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Drama im Osnabrücker Zoo Ausgebrochen und erschossen: Trauer um Hybridbärin Tips

Von Joachim Dierks

Da war noch alles im Lot: Tips, die Cappuccinobärin, gehörte zu den Publikumslieblingen im Zoo. Foto: Michael GründelDa war noch alles im Lot: Tips, die Cappuccinobärin, gehörte zu den Publikumslieblingen im Zoo. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Am 11. März 2017 entkommt Hybridbärin Tips aus ihrem Außengehege und gelangt auf die Besucherwege. Es ist ein sonniger Samstagnachmittag. 4000 Besucher bevölkern den Osnabrücker Zoo.

Zunächst überrennt Tips eine Tierpflegerin, die zum Glück nur leichte Blessuren erleidet. Dann setzt sie ihren Weg querbeet durch die Botanik fort zum Löwenrondell und zur Anlage der Klammeraffen. Die für solche Fälle ausgebildete Eingreiftruppe aus dem Mitarbeiterstab mit Betäubungsgewehren und scharfen Waffen wird alarmiert. Die Evakuierung der Besucher in schützende Häuser läuft an. Plötzlich taucht Tips oberhalb des Flamingoteichs auf, kaum 50 Meter von Besuchern entfernt, die noch keinen Schutzraum erreicht haben.

Die Mitarbeiter versuchen, das 300 Kilo schwere Tier zu beruhigen. Das gelingt nicht. Tips nimmt eine Angriffshaltung ein. Zoodirektor Michael Böer steht vor der schwierigsten Entscheidung seiner Laufbahn. Das mit dem Betäubungsgewehr verschossene Narkosemittel bräuchte rund zehn Minuten, bis es wirkt. Die Gefahr bestünde, dass Tips nach dem schmerzenden Einschuss der Betäubungsspritze noch aggressiver reagiert. Um das Leben von Besuchern und Mitarbeitern nicht weiter zu gefährden, gibt Böer daher als Notwehr Schüsse mit scharfer Munition frei. Tips bricht sofort tot zusammen.

Die Mitarbeiter sind geschockt und traurig. Viele können ihre Tränen nicht zurückhalten. Als die Osnabrücker Öffentlichkeit von dem Drama erfährt, ist die Anteilnahme nicht minder groß. Die beiden wegen ihrer milchig-braunen Fellfarbe auch „Cappuccino-Bären“ genannten Mischlinge sind ausgesprochene Publikumslieblinge. Sie waren das Ergebnis einer Affäre zwischen Eisbär „Elvis“ und Braunbärin „Susi“.

Ursprünglich waren die Zooleute nicht besonders stolz auf das Kreuzungsergebnis, entstand es doch aus der nicht ganz glücklichen Gemeinschaftshaltung in einem Gehege. Doch dann traten auch in freier Wildbahn derartige Hybride auf, weil die Lebensräume von Braun- und Eisbären in Nordamerika sich annäherten und teils überlappten. So wurden Tips und Taps plötzlich zu viel beachteten Symbolträgern der Klimaerwärmung.

Der Ausbruch, bei dem Tips drei Barrieren überwand, wurde nur durch eine „Aneinanderreihung unglücklicher Zufälle“ (Böer) und einen verdeckten Montagefehler beim äußeren Gitterzaun möglich. Das Tier kam gerade aus dem Winterschlaf und war hungrig und hoch motiviert.

Die Stromschläge des Elektrozauns ignorierte Tips, weil ihr Jagdtrieb möglicherweise durch ein wildes Kaninchen angeregt worden war. Durch die Winterruhe war sie so stark abgemagert, dass sie durch die 30 mal 45 Zentimeter große Fuchsklappe – Barriere Nummer zwei – passte, was niemand vorher für möglich gehalten hatte. Damit war sie im Gehege der Silberfüchse.

Von der Freiheit trennte sie noch ein kräftiger Metallgitterzaun. Ein Element darin war fehlerhaft montiert. Genau gegen dieses Element warf sich Tips, entwickelte in ihrem Zustand höchster Erregung wahre Bärenkräfte, verbog das Gitter und hebelte es aus der mangelhaften Verankerung.

In der Folgezeit musste sich die Zooleitung Vorwürfe der Tierrechtsorganisation Peta anhören. Wissenschaftsjournalist Guntram Colin Goldner kündigte gar eine Klage an. Neben der generellen Kritik an „artwidriger Haltung“ exotischer Tiere in Zoos warfen die Tierrechtler dem Osnabrücker Zoo vor, es nicht erst mit einer Betäubung versucht zu haben. Zoodirektor und Tierarzt Michael Böer wies die Vorwürfe zurück. Selbst wenn ein schneller wirkendes Narkosemittel zur Hand gewesen wäre, hätte er nicht anders entschieden. Die Bedrohungssituation sei so konkret gewesen, dass Tips auch in den verbleibenden ein oder zwei Minuten großes Unheil hätte anrichten können.

Seit Ende November ist bekannt, was mit dem Körper der Hybridbärin Tips passieren soll: Das Tier mit dem großen Seltenheitswert wird dem staatlichen Naturkundemuseum in Stuttgart zur Verfügung gestellt.