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Alte Güterabfertigung in Osnabrück Als von „Lebensquelle“ und Zion GmbH noch keine Rede war

Von Joachim Dierks | 22.06.2016, 09:42 Uhr

Den alten Güterbahnhof im Fledder bringen viele Osnabrücker heute vor allem mit den umstrittenen Aktivitäten der freikirchlichen „Lebensquelle“ und der Zion GmbH in Verbindung – und mit der freien Kulturszene, die sich dort zuvor ein Refugium geschaffen hatte. Doch die Ursprünge waren andere.

Vor 100 Jahren war auch in Osnabrück der Güterverkehr per Bahn konkurrenzlos. Ein Jahr vor der Eröffnung des neuen Güterbahnhofs im Fledder errichtete die Bahn 1912 das Gebäude der Güterabfertigung als Verwaltungssitz und repräsentatives Entree. Gut 30 Jahre lang erfüllte der Bau seine Funktion als Operationszentrale für den Bahnfrachtverkehr im Verkehrsknotenpunkt Osnabrück. Dann ging er wie fast alle Bahnanlagen im Bombenhagel unter. Nach dem Krieg entstand an gleicher Stelle der schlichte rote Backsteinbau, in dem wiederum Frachtbriefe vorgeprüft, Frachten berechnet und Waggons disponiert wurden. Aber nur bis 1997, als die Bahn den Güterbahnhof aufgab. Für den Transport von Stückgut und einzelnen Waggonladungen hatte sich die Bahn gegenüber dem Lkw als unflexibel erwiesen.

Wohngebiet? Busdepot?

Das 22 Hektar große Areal und mit ihm die Güterabfertigung standen zum Verkauf. Verschiedene Nutzungen wurden erwogen, darunter als Wohngebiet, als neue Heimat für das Busdepot der Stadtwerke und der denkmalgeschützte Ringlokschuppen als Veranstaltungshalle. Daraus wurde nichts. Als Zwischennutzung siedelte sich eine junge, alternative Kleinkunst- und Kneipenszene an. Wo einst Beamte mit Ärmelschonern Frachtbriefe prüften, wurden Tangoschritte eingeübt. 2010 erwarben zwei Immobilienkaufleute von der Bahn-Tochter Aurelis einen Großteil des Geländes, um darauf unter anderem einen Solarpark zu errichten. Doch für so eine Nutzung sei das zentrumsnahe Gelände zu wertvoll, befand die Stadt.

2012 kam die „Lebensquelle“

2012 kam der jetzige Eigentümer, die evangelische Freikirche „Lebensquelle“, zum Zuge. Ihrem Wunsch, dort ein großes Gotteshaus mit 1100 Plätzen zu errichten, erteilte die Stadt inzwischen ebenfalls eine Absage. Der seit März dieses Jahres geltende Bebauungsplan erlaubt nur gewerbliche Nutzungen. Bislang zeichnet sich keine Lösung für den „Dauer-Clinch“ zwischen dem neuen Eigentümer und der Stadt ab. Die Stadt muss sich den Vorwurf gefallen lassen, 2012 die Ausübung eines Vorkaufsrechts „verpennt“ zu haben.

Trotz einer erlassenen Veränderungssperre renovierte die „Lebensquelle“ einen Teil der Güterabfertigung und ließ dort Anfang Mai das türkische Restaurant „Nokta“ einziehen. Die Stadt wollte den Betrieb erst untersagen, steht inzwischen einer befristeten Genehmigung aber aufgeschlossener gegenüber, wenn die Erfüllung von Brandschutzauflagen nachgewiesen wird. Das türkische Wort „Nokta“ heißt zu Deutsch „Punkt“. Ein Schlusspunkt unter die ganze Geschichte ist damit aber mit Sicherheit noch nicht gesetzt.

Schon immer politischer Streit um den Standort

So ganz im Reinen mit dem Standort war die Stadt im Übrigen von Anfang an nicht. Einen Sturm der Entrüstung löste 1905 das Vorhaben der Königlich Preußischen Eisenbahndirektion Münster aus, einen neuen Güter- und Rangierbahnhof im Fledder bauen zu wollen. Warum im Fledder, wo so viel schönes Gartenland hätte dran glauben müssen? Hörne, weiter draußen in Richtung Münster gelegen, sei doch viel besser geeignet. Oder der Nordwesten, parallel zum projektierten Kanalhafen. Bürgerversammlungen wurden einberufen, Unterschriften gesammelt. Am meisten ärgerte die Osnabrücker, dass die Bahnverwaltung ihnen eine fertige Planung vorsetzte und dabei das Hauptanliegen der Stadt, nämlich endlich die Schienenfreiheit des Straßennetzes durch Höherlegung der Bahnkörper herzustellen, komplett ignorierte. Die „Osnabrücker Volkszeitung“ schrieb von „Profitwut“, „Beutelpolitik“ und „Vetternwirtschaft“. Die Bahnverwaltung geriet in Verdacht, vorher Absprachen mit interessierten Grundbesitzern getroffen zu haben.

Protest der Stahlwerk-Verantwortlichen

Die umfangreichen Gleisanlagen, das geplante Bahnbetriebswerk samt Lokschuppen, die Güterabfertigung mit kilometerlangen Verladerampen würden sich wie ein Keil zwischen Schinkel und den südlichen Fledder schieben. Das Stahlwerk und die Firma Rawie protestierten, weil ein Großteil ihrer Beschäftigten aus den Wohngebieten an der Meller Straße einen doppelt so langen Weg zur Arbeit haben würde. Auch die städtischen Gremien waren empört. Sie kämpften schon seit Jahren für eine Gesamtlösung, die auf jeden Fall eine Anhebung des „Eisernen Rings“, einen Bahnanschluss für den geplanten Kanalhafen und eine Straßenquerverbindung zwischen Mindener und Meller Straße – später als Schellenbergbrücke verwirklicht – beinhalten müsse.

Die Gemüter beruhigten sich, als im Folgejahr 1906 die Bahn in den meisten Punkten einlenkte. Nur in einem nicht: Es blieb beim Standort Fledder. Von 1909 bis 1912 wurde das Gelände südlich der Bahnlinie Löhne – Bentheim zu einem großzügig bemessenen Rangier- und Güterbahnhof ausgebaut und dafür unter anderem auch das Flussbett der Hase verlegt.

(Weiterlesen: Hannoverscher Bahnhof: Osnabrücks ältester und schönster Bahnhof)