Bringen schwarze Schafe Osnabrücker Anbieter in Verruf? Warum Opfer von Schlüsseldienst-Abzockern kaum eine Chance haben

Von wegen neun Euro! Dubiose Schlüsseldienst veranschlagen für ihre Dienste drei- bis vierstellige Beträge. Die Opfer bekommen ihr Geld nur selten zurück. Foto: Colourbox.comVon wegen neun Euro! Dubiose Schlüsseldienst veranschlagen für ihre Dienste drei- bis vierstellige Beträge. Die Opfer bekommen ihr Geld nur selten zurück. Foto: Colourbox.com

Osnabrück. Online werben dubiose Schlüsseldienste mit unschlagbaren Preisen. Am Ende sind die Rechnungssummen haarsträubend. Auch in Osnabrück gibt es Geschädigte. Sie haben kaum Chancen, ihr Geld zurückzubekommen. Gerät die Schlüsseldienst-Branche durch schwarze Schafe in Verruf?

„Ab neun Euro für Schlösser“, „keine versteckten Kosten“, „Türöffnung ohne Schäden“, „professionell und zuverlässig“: Die Werbeversprechen des Onlineportals „schlossexperte.de“ klingen fast zu schön, um wahr zu sein. Und das sind sie auch nicht. Wer sich über die angegebene 0800-Nummer einen Schlüsseldienst vermitteln lässt, zahlt meist hohe dreistellige, manchmal sogar vierstellige Rechnungsbeträge für eine schlampige Ausführung.

Mit bezahlten Anzeigen gut platziert

Verbraucherzentralen und die Polizei warnen vor dem unseriösen Portal. Dahinter steckt eine Vermittlungsfirma, die die dubiosen Handwerker beauftragt und durch ganz Deutschland schickt. Viele Kunden wissen allerdings gar nicht, dass sie keinen ortsansässigen Betrieb anrufen, sondern ein Unternehmen, das sich mit bezahlten Google-Anzeigen einen der oberen Plätze bei den Suchergebnissen sichert. Wer beispielsweise die Wortkombination „Schlüsseldienst Osnabrück“ eingibt, bekommt das Portal vorgeschlagen – obwohl die Firma in Herford sitzt und oftmals Handwerker aus dem Ruhrgebiet engagiert. Eine Anfrage unserer Redaktion zu den Geschäftspraktiken des Unternehmens blieb unbeantwortet.

Die Rechnung als Schock

Allein die Anfahrtkosten, die die Kunden bezahlen sollen, haben sich gewaschen. Außerdem veranschlagen die Schlüsseldienste das Vielfache von ortsüblichen Pauschalen. Am Telefon lassen sie sich nicht auf Preisaussagen ein oder verschweigen einen Großteil der Kosten. Ihre Kunden schockieren sie dann mit Rechnungen zwischen 500 und 700 Euro. Zum Vergleich: In Niedersachsen kostet eine einfache Türöffnung bei seriösen Handwerkern im Schnitt 70 Euro, wie die Landesverbraucherzentrale erst kürzlich erhob. Rund 50 Prozent schlagen diese Unternehmen als Nachzuschlag auf.

Sich ausgeschlossen zu haben, ist für viele Menschen ohnehin schon eine stressige Situation. „Wenn sie merken, dass sie nun auch noch über den Tisch gezogen werden, ist es meist schon zu spät“, sagt Petra Borgmann von der Verbraucherzentrale Osnabrück. Denn die Handwerker lassen sich ihren „Arbeitsauftrag“ per Unterschrift bestätigen. Tatsächlich unterzeichnen die Kunden in dem Moment eine Blanko-Rechnung, auf der nachher Punkt für Punkt die überteuerten Dienstleistungen aufgeführt werden. „Die Ausgesperrten fühlen sich von den Handwerkern unter Druck gesetzt und trauen sich nicht, die Polizei zu rufen“, schildert die Verbraucherschützerin ihre Erfahrungen aus Beratungsgesprächen mit den Opfern der dubiosen Schlüsseldienstmasche.

Klagen mit wenig Aussicht auf Erfolg

Kunden, die sich weigern, die horrenden Rechnungen zu zahlen, haben noch die größten Chancen, ihr Geld zu behalten. Möglich sei ein Anfechten wegen Täuschung, erklärt Verbraucherschützerin Borgmann. Denkbar sei es auch, vom Widerrufsrecht Gebrauch zu machen. Allerdings sei es rechtlich strittig, ob das „Widerrufsrecht auf sogenannte Außergeschäftsraumverträge“ bei Schlüsseldiensten anwendbar sei.

Ist das Geld einmal bezahlt, sei die Wahrscheinlichkeit wenigstens einen Teil wiederzubekommen, wesentlich geringer, so Borgmann. Auf außergerichtliche Einigungen lassen sich die dubiosen Firmen in der Regel nicht ein. Den zivilrechtlichen Klageweg können sich meist nur Menschen mit einer Rechtsschutzversicherung leisten – und auch der ist nur selten von Erfolg gekrönt.

Ermittlungen verlaufen im Sande

Wie lässt sich den Abzockern das Handwerk legen? Vor allem durch Aufklärung, glaubt man bei den Verbraucherzentralen und auch bei der Polizei. Denn mit den Mitteln des Rechtsstaats lässt sich den unseriösen Anbietern kaum beikommen. Ermittlungen verlaufen oftmals im Sande, weil die Firmen zwar „hart am Rande der Legalität operieren“, wie die Osnabrücker Ermittlerin Karolina Staszewska es ausdrückt. „Es ist aber schwer zu beweisen, dass die Männer am Telefon etwas anderes versprechen, als sie vor Ort einlösen.“

Strafverfahren gegen Schlüsseldienste wegen Betrugs oder Wucher werden häufig eingestellt, bestätig die Osnabrücker Staatsanwaltschaft unserer Redaktion – aus unterschiedlichen Gründen. Teilweise seien die Täter der Briefkastenfirmen im Nachhinein nicht mehr eindeutig zu identifizieren. Oder die Preisabsprachen zwischen Handwerkern und Kunden lassen sich nicht mehr nachvollziehen. Der Tatbestand der Wucher setze zudem voraus, dass eine Zwangslage ausgenutzt wurde. Ein einfaches Aussperren am helllichten Tage wertet die Rechtssprechung aber nicht als Zwangslage. Auch muss „ein gravierendes Missverhältnis zwischen der erbrachten Leistung und dem üblichen Marktpreis bestehen“, wie Staatsanwalt Christian Bagung erklärt. Dies könne oft nur gutachterlich geklärt werden und sei nicht immer der Fall.

Ruf der Branche leidet

Das Geschäftsgebaren der Abzockerdienste ist für die Kunden ein kostspieliges Ärgernis. Auch den ortsansässigen Schlüsseldiensten ist es ein Dorn im Auge. „Der Ruf unserer Branche leidet unter diesen schwarzen Schafen“, sagt Christian Holtorf, zweiter Geschäftsführer des Osnabrücker Sicherheitsfachgeschäfts Schürmann & Holtorf. Es sei schon oft vorgekommen, dass er einem der unseriösen Betriebe hinterherarbeiten musste, „weil die Mist eingebaut hatten“. Haben seine Mitarbeiter einmal selbst keine Zeit, einen Auftrag anzunehmen, empfehle er inzwischen Osnabrücker Kollegen – damit die Ausgesperrten erst gar nicht Gefahr laufen, auf einen Abzocker hereinzufallen.

Ähnlich hält es Jens Wittbrodt vom Osnabrücker Schlüsseldienst Jewi Sicherheitstechnik. Auch er hat es schon erlebt, dass er die Arbeiten eines unseriösen Handwerks ausbessern musste. „Die Ausgesperrten hatten uns zuerst angerufen. Dann waren ihnen 65 Euro für die Türöffnung aber zu teuer und sie fielen auf die Neun-Euro-Lüge der Abzocker herein“, schildert Wittbrodt.

Pfusch statt Handwerk

Diese Infokarte mit Tipps zum Schutz vor Abzocke können Bürger bei der Verbraucherzentrale Osnabrück bekommen, ausfüllen und als Gedächtnisstütze beispielsweise unter der Fußmatte platzieren. Foto: Verbraucherzentrale Niedersachsen

Auch Barbara Oevermann kennt die Situation, sich für die horrenden Rechnungen von unseriösen Kollegen rechtfertigen zu müssen. Was die 61-Jährige aber zusätzlich ärgert: Ihr Schlüsseldienst versuche immer, die Türen so schonend wie möglich zu öffnen. Die Abzocker hätten das Handwerk aber nie gelernt und gingen dementsprechend rabiat vor. „Im Prinzip kann jeder einen Schlüsseldienst aufmachen, solange das polizeiliche Führungszeugnis stimmt“, beklagt sie.


Sittenwidriges Rechtsgeschäft; Wucher (§ 138 BGB)r:

(1) Ein Rechtsgeschäft, das gegen die guten Sitten verstößt, ist nichtig.

(2) Nichtig ist insbesondere ein Rechtsgeschäft, durch das jemand unter Ausbeutung der Zwangslage, der Unerfahrenheit, des Mangels an Urteilsvermögen oder der erheblichen Willensschwäche eines anderen sich oder einem Dritten für eine Leistung Vermögensvorteile versprechen oder gewähren lässt, die in einem auffälligen Missverhältnis zu der Leistung stehen.

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