Museum für Judenretter Hans-Calmeyer-Haus in Osnabrück soll Publikumsmagnet werden


Osnabrück. Kein langweiliger Schauraum zur stumpfen Heldenverehrung, sondern ein lebendiger Ort für geschichtliche Aufklärung und politische Bildung, der Zigtausend Besucher im Jahr anlockt: So stellt sich die federführende Hans-Calmeyer-Initiative das geplante Museum für den Osnabrücker Judenretter und Holocaust-Saboteur vor.

Weil er als hoher NS-Verwaltungsbeamter mindestens 3500 Juden das Leben rettete, zählt die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Hans Calmeyer (1903-1972) zu den „Gerechten unter den Völkern“. Der Rechtsanwalt aus Osnabrück hatte 1940 als Wehrmachtssoldat an der Besetzung der Niederlande teilgenommen und war später in Den Haag für das „Judenreferat“ zuständig. Dort ließ er sich unter größter Gefahr von den Verfolgten absichtlich betrügen, bescheinigte ihnen auf Basis gefälschter Dokumente recht verlässlich eine unverdächtige Abstammung als „Halbjuden“ oder „Vierteljuden“ und bewahrte sie so vor der Deportation in Vernichtungslager. (Weiterlesen: Hans Calmeyer, Retter aus dem Apparat des Todes)

Einstimmiger Ratsbeschluss

Über 70 Jahre später hat nun der Osnabrücker Rat Anfang Dezember einstimmig entschieden, dass die Stadt ihrem bedeutenden, aber im Vergleich zu anderen lokalen Antikriegsgrößen lange vernachlässigten Sohn Hans Calmeyer (1903–72) endlich ein museales Denkmal setzen möge. Entstehen soll das Hans-Calmeyer-Haus ausgerechnet in der Villa Schlikker. Sie diente einst als Parteizentrale der NSDAP und gehört heute zum Kulturgeschichtlichen Museum der Stadt. (Weiterlesen: Niederländer bauen Vorbehalte gegen Hans Calmeyer ab)

Expertise vor Ort

Gelegen neben dem Felix-Nussbaum-Haus, ein von Architekt Daniel Libeskind geschaffenes Museum für den 1944 von Nazis in Auschwitz ermordeten Osnabrücker Maler, soll das Hans-Calmeyer-Haus integraler Bestandteil eines ganz neu konzipierten, am Leitmotiv „Frieden“ ausgerichteten Museumsquartiers werden – und Besucher in Scharen anziehen. „Wir haben schon konkrete Vorstellungen, wie aus der bislang unbeachteten Villa Schlikker mit dem Thema ,Judenretter Calmeyer‘ ein überregional attraktives Museum entstehen kann“, sagt Joachim Castan von der Osnabrücker Hans-Calmeyer-Initiative (HCI). Gerade an ihm dürfte bei der künftigen Gestaltung der Einrichtung, für die sein Verein vier Jahre lang hartnäckig kämpfte, kein Weg vorbeiführen: Als Historiker und Filmemacher hat Castan selbst bereits drei verschiedene Ausstellungen über Hans Calmeyer gemacht. Sie wurden in ganz Deutschland gezeigt, unter anderem in Köln, Berlin und am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, außerdem in den Niederlanden. Insgesamt kamen 420.000 Besucher. (Weiterlesen: Calmeyer-Ausstellung im Remarque-Zentrum Osnabrück)

„Multimediale Inszenierung“

Folglich soll auch das Osnabrücker Hans-Calmeyer-Haus „ ein Publikumsmagnet“ werden, sagt Castan und denkt dabei an jährliche Besucherzahlen im fünfstelligen Bereich – Zielgruppe Ü14. Damit das so kommt und sich vor allem junge Leute angesprochen fühlen, müsse in der Villa Schlikker jedoch etwas Spannenderes geboten werden als textlastige Tafeln zu Leben und Werk des größten deutschen Judenretters. Eine „multimediale Inszenierung“ sei stattdessen angezeigt. Etwas, das Calmeyer „auf unterschiedlichen Ebenen erlebbar und erfahrbar“ macht, seinen Mut ebenso klar zum Ausdruck bringt wie seine Verzweiflung darüber, möglichst vielen helfen zu wollen, aber leider auch nicht allen helfen zu können ohne aufzufliegen. Kurzum eine Ausstellung, die mit modernsten Methoden und einer positiven Identifikationsfigur wie Hans Calmeyer im Mittelpunkt zum Lernen und Nachdenken anzuregen vermag: über die unfassbaren Schrecken des Holocausts, aber viel mehr noch über die Macht von Widerstand und Menschlichkeit – auch und gerade in heutiger Zeit. „Wir wollen keine Heldengedenkstätte, sondern einen lebendigen Ort für historische Aufklärung und politische Bildung“, erklärt Castan und betont: „Ich weiß, wie man so etwas erfolgreich aufzieht.“

Riesiger Fundus

Inhaltlich könne jedenfalls aus dem Vollen geschöpft werden. Es gebe Calmeyers umfangreichen persönlichen Nachlass, den der 2013 verstorbene Lehrer Peter Niebaum als Entdecker der Judenretter-Story vor 25 Jahren nach Osnabrück holte, wo das Material als Depositum im Staatsarchiv lagert. Ein anderer „großer Schatz“ sei jener Aktenberg im Zentralbüro für Genealogie in Den Haag, der fast alle 5000 Fälle erfasst, in denen Hans Calmeyer über Leben und Tod niederländischer Juden zu entscheiden hatte. Außerdem verfüge die HCI über rund 20 Videos von ausführlichen Zeitzeugen-Interviews. (Weiterlesen: Anne-Frank-Freundin wirbt für Calmeyer-Haus in Osnabrück)

Millionen aus Drittmitteln

Bis ein – wie auch immer gestaltetes – Hans-Calmeyer-Haus in Osnabrück an den Start geht, wird allerdings noch einige Zeit vergehen. 2018 werde vollständig für „Sondierungen und Finanzierungsgespräche“ benötigt, schätzt Castan. Schließlich müssten für das neue Museum Drittmittel „in Millionenhöhe“ eingeworben werden. Gleichzeitig werde der Umbau der heruntergekommenen Villa Schlikker geplant. Mit einer Eröffnung sei deshalb kaum vor 2020/21 zu rechnen.


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