Ein Besuch im Café Connection Wo Osnabrücks Drogenabhängige mit Respekt behandelt werden

Von Sandra Dorn


Osnabrück. Drogenabhängige aus der Sucht retten: Würden die Mitarbeiter des Café Connection in Osnabrück einzig mit diesem Ziel an ihre Arbeit gehen, würden sie sehr schnell sehr unglücklich werden, sagt Sozialarbeiter Oliver Moch. Ihr Job ist es vielmehr, einfach für sie da zu sein. Ein Besuch.

Ein konstanter Gesprächspegel und leiser Hip Hop schallen dem Besucher entgegen, der das Café in der Hermannstraße 1 betritt. Rechts ein Kicker, links ein großer Tisch, an dem an diesem Morgen mehrere Männer und eine ältere Frau sitzen. Sie frühstücken, einige unterhalten sich, andere lesen Zeitung. Ein Stück Normalität in einem Leben, das aus dem Ruder gelaufen ist.

„Ich habe damit nichts mehr zu tun“, sagt die ältere Frau, deren Gesicht von vielen tiefen Falten zerfurcht ist. Stolz und Trotz schwingen mit in ihrer Stimme. 62 Jahre ist sie alt, und 25 Jahre lang habe sie Drogen genommen, erzählt die Frau, die sich als „Annemie“ vorstellt. Welche? „So ziemlich alles.“ Zu den Drogen griff sie, als die Trennung von ihrem Mann ihr Leben plötzlich auf den Kopf stellte. „Seit 24 Jahren kenne ich das Café“, sagt Annemie. Also von Anfang an. „Die Mitarbeiter sind alle sehr nett.“ Annemie zählt sie auf: „Norman, Olli, Katharina.“ Norman Zipplies, der sich gerade mit einem anderen Gast an den Tisch gesetzt hat, arbeitet als Suchtberater ein Stockwerk über dem Café, Katharina Kuhlage leitet es, Oliver Moch ist seit Juli stellvertretender Leiter.

1993 gegründet

1993 wurde das Café Connection von der Diakonie als niedrigschwellige Anlaufstelle für drogengefährdete und -abhängige Menschen eingerichtet. An der Theke können die Gäste nicht nur einen Kaffee für 50 und ein kleines Frühstück für 65 Cent bekommen, sondern auch kostenlos Spritzen tauschen. Sie können im Café ihre Wäsche waschen, duschen, sich mit gebrauchter Kleidung versorgen und an einem Computer ins Internet gehen. Annemie etwa ruft hier regelmäßig ihre E-Mails ab. Handys müssen aus bleiben – damit Telefonate mit Dealern unterbleiben.

Geschützter Raum

Von außen sind die Scheiben verspiegelt. Es ist ein geschützter Raum für die Drogenabhängigen, die auf der Straße oft schief angeblickt werden. „Unsere Klienten sollen sich hier wohlfühlen können und mit Respekt behandelt werden“, sagt Moch. Im Herbst bekamen die Wände einen frischen Anstrich, auch die Einrichtung wurde teils erneuert. Seitdem ist das Café erstmals rauchfrei. Rauchen können die Gäste im kleinen Hinterhof.

Seit vier Jahren arbeitet Oliver Moch hier. Studiert hat er Psychologie. Er und seine Kollegen leisten im Café vor allem Hilfe zur Selbsthilfe. „Oft ist es so, dass die Leute sich bei einem Kaffee von sich aus öffnen.“ Den Weg ins Café müssen sie aus eigenem Antrieb schaffen. „Jeder Tag ist anders“, sagt Moch. Häufig müssen die Sozialarbeiter spontan bei Angelegenheiten mit Behörden helfen. Mal ist die Wohnung in Gefahr, mal die Substitutionstherapie. „Das Schöne an diesem Job ist, dass man ganz oft mit kleinen Dingen hilft.“ Eine Stunde lang zuhören zum Beispiel. Nur drei bis vier Prozent ihrer Gäste lebten auf der Straße, sagt Moch. Die meisten kämen mal hier, mal da unter. Auch Wohnen gegen Prostitution gibt es in Osnabrück – bei Frauen wie bei Männern.

55 Gäste pro Tag

Im Schnitt 55 Gäste kommen täglich ins Café. Rund 80 Prozent von ihnen sind Substituierte – Heroinabhängige, die eine Ersatzmitteltherapie machen. Die meisten von ihnen nehmen daneben andere Substanzen ein. Das Café hat keinen Clean-Anspruch. Heißt: Hier ist auch willkommen, wer draußen Drogen eingenommen hat. Anders als beispielsweise in Münster gibt es in Osnabrück keinen Drogenkonsumraum. Oliver Moch hat dazu eine klare Meinung: „Die Leute, die heroinabhängig sind, werden konsumieren. Gibt es einen Drogenkonsumraum, können sie sicher konsumieren und ohne, dass es jemand sieht.“ Pläne, einen Konsumraum einzuführen, gibt es in der Stadt trotzdem nicht.

Drei Gäste stehen vor einer Fotocollage, zeigen auf einzelne Bilder, unterhalten sich leise. Es sind Bilder von verstorbenen Klienten. Zwölf kamen von Juli 2016 bis Juli 2017 in und um Osnabrück ums Leben. Der Blick auf die Fotowand sei immer konfrontierend für die Klienten, sagt Oliver Moch. „Das kann eine positive Wirkung haben, es kann aber auch runterziehen.“ Wichtig für die Gäste ist die Gewissheit, dass die Mitarbeiter für sie da sind. Auch an Heiligabend wird das Café Connection geöffnet haben.