für ein wenig Praxis. Ein Mitarbeiter des Flughafens zeigt den Teilnehmern das Gelände. Gemeinsam wird so getan, als will man losfliegen. So richtig mit Check-in und Sicherheitskontrolle – das volle Programm. So manch einem macht das schon weiche Knie. Bei anderen reicht einfach die Gewissheit: Heute geht es ja sowieso noch nicht in die Luft. Apropos „In die Luft gehen“: Bei vielen Flugangst-Seminaren ist es üblich, am Samstag den theoretischen Teil zu bearbeiten und am Sonntag direkt einen Linienflug innerhalb Deutschlands mit dem Flugbegleiter zu absolvieren. Linda Föhrer hält nichts davon: „Viele Teilnehmer sind nach einem Seminar-Tag einfach noch nicht so weit, sofort ins Flugzeug zu steigen.“ Sie bietet ihren Teilnehmern stattdessen mehrere Wochen nach dem theoretischen Teil an, an einem begleiteten Flug teilzunehmen, der erst dann bezahlt wird, wenn man sich auch wirklich dazu entscheidet.

Blick ins Cockpit

Am Nachmittag steht diese Frage auch bei den Teilnehmern am FMO im Raum. Sie können sich unverbindlich in eine Liste eintragen, wenn sie über den Begleitflug in rund zwei Monaten informiert werden möchten. Bei einigen ist das Ergebnis hochgradig erfreulich: „Ich bin gerade richtig entspannt, ich könnte so fliegen“, sagt Ilona. Auch Bärbel Fine ist zuversichtlich. Vier von zehn Teilnehmern entscheiden sich letztendlich dazu, den begleiteten Flug in Anspruch zu nehmen. Vom Flughafen Düsseldorf geht es mit einer Maschine von Air Berlin nach Wien. Ulla Deutz aus Georgsmarienhütte ist auch dabei. Gut eine Stunde dauert es jetzt noch, bis der Flug startet, auf den sie so lange hingearbeitet hat. Ihr Mann hat sie zum Flughafen gebracht. Psychologin Linda Föhrer, die anderen Teilnehmer und André Bruns vom Reisebüro Höhenflugreisen in Osnabrück, das mit den Flugangstseminaren von Linda Föhrer kooperiert, sind auch dabei. Nein, wenn sie jetzt sagen würde, sie sei nicht aufgeregt, würde sie lügen, gesteht Ulla Deutz. „Aber Linda ist ja dabei. Wenn ich also durchdrehen sollte, kann sie sich um mich kümmern.“

Ulla Deutz lacht über sich selbst. Sie redet sich ihre Angst weg. Damit geht es in den Flieger. Bevor es zu den Sitzen geht, geht die gesamte Gruppe ins Cockpit, um den Piloten zu begrüßen. „Es ist wichtig zu vertrauen“, erklärt Linda Föhrer. Genau deshalb spricht sie die Stewardessen auch darauf an, ob die Teilnehmer nicht kurz vorne „Hallo“ sagen können. „Das war wirklich gut“, sagt Ulla Deutz, als sie wenig später auf ihrem Platz sitzt. Denn sie hat gesehen: Die beiden Männer vorne im Flugzeug haben alles im Griff. Die Maschine rollt an. Ulla Deutz sitzt neben Linda Föhrer und greift nach ihrer Hand. Der Flieger wird schneller, und Ulla schaut in ihren Schoß. Doch dann ist es schon passiert: Die Maschine ist in der Luft. Sie hat es geschafft. Ganz ausgeglichen ist Ulla zwar noch nicht, aber als die Maschine ihre Flughöhe erreicht hat, hat sich auch die Aufregung gelegt. Ulla redet und redet.

Nach der Landung dürfen vier Passagiere besonders stolz auf sich sein: Denn mit dem soeben zurückgelegten Weg haben sie weitaus mehr zurückgelassen als die 1200 Kilometer bis nach Wien. Durchaus ein Grund für eine gemeinsame Flasche Sekt am Schloss Schönbrunn.