Der Drache Magersucht Selbsthilfe für Eltern essgestörter Kinder in Osnabrück

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Magersüchtige Mädchen bekämpfen am Beginn der Pubertät auftretende Selbstzweifel wie „Bin ich gut genug? Bin ich schön genug?“ mit Fasten. Foto: Jens Kalaene/dpaMagersüchtige Mädchen bekämpfen am Beginn der Pubertät auftretende Selbstzweifel wie „Bin ich gut genug? Bin ich schön genug?“ mit Fasten. Foto: Jens Kalaene/dpa

Osnabrück. Über Essstörungen wie Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brechsucht) oder Binge Eating (Essattacken) herrscht noch verbreitet Unkenntnis und viele Menschwürden die Beschäftigung mit dem Thema auch lieber vermeiden.

Das zumindest sind die Erfahrungen des Gründers der Osnabrücker Selbsthilfegruppe (SHG) für Eltern essgestörter Kinder; seiner Auffassung nach sind Essstörungen ein Tabuthema. Als vor sieben Jahren seine Tochter erkrankte, fand die Familie wenig Unterstützung. Irgendwann fuhr der besorgte Vater nach Bremen, wo die nächstgelegene Selbsthilfegruppe existierte. Nach wenigen Treffen fasste er 2014 den Entschluss, eine solche Gruppe auch in Osnabrück zu gründen. Dass Bedarf bestand, zeigte sich sehr schnell: Gegenwärtig haben 22 Familien Kontakt, aber nicht alle besuchen regelmäßig die Gruppentreffen, die an jedem dritten Mittwoch im Monat im Haus der Gesundheit an der Osnabrücker Hakenstraße stattfinden.

Krankheitsformen und ihre Erfahrungen mit Behandlungsmethoden

Hier tauschen sich die Mütter und Väter nicht nur über die verschiedenen Krankheitsformen und ihre Erfahrungen mit Behandlungsmethoden aus, hier reden sie offen über ihre Ängste und Sorgen. „Was hier im Raum besprochen wird, bleibt unter uns“, weist der Gruppenleiter auf die absolute Verschwiegenheit der Mitglieder hin. „Oft fließen auch Tränen“, aber der Austausch mit Menschen in ähnlicher Situation entlaste sehr und gebe neue Kraft. „Wir Angehörigen müssen auch für uns selbst sorgen, einen gesunden Egoismus entwickeln, damit nicht die Krankheit das gesamte Familienleben dominiert.“ Manchmal sei die Belastung so hoch, dass familiäre Beziehungen kaputt gehen, Eheleute sich trennen, geschwisterliche Bande gekappt werden. Deshalb rate er den Angehörigen: „Sorgen Sie auch für sich selbst, damit Sie für Ihr Kind sorgen können.“

Ursachen nicht eindeutig geklärt

Die Krankheitsursachen seien nicht eindeutig geklärt, aber es handele sich in erster Linie um Gefühlsprobleme - unerfüllte Wünsche, unausgesprochene Konflikte. Neuere Therapieansätze beziehen die gesamte Familie mit ein. Die Erkrankte – in der überwiegenden Zahl der Fälle sind es Mädchen und junge Frauen – leide häufig unter vermindertem Selbstwertgefühl. „Essgestörte Kinder sind im Allgemeinen sehr intelligent und sensibel, dennoch wollen sie immer noch besser sein. Eine „Zwei“ in der Schule oder ein zweiter Platz bei einem Wettbewerb ist für sie schon eine Niederlage“, berichtet der Leiter der Selbsthilfegruppe.

Selbstzweifel

Magersüchtige Mädchen bekämpfen am Beginn der Pubertät auftretende Selbstzweifel wie „Bin ich gut genug? Bin ich schön genug?“ mit Fasten. Wenn sie mit der Gewichtsabnahme positive Reaktionen erzielen, verstärken sie diese Strategie, leugnen ihren (seelischen) Hunger und geraten durch eine zunehmend verzerrte Selbstwahrnehmung und Abmagerung in große Gefahr. „Dann übt der Drache Magersucht oder Bulimie seine Macht aus“, so der Vater, Zwangsverhalten und Depressionen bis hin zum Suizid seien nicht selten. Dabei versuchten die Betroffenen, ihre Krankheit möglichst zu verheimlichen.

Mit Psychotherapie und Medikamenten gegengesteuern

Wenn ein Arzt Anorexie diagnostiziert habe, werde mit Psychotherapie und Medikamenten gegengesteuert. Eine medikamentöse Behandlung sei aber nur bei einem bestimmten Mindestkörpergewicht möglich. Deshalb werden die Mädchen häufig in längere klinische Behandlung überwiesen, von sechs Wochen bis hin zu mehreren Monaten. In dieser Zeit wird versucht herauszufinden, was die Mädchen brauchen, um die Krankheit nicht mehr zu brauchen. Dann können sie sich leichter auf gesunde und ausreichende Nahrungsmengen einlassen.

Diesen Lernprozess versuchen in der Selbsthilfegruppe auch die Angehörigen zu bewältigen. Der Gruppenleiter etwa gewann die Erkenntnis, dass er lernen musste, besser zuzuhören, mehr Geduld zu haben und nicht immer vorschnell zu sagen, was er denke. Neben emotionaler Unterstützung ist für die Gruppe beständige Fortbildung in der Sache ein wichtiges Thema. So stand in Zusammenarbeit mit dem Haus der Gesundheit unlängst ein Vortrag zum Thema Resilienz, also seelische Widerstandsfähigkeit, auf dem Programm.


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