Eine weihnachtliche Geschichte Wie ich mit meinem italienischen Vater von Osnabrück nach Modena fuhr

Laura Elisa Nunziante

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Unsere Autorin Laura Elisa Nunziante verbringt Weihnachten mit der italienischen Hälfte ihrer Familie. Mit ihrem Vater ist sie nach Modena gefahren. Foto: Laura Elisa NunzianteUnsere Autorin Laura Elisa Nunziante verbringt Weihnachten mit der italienischen Hälfte ihrer Familie. Mit ihrem Vater ist sie nach Modena gefahren. Foto: Laura Elisa Nunziante

Osnabrück. Es liegt Schnee im Sauerland, als ich das erste Mal aufwache und aus dem Fenster schaue. Wir sind früh losgefahren, ich bin mit meinem Vater unterwegs nach Modena. Die Feiertage werden wir bei unserer italienischen Familienhälfte verbringen. Für mich ist es das erste Mal. Für meinen Vater liegt das letzte Weihnachten in seinem Heimatland vierzig Jahre zurück.

1969 kam mein Vater als Gastarbeiter nach Osnabrück, 14 Jahre nachdem Deutschland das Anwerbeabkommen mit Italien geschlossen hatte. Damals bewarb er sich bei einer Sammelstelle in Verona, die ihn als Dreher an die Firma Kromschröder vermittelte. Sein eigentliches Ziel war Amerika. Stattdessen gründete mein Vater eine Familie und blieb. 50 Jahre lang.

Auf der Rückbank seines Wagens steht ein Korb mit Proviant. Er ist gefüllt mit Brötchen, Mozzarella und Parmaschinken. Ein halbes Jahrhundert lebt mein Vater in Deutschland, aber die italienische Küche liegt ihm auf der Zunge. Die wird ein Italiener in seinem Leben nicht los, sie klebt an ihm wie heißer Gorgonzola. Und doch ist mein Vater nie nach Modena zurückkehrt.

Viele Italiener haben es in Deutschland nicht ausgehalten

Ich frage ihn, ob er sich erinnert, wie Weihnachten in Italien gefeiert wird. Er hebt die Hand, wedelt damit vor seinem Ohr herum, wie an einem Rad. Auf Italienisch heißt die Geste: viel zu lange her. Vielleicht weiß er, dass er in seiner Heimat nicht mehr leben könnte.

Zu viel hat sich verändert: Die Scheidungsrate ist gestiegen, das traditionelle Familienbild zerbröckelt; junge Italiener wandern wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit aus. Zu seiner Zeit, erzählt mein Vater, habe es auch kaum Arbeit in Italien gegeben. Aber in Deutschland konnte man gutes Geld verdienen. Anfangs seien viele seiner Landsmänner noch euphorisch gewesen. Aber viele seien nach Italien zurückgekehrt, weil sie es in Deutschland nicht ausgehalten hätten.

„Die Osnabrücker sind eben zurückhaltend“, so erklärt mein Vater sich das. „Aber zu mir waren sie immer freundlich.“ Er schweigt, schaut aus dem Fenster. „Ansonsten hätten sie schon gesehen, was sie davon haben.“ Diese Aussage, so typisch für meinen Vater, dessen Wurzeln in Neapel liegen. Erst reagiert er besonnen, dann haut er dir eine Drohung an den Kopf, die du nie vergessen wirst.

„Ich habe mich immer als Italiener gesehen“, sagt mein Vater jetzt. „In Modena ist es einfacher mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. In Osnabrück sind alle verschlossener – und grauer.“ Mein Vater übersieht dabei, dass er längst auch zu den Verschlossenen, zu den Grauen gehört: Nach all‘ den Jahren fühlt er sich noch immer als Außenseiter.

Kein Wort über die Vergangenheit

Wir tauschen die Plätze, ich darf seinen Wagen fahren, in seinen Augen ist der heiliger als das Papamobil. Für einen Moment achte ich nicht auf die Geschwindigkeitsbegrenzung, da kommt schon die erste Anweisung von der Beifahrerseite: „Fahr langsamer. Du musst auf die roten Schilder achten, hörst du?“ Er redet mit mir wie mit einer Fahranfängerin. Aber dies ist das Schicksal einer jeden Frau, die einen italienischen Vater hat. Egal, wie groß dein Mundwerk geraten ist: Immer wirst du die Kleine, die bambina, bleiben.

„Hast du es bereut, nicht nach Amerika gegangen zu sein?“, frage ich ihn nach einer Weile.

„Ich habe mich so entschieden und Schluss“, antwortet er mit der Schroffheit eines Mannes, der zu viel in seinem Leben bereut, als dass er sich nur einer Sache davon widmen könnte, ohne dass ein ganzes Kartenhaus zusammenfällt. Wir haben jetzt die Grenze zu Italien überfahren, noch immer fahre ich nach Geschwindigkeitsbegrenzung.

„Drück mal ein bisschen auf die Tube“, kommt es da von der Seite. „Willst du, dass die dich hier auslachen?“ Es ist, als sei mit der Grenze das Deutschsein von ihm abgefallen: Sofort weiß er sich wie ein Italiener zu benehmen. Einer, der im Allgemeinen etwas gegen die Regierung hat – und insbesondere gegen deren Verkehrsregeln.

Willkommen zu Hause

Wir parken vor dem Haus meiner Zia Antonietta. Der Geruch von Tortellini zieht durch die kalte Winterluft. „Für mich ist es egal, ob ich in New York oder Osnabrück lebe“, sagt mein Vater, während er die Koffer auslädt. „Heimat ist, wo meine Familie ist.“

Dann fällt seine Schwester ihm um den Hals. Luigi é ritornato a casa. Mein Vater ist nach Hause gekommen.

Laura Elisa Nunziante ist Journalistin und Autorin. Am 1. Juni 2018 erscheint ihr Buch Salute!: Wie ich mit ganz Europa Brüderschaft trank, Knaur, ISBN-13: 978-3426789346, 12,99 Euro


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