Ein Artikel der Redaktion Neue Osnabrücker ZeitungLogo Neue Osnabrücker Zeitung

Adrenalin-Rausch bei der Abfahrt Die verrückte Tour eines Osnabrückers über die Zugspitze

Von Michael Schiffbänker | 13.09.2011, 09:45 Uhr

Menschen, die auf die Zugspitze klettern, sind ambitioniert. Menschen, die dies mit einem Fahrrad auf den Schultern tun, sind übermütig. Menschen, die anschließend die steilen Schotterpisten ins Tal herunterfahren, sind verrückt. So wie Stefan Schlie.

Wenn das Wort von der Bierlaune jemals angemessen war, dann in diesem Fall. „Philipp Foltz und ich haben auf La Palma beim Bier zusammengesessen und gedacht: Wir müssen was Verrücktes machen“, sagt Stefan Schlie.

Schlie fährt seit 1983 Trial. Eine zeitlang war er der beste Trialer in Deutschland, wurde Zweiter bei Weltmeisterschaften. Trialer sind Fahrrad-Artisten, die mit dem Mountainbike über Stufen, Felsen, Geländer und andere Hindernisse springen und fahren, an denen selbst die meisten Fußgänger scheitern würden. Wenn solche Leute davon sprechen, etwas Verrücktes machen zu wollen, dann ist das keine Floskel.

Vor 14 Jahren ist Schlie mit dem Mountainbike die Zugspitze heruntergefahren. An einem Stück. Auf Pfaden, die so steil und rutschig sind, dass selbst Wanderer aufpassen müssen.

Nun saß Schlie mit seinem Freund Philipp Foltz auf La Palma, trank kühles Bier, fühlte der Wärme des verblassenden Tages nach und dachte an raue Höhenluft und schroffe Felsgrate. Dann stand für ihn fest: Runter geht’s – jetzt will ich auch rauf mit dem Rad.

Ein Sponsor sagte: „Wir unterstützen das!“, bestellte einen Fotografen und ein Kamerateam. Das Unternehmen stellt Outdoor-Kleidung her – und machte aus dem Trip von Foltz und Schlie einen Werbefilm.

Im Juni ging es los. Der Startpunkt war Lermoos, Österreich. Den ersten Abschnitt fuhren Foltz und Schlie. Dann ging es in den Berg, und sie begannen zu klettern, eine Hand an der Halteleine, Fahrräder und Rucksack auf dem Rücken. Bis zu 35 Kilo Gepäck. So viel wie ein römischer Legionär. „Das war hart. Sehr hart“, sagt Schlie. Vor allem die letzte Passage, dieses „fiese Schotterding“, das sie nur nahmen, um das Gipfelgefühl zu bekommen. 2100 Höhenmeter bergauf lagen hinter ihnen. Sechs Stunden hatten sie gebraucht. Dann ging es bergab.

Stefan Schlie hat Filme von der Abfahrt auf seinem PC, aufgenommen mit einer Helmkamera, die er und Foltz im Wechsel trugen. Auf manchen ist Schlie zu sehen, wie er über die Kuppe von Steinriesen fährt, die wie Walrücken aus einem Schottermeer aufragen. Im Hintergrund das Grau der Zugspitze, der Gipfel von Wolken verhangen. Grüne Almwiesen an den tieferen Hängen. Kuhglocken bimmeln. Im Tal dunkle Wälder. Würden Heidi und der Geißenpeter durch das Bild laufen, es würde passen. Stattdessen splittert Schotter unter den Stollenreifen des Mountainbikes zur Seite. Der nächste Abgrund ist nur eine Armlänge entfernt. „Da bist du am Limit“, sagt Schlie.

Die Helmkamera wippt im Rhythmus des huckeligen Weges auf und ab. Wanderer grüßen verdutzt. Zwischendurch ist die Stimme von Foltz zu hören. „Läääuft!“, sagt der und „Yeah!“ und manchmal lacht er einfach.

Irgendwann kommt die Baumgrenze, die Landschaft wird grüner, die Luft ist nicht mehr so dünn, die Wege nicht mehr so zerklüftet. Es folgt das „Genuss-Biken“, wie es Stefan Schlie nennt. Je länger die Fahrt dauert und je schneller sie wird, desto länger zieht auch Foltz das „ei“ in seinem häufiger werdenden „Geil!“. Die Kamera hat während der vierstündigen Abfahrt jedes einzelne davon aufgezeichnet und dokumentiert so, was Schlie über den Trip sagt: „Das ist Action, Fitness, Naturerlebnis, An-die-Grenzen-kommen. Nach so einer Tour bist du breit.“ Wie besoffen, auf Adrenalin.

Das Video ist auf der internationalen Fahrradmesse Eurobike in Friedrichshafen erstmals öffentlich gelaufen. Stefan Schlie war als Mitinhaber der Fahrradmarke C14 dort. Ein bisschen stolz ist er auf den Film. Vor allem aber sei es ein Privileg gewesen, die Tour machen zu dürfen.

„Route wird nicht veröffentlicht, da nicht zu Nachahmung empfohlen“, ist im Abspann des Films zu lesen. Aber die Gefahr besteht ohnehin nicht: Nur Verrückte würden diese Strecke fahren.