Beiratsvorsitzender warnt Osnabrück schrammt am Klimaziel vorbei

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Global denken, lokal handeln: Beim Klimaschutz gerät die Stadt Osnabrück aus der Spur. Die selbst gesteckten Ziele sind kaum noch zu erreichen.. Foto: dpaGlobal denken, lokal handeln: Beim Klimaschutz gerät die Stadt Osnabrück aus der Spur. Die selbst gesteckten Ziele sind kaum noch zu erreichen.. Foto: dpa

Osnabrück. Wenn Osnabrück nicht nachlegt, lässt sich das Klimaschutzziel für 2050 erst nach 2070 erreichen. Markus Große Ophoff, der Vorsitzende des Klimabeirats, fordert mehr Entschlossenheit von den lokalen Entscheidungsträgern. „Man kann sich auch mal ein großes Ziel setzen“, sagt der Professor.

Die Erderwärmung macht sich schon jetzt bemerkbar: „2100 werden die Gletscher in den Alpen weitgehend weg sein, auch wenn das Zwei-Grad-Ziel eingehalten wird“, bedauert Große Ophoff. 90 Prozent der Korallen würden absterben, Afrika stehe eine extreme Dürre bevor und durch das Abschmelzen des Polareises drohe der Meeresspiegel um zweieinhalb Meter zu steigen. Das alles habe auch mit Osnabrück zu tun, und mit den Menschen, die hier leben, vermerkt der Vorsitzende des Klimabeirats.

20 Jahre zu spät

Die Stadt hat sich verpflichtet, bis 2050 eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 95 Prozent gegenüber 1990 zu erreichen. Markus Große Ophoff, der hauptberuflich das Zentrum für Umweltkommunikation der Deutsche Bundesstiftung Umwelt leitet, wacht gemeinsam mit anderen ehrenamtlichen Fachleuten über diesen Prozess. Der 55-jährige Chemiker konstatiert, dass die Stadt Osnabrück am selbst gesteckten Ziel vorbeischrammen wird, wenn sie die Anstrengungen nicht verstärkt.

In seinen Vorträgen legt er eine Grafik auf, die zwei auseinanderstrebende Geraden darstellt. Die grüne Linie steht für den konsequenten Weg nach Plan, die rote zeigt, wo es tatsächlich lang geht. Weitermachen wie bisher bedeutet demnach, dass Osnabrück im Jahr 2050 lediglich auf 68 Prozent CO2-Ersparnis komme. Die angestrebte Marke von 95 Prozent würde erst 20 oder 30 Jahre später erreicht.

Hebel ansetzen bei Altbauten

Beim Blick auf die Emissionsdaten in Osnabrück fällt auf, dass die Raumwärme mit 30 Prozent den größten Anteil stellt, gefolgt vom Verkehrssektor (28 Prozent) und dem Strom für die Unternehmen (24 Prozent). Der Strom für die Privathaushalte beträgt dagegen nur sieben Prozent. Große Ophoff hält es deshalb für notwendig, bei der Gebäudesanierung den Hebel anzusetzen, vor allem bei den Altbauten: „Wer Dach und Außenwände dämmt, Fenster austauscht und die Heizungsanlage erneuert, kann ca. 80 Prozent Energie sparen“, rechnet der Klimaspezialist vor.

Die Stadt sei deshalb gut beraten, die energetische Quartierssanierung voranzubringen. Um das Ziel zu erreichen, müssten jedes Jahr drei Prozent aller Wohnungen auf den neuesten Stand gebracht werden (derzeit ein Prozent). Bei der Sanierung müsse die Stadt mit gutem Beispiel vorangehen, bei Neubauten auch – am besten mit klimaneutralen Gebäuden.

Osnabrücker zu zaghaft?

Für unerlässlich hält der Vorsitzende des Klimabeirats eine Verkehrswende mit dem Ziel, die Emissionen bis 2050 um 37 Prozent zu senken. Eine Schlüsselrolle komme dabei dem öffentlichen Nahverkehr zu, der sich mit Busbeschleunigung, Elektrifizierung, Park+Ride und einer besseren Koppelung von Stadt- und Umlandverkehr mehr Marktanteile sichern soll.

Auch eine gezielte Förderung des Radverkehrs ist nach Ansicht von Große Ophoff notwendig, um beim Klimaschutz voranzukommen. In diesem Zusammenhang erinnert der Professor an die Stadt Kopenhagen, die sich zum Ziel gesetzt habe, dass 50 Prozent aller Wege mit dem Rad zurückgelegt werden sollten. Angesichts solcher Ambitionen müsse man sich in Osnabrück die Frage stellen: „Sind wir nicht etwas zu zaghaft?“


„Regenerative Energie wird immer billiger“

Die Stadt Osnabrück hinkt beim Klimaschutz hinterher. Markus Große Ophoff, der Vorsitzende des Klimabeirats, sieht aber auch positive Signale.

Die Stadt Osnabrück ist weit davon entfernt, ihr selbst gestecktes Klimaziel zu erreichen. Wo hakt es denn?

Einerseits sind wir von den deutschlandweiten Rahmenbedingungen abhängig. Da bekommt man mit, dass es bei der Umsetzung der Energiewende aktuell hakelt. Zweitens haben wir natürlich stadtintern eine Menge zu tun. Dabei gibt es zwei Hauptpunkte: Was macht die Stadt mit ihren eigenen Gebäuden, Prozessen und ihrer eigenen Infrastruktur? Daneben besteht die große Schwierigkeit darin, dass in der Stadt viele unabhängige Akteure aktiv sind, deren Handeln in die Klimabilanz eingeht – etwa die privaten Hausbesitzer, Verkehrsteilnehmer, die Industrie, aber auch Institutionen wie Hochschulen oder Kirchen.

Manche Menschen wollen die Welt mit sparsamen LED-Leuchten retten, fliegen aber regelmäßig in den Urlaub. Was sagen Sie denen?

Ich bin schon mal froh, wenn Leute über kleine Maßnahmen nachdenken und den Klimaschutz vorantreiben. Und die LED-Beleuchtung ist eine Maßnahme, mit der man leicht 80 Prozent Energie einsparen kann. Man müsste dann aber auch weiter gehen und im Gebäude die Warmwasserbereitung und die Heizung in den Fokus nehmen.

Bei der Urlaubsreise ist es sicherlich sinnvoll, darüber nachzudenken, wie und wohin man fährt. Aber wir brauchen auch eine Lösung für einen nachhaltigen Luftverkehr, also regenerative Treibstoffe für Flugzeuge. Diese Lösung wird aber eher in Deutschland oder Europa zu finden sein. Bis das so weit ist, kann man auch über bestimmte Anbieter die Kohlendioxidemissionen eines Fluges kompensieren, zum Beispiel mit Aufforstungs- oder Effizienzmaßnahmen.

Kriegen Sie eigentlich die kalte Wut, wenn sich immer mehr Autofahrer einen spritschluckenden SUV anschaffen?

Ich fände es schon sinnvoll, wenn man beim Kauf darüber nachdenkt, wofür man das Auto braucht. Gerade in den Innenstädten sind kleine Autos aus mehreren Gründen besser. Das gilt für den Klimaschutz und für die Schadstoffemissionen, aber auch für den Raum, den sie in Anspruch nehmen, auf der Straße und in den Parklücken. Im Stadtverkehr kann man natürlich auch sehr gut das Rad benutzen. Bei Fahrten unter fünf Kilometern ist das in der Regel genauso schnell, wenn nicht noch schneller als das Auto: Eine umweltfreundliche Alternative, bei der man auch noch etwas für seine Gesundheit tut.

Global denken, lokal handeln: Lässt sich das Zwei-Grad-Ziel mit kleinen Schritten auf freiwilliger Basis überhaupt erreichen?

Wir brauchen natürlich schon einen vorgegebenen Handlungsrahmen auf nationalstaatlicher und internationaler Ebene. Aber wir brauchen auch das Handeln von jedem Einzelnen. Wir müssen uns um unsere Wohnung und den Verkehr kümmern. Da fahren wir sehr viel besser, wenn man das selber macht, als wenn uns der Staat reinregiert und uns sagt, wie wir uns zu verhalten haben. Ich hoffe da sehr auf die Einsicht und die Überzeugung der Bürger, weil das der bessere und einfachere Weg wäre.

Wo stecken in Osnabrück die größten Potenziale, um den CO2-Ausstoß herunterzubekommen?

Die größten Potenziale sind der Wohnbereich und der Verkehr, zu einem kleinen Teil ist das auch die Industrie. Ein ganz wichtiger Hebel ist die Bereitstellung von regenerativen Energien. Aus meiner Sicht ist zudem die Kommunikation zum Klimaschutz ein ganz wichtiges Thema, weil die Bürger nur richtig handeln können, wenn sie wissen, wie und warum das sinnvoll ist.

Wenn wir es mal positiv betrachten: Wo gibt es Erfolgserlebnisse beim Klimaschutz, die Sie ermutigen?

Aus meiner Sicht gibt es eine ganze Reihe von Erfolgserlebnissen. Ein Hauptpunkt ist, dass der Klimaschutz immer billiger wird. Das merkt man insbesondere beim Preis von neu installierten erneuerbaren Energien. Bei den vier Offshore-Windparks, die in diesem Jahr einen Zuschlag bekommen haben, ist das eklatant. Die drei größten kommen ohne einen staatlichen Zuschuss aus, beim vierten beträgt die Förderung nur sechs Cent pro Kilowattstunde. Da sieht man, dass regenerative Energien immer billiger werden.

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