Alfred Spühr und seine Modelle Die Straßenbahn lebt – im Maßstab 1:90

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stwi Osnabrück. Was Alfred Spühr in Osnabrück gebaut hat, ist einzigartig: 1953 begann er mit dem Bau einer Modell-Straßenbahn, für die er heute in Fachkreisen und auch in Osnabrück bekannt ist. 60 Jahre später wird am Sonntag ein neuer Modellwagen mit der Nummer 16 von Stadtwerke-Vorstand Stephan Rolfes in Betrieb genommen.

Wer mit Alfred Spühr durch seine Modell-Straßenbahnwelt, genannt „Spühringen“, wandert, begibt sich auf eine Zeitreise. Sie beginnt im Osnabrück der 40er-Jahre. Ein Stück aus dieser Zeit hat Spühr als Schüler ins Jetzt gerettet: einen dunkelgrünen Blechwagen der Spielzeugeisenbahn, die er mit zwei Jahren geschenkt bekommen hatte. „Man nahm ja das, was wichtig war, mit in den Bunker“, erklärt der heute 79-Jährige.

Für Spühr war es dieser Wagen. Der steht jetzt in einer Vitrine in seinem Hobbykeller. Direkt neben Spühringen, der Straßenbahn-Landschaft, die er 1953 zu bauen begann und für die er in Osnabrück und in Fachkreisen bekannt ist. Wie groß sie ist, kann der Geschäftsmann im Ruhestand gar nicht sagen. Es braucht immerhin einige Tische, die sie tragen.

Heute nennt Spühr 19 Modellwagen sein Eigen. In der Vorkriegszeit war nicht einmal eine Straßenbahnfahrt drin. „Wer hatte schon Geld dafür?“, sagt Spühr. Die 15 Pfennig für eine Fahrt konnte sich die Familie nicht leisten. Dabei war die Tram das Erste, was der Junge Alfred Spühr sah, als er nach dem Umzug aus Stadthagen aus dem Osnabrücker Hauptbahnhof trat. 74 Jahre später ist er immer noch fasziniert. Jedes Detail zum Thema Straßenbahn weiß er auswendig.

Immer den Schienen nach

Die Stadt erkundete der Schüler, wenn schon nicht aus einer Straßenbahn heraus, so doch zumindest auf ihrer Spur: „Immer den Schienen nach!“ Damals verbrachte er jede freie Minute am Tram-Depot an der Lotter Straße. Als Spühr später, in den 50ern, die Baupläne für seine Modell-Straßenbahnen anfertigte, konnte er sich im Depot frei bewegen. „Da hatte ich Narrenfreiheit“, so Spühr. Und schließlich konnte er die Stadt auch aus Fahrgast-Sicht erkunden: „Nach dem Krieg bin ich ständig gefahren. Da kannten mich alle Fahrer“, sagt er.

Die Pläne für seine selbst gebaute Modell-Straßenbahn hat er selbst angefertigt. „Ich bin da mit dem Zollstock in der Halle rumgekrochen“, erzählt er. Fein säuberlich eingeheftet sind alle diese Zeichnungen auf Millimeterpapier. In sorgfältig beschrifteten Ordnern stehen sie in Regalen im Hobbykeller.

Teilweise prangt der Stempel „Alfred Spühr Jr.“ auf den Seiten, zusammen mit seiner alten Adresse. Daneben finden sich Fotos von alten Straßenbahnen, Kaufbelege, Stadtpläne. Die Seiten sind mit Schreibmaschine beschriftet. Damit schreibt Alfred Spühr noch heute.

Selbst an den Bewohnern seiner Modellstadt lässt sich Geschichte nachvollziehen: In der Vitrine steht ein aus Holz geschnitztes Figürchen. Die Arme bestehen aus bemaltem Bindfaden (Kaufpreis 70 Pfennig). Den Bahnhofsvorplatz überqueren mehrere graue Plastikmenschen – „im Mao-Look.“, sagt Alfred Spühr, „Die habe ich draufgelassen als Zeitzeugen.“

Der Großteil der Spühringer Bevölkerung besteht aus buntem Plastik – modernes Modellbau-Equipment (12– 15 Euro pro Schachtel). Hinter den aktuellen Kfz-Fabrikaten fährt hier ein alter VW Bulli, da ein Lloyd, die Fenster grau mit Bleistift ausgemalt. Durchsichtige Fenster gab es früher noch nicht. In Osnabrück fuhr die letzte Elektrische vor 53 Jahren. „Am 29. Mai 1960 war Schluss“, weiß Spühr aus dem Kopf, schaut zur Sicherheit dann aber doch noch mal im Archiv nach.

In Spühringen fährt sie noch immer und geht mit der Zeit: Ein moderner Niederflurwagen, versehen mit Osnabrücker Logo, steht im Depot am Stadtrand: „Das Neueste, was auf dem Markt ist. Meine Bahn ist aktuell und fahrgastkompatibel!“ Die Strecke wurde zu Beginn sogar von den Stadtwerken abgenommen: Die für Straßenbahnen zuständigen Herren Müller und Abken (an Vornamen erinnert sich Spühr nicht) gaben nach einer Modifikation an den Oberleitungen ihr Okay. Selbstverständig hat Spühr auch die Leitungen selbst gebaut. Die Bahn fährt original mit Elektrizität von oben auf 12 mm Spurweite.

Ohne die große Elektrische läuft der Rentner heutzutage quer durch die Stadt zum Bahnhof – das gehe schneller als mit dem Bus. Dann reist er in andere Städte und fährt Straßenbahn: „Da kaufe ich mir ein Tagesticket und fahre kreuz und quer.“ Neulich erst hat er eine neue Strecke in Bremen abgefahren. Ins Zentrum der deutschen Straßenbahnkultur traut er sich allerdings nicht mehr. „Berlin ist für mich gestorben“, sagt der Tram-Spezialist. Nach der Wende hatten ihn aufdringliche Punks am Bahnhof Zoo angegangen. „Da hatte ich einen Schock fürs Leben!“

Der am Sonntag einzuweihende Wagen steht noch im Depot. Daneben ein Plastikmann mit schwarzer Hose und leuchtend rotem Hemd auf einer Leiter. „Da werden noch Fenster geputzt. Der Wagen wird schön gemacht“, lacht Spühr. Seine Frau Veronika hat die Leidenschaft ihres Mannes vor 44 Jahren mitgeheiratet. „Sie wusste, was auf sie zukam, erklärt Spühr: „Man muss immer einen goldenen Mittelweg finden.“ Am Revers des stets tadellos gekleideten Rentners heftet der Beweis, dass ihm das gelungen sein muss: Seine Tochter, eine Goldschmiedin, hat ihm anlässlich des 60-jährigen Bestehens von Spühringen einen kleinen, goldenen Straßenbahn-Anstecker geschenkt. Es ist der neue Wagen 16.


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