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Aber wir machen es trotzdem Osnabrück: Drücken an der Fußgängerampel ist oft nutzlos

Von Dirk Fisser | 16.02.2011, 14:28 Uhr

Jetzt seien Sie bitte nicht enttäuscht: Wenn Sie schon einmal die Kreuzung am Berliner Platz als Fußgänger überquert und dabei den Druckknopf am Ampelmast betätigt haben, dann hatte es rein gar nichts mit Ihnen zu tun, dass die Lichtanlage schließlich auf „Grün“ umgesprungen ist. Drücken ist nämlich nutzlos. Und trotzdem machen es (fast) alle.

„Stimmt. Bringt nichts“, sagt Burkhard Albers. Als Fachdienstleiter im Bereich Straßenbau ist er Herr über die rund 200 Ampeln im Stadtgebiet. Und als eben solcher weiß er: Jede Lichtanlage hat ihre Besonderheiten. Bei der am Berliner Platz und vielen weiteren größeren Kreuzungen in Osnabrück ist es so, dass die Grünphase für Fußgänger an die Grünphase für Fahrzeuge gekoppelt ist.

Heißt im Klartext: Im Windschatten der motorisierten Verkehrsteilnehmer dürfen auch die Fußgänger die Fahrbahn passieren. Und warum hängt dann trotzdem ein Druckknopf am Ampelmast? Fachmann Albers: „Das ist ein Relikt aus alten Zeiten.“ Den guten alten Drücker-Zeiten, als der Fußgänger noch seinen Beitrag leisten durfte, um über die Straße zu gelangen.

„Beim Aufstellen der Ampeln mussten wir uns erst einmal an die Gegebenheiten der Kreuzung herantasten. Im Fall Berliner Platz hat sich die jetzige Regelung für alle Verkehrsteilnehmer als am sichersten erwiesen.“ Das heißt: Der Fußgänger braucht nur noch warten, die Druckknöpfe sind eigentlich überflüssig.

Und trotzdem wird fleißig gedrückt. Achten Sie heute doch einfach mal darauf und überprüfen Sie sich selbst: Der Drang zum Drücken ist da. Warum ist das so? Susanne Haberstroh, Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Osnabrück, hat sich auf Nachfrage unserer Zeitung dazu Gedanken gemacht und hat gleich mehrere Erklärungsansätze. Das Phänomen hat sie bereits an sich selbst beobachtet: „Ich bin auch so eine Ampeldrückerin“, gibt sie offen zu.

Ihre erste Erklärung liegt nahe: „Die Menschen wissen schlichtweg nicht, dass Drücken nutzlos ist.“ Das könnte natürlich sein, aber spätestens nach diesem Artikel gibt es keine Ausreden mehr. Und wer genau hinschaut, der wird merken: Selbst wenn die Lampe „Signal kommt“ aufleuchtet, muss der Druckknopf herhalten.

Und da kommt der zweite Erklärungsansatz ins Spiel. „Man hat den Ablauf gelernt: An der Ampel muss man drücken, um grünes Licht zu erhalten.“ Es sei für Menschen angenehmer, den gelernten Ablauf einfach abzuspulen, dies sei ressourcensparender, als sich über einen neuen Ablauf Gedanken zu machen. „Und schließlich passiert ja auch nichts Schlimmes, wenn wir drücken“, sagt die Psychologin.

Im Gegenteil: „Das Verhalten wird scheinbar noch belohnt, wenn die Ampel auf Grün umspringt.“ Haberstroh vermutet hier ein Beispiel für Konditionierung, ein Phänomen, dass in zahlreichen Tierversuchen bereits nachgewiesen wurde. „Wenn ein Verhalten belohnt wird, steigt damit auch die Auftretenswahrscheinlichkeit für das Verhalten“, umschreibt die Psychologin den Effekt der Konditionierung. Sprich: Wir drücken umso fleißiger.

Und dann hat sie noch eine vierte Erklärung, warum wir so am Drücker hängen: die Kontrollillusion. „Wir glauben, dass unser Verhalten eine Konsequenz haben muss. Das heißt: Menschen nehmen die Kontrolle über ihre Umwelt wahr, wo es gar keine gibt.“ Am Beispiel der Ampel heißt das, wir nehmen an, das Drücken auf den Knopf und das Erscheinen des grünen Lichtes haben einen kausalen Zusammenhang. Falsch gedacht. Tatsächlich ist es lediglich ein temporaler, weil eine Zeitschaltung im Hintergrund läuft. „Das Verhalten ist also vollkommener Unsinn.“

Kann man es sich denn abtrainieren? „Routinen loszu-werden ist schwierig. Fragen Sie doch mal einen Raucher“, bringt es die Professorin auf den Punkt.

Also werden die meisten wohl weiter fleißig drücken. Probieren Sie heute doch einfach mal, die Finger vom Drücker zu lassen. Sie werden sehen: Das ist leichter gesagt als getan.