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Akustisches Musik-Kabarett Heinz Rudolf Kunze: Schräge Poesie im Osnabrücker Rosenhof

Von Tom Bullmann | 06.03.2015, 14:09 Uhr

Manchmal zieht sich Deutsch-Rocker Heinz Rudolf Kunze „Räuberzivil“ an - so heißt das Akustik-Projekt mit seiner Band „Verstärkung“. Am Donnerstag war er damit wieder einmal im Osnabrück Rosenhof zu Gast und spielt vor rund 200 Gästen aus seinem aktuellen Album „Tiefenschärfe“. Mit dabei hat der einstige Osnabrück Zynische Wortbeiträge und in Musik gefasste Texte über Gott und die Welt:

Der Mann macht sich Gedanken. Und die muss er unters Volk bringen. Seit 35 Jahren. Ob das Wohlergehen der Polarfüchse auf den Lofoten, ob misanthropisches Alleinsein, ob Flüchtlinge, die Russen, die kommen, oder Islamisten, die bomben, ob Glück an sich oder Dankbarkeit überhaupt – Kunze kennt wieder einmal keine Schranken, wenn es darum geht, den Stand der Dinge in wohlklingende, doch ätzend wirkende Wortkonstrukte zu betten. Eine Mischung aus schräger Poesie und kritischem Kabarett ist das.

Das Sympathische: Der Ex-Osnabrücker macht mit seiner Häme vor sich selbst nicht halt. Da schwadroniert er über die „Fremdenangst beim Blick in den Spiegel“. Lässt sein Alter Ego Sprüche über ihn klopfen: „Wie sieht der überhaupt aus. Und dann schreibt der auch noch diese merkwürdigen Texte. Trägt sie in aller Öffentlichkeit vor. Schrecklich!“ Und schon folgt ein weiterer, schwarzhumoriger Tiefschlag: „Willkommen, liebe Mörder.“ Der Song stammt, wie die meisten an diesem Abend, von dem neuen „Räuberzivil“-Album „Tiefenschärfe“, ein Doppelalbum, das gerade auf dem Markt erschienen ist.

In der ersten Hälfte des Konzerts folgt jeweils ein Wortbeitrag auf einen Song vom neuen Album. In den Liedern geht’s um alte Nazis, notorische Lügner und HRKs Ratgeber „General Lee, den alten Tattergreis“.

Musikalisch beschreitet Kunze neue Wege, wenn er Country-Stilistik bemüht – was qualitativ übrigens gut funktioniert, denn Räuberzivilist Ralph König liefert eine herrlich twangige Pedalsteel-Gitarre.

Überhaupt sind Kunzes neue Mitstreiter äußerst versiert: Peter Pichl spielt einen weich tönenden, bundlosen E-Kontrabass, und Hilko Schomerus überzeugt mit dezent-filigraner und sehr abwechslungsreicher Perkussion. Wenn es kraftvoller wird, wechselt Pichl zum knackigeren E-Bass, Schomerus vom Besen zu den Klöppeln. Und dann setzt es auch schon einen alten Hit: „Meine eigenen Wege“. Das Publikum ist erfreut.

Es kommt übrigens, so sagt der Sänger, in ein „Räuberzivil“-Konzert, weil es beim „verstärkten Kunze“ die Wortbeiträge vermisst. Richtig aus sich heraus gehen die Zuschauer aber auch erst, als die Band „Dein ist mein ganzes Herz“ anstimmt, diesen Hit aus den Anfangstagen, der mit seinem poppigen Refrain in die Annalen der Rockmusik einging. So ist das halt mit Liedern, die den Menschen in jungen Jahren prägen: Sie lösen auch im fortgeschrittenen Alter Reflexe aus.

 Hier geht‘s zum offiziellen Web-Auftritt von Heinz Rudolf Kunze 

Nach der Pause werden die Textbeiträge rarer, die Songs dafür flotter. Titel wie „Ponderosa“ oder „Papa hat Geld“ sind Protestlieder in flockiger Gangart. Ersteren versteht Kunze als Replik auf Bob Dylans Song „Maggie’s Farm“, einen verschlüsselten Aufruf, sich nicht fremdbestimmen zu lassen. Der andere handelt auf sarkastische Weise von dem wohlhabenden und fürsorglichen Vater, der seinem hohlen Sohn einen Studienplatz mit zugehörigem Porsche kauft.

Den einzigen Verweis auf seine eigene Adoleszenz in Osnabrück bringt „Brille“ ganz zum Schluss. Als Anmoderation des Songs „Folgen Sie mir weiter“ sagt er: „Dieses Lied habe ich 1978 am Schölerberg geschrieben…“ Es hat sich halt nichts verändert. Nur sitzt Heinz Rudolf Kunze jetzt in seinem Haus bei Hannover, schaut sich die Welt an, die ihm nicht gefällt, und schreibt darüber seine Texte und Lieder. Ein Rufer in der Wüste…