Bohnen statt Steckrüben Sind Ramanken ein Osnabrücker Allerlei mit Birnen?



Osnabrück. Der „Ramankenstreit“ geht weiter: Viele Osnabrücker sind sicher, dass in den Eintopf keine Steckrüben gehören. Sie haben der Redaktion Rezepte geschrieben und ihre Geschichten dazu erzählt.

In einen Ramankeneintopf gehören allerlei Gemüsesorten. Eine allerdings auf keinen Fall: die Steckrübe. Da sind sich zumindest viele Osnabrücker sicher, die sich in den vergangenen Tagen in unserer Redaktion gemeldet haben.

Angefangen hat der wiederaufkochende „Ramankenstreit“ mit einem Interview zu Kalla Wefels Osnabrücker Wörterbuch „Kär, Kär, Kär XXL“, unter dem auf ein Ramankeneintopf-Rezept im Buch verwiesen und mit „Steckrübeneintopf“ übersetzt wurde. Das rief Widerspruch hervor und war Anlass zu dem Artikel „Was ist denn nun eine Ramanke“. Darin wurde auf verschiedene Meinungen zu dem Begriff verwiesen, etwa auch auf die Definition, es handele sich um eine typische Osnabrücker „Delikatesse aus der profanen Steckrübe“ bei Wikipedia.

Bohnen und Birnen, keine Steckrübe

Das sehen viele Osnabrücker anders. Dutzende von Anrufen, Briefen und E-Mails haben die Redaktion seitdem erreicht. Die meisten der Anrufer und Schreiber sind über 70 und kennen Ramanken noch aus ihrer Kindheit, oft sogar als Rezept, das schon ihre Großmütter und Urgroßmütter gekocht hatten. Eines gehört auf jeden Fall in diesen Eintopf: Bohnen. Oft sind es Schnippel- oder Brechbohnen, hin und wieder auch weiße Bohnen. Manche geben als Hauptzutat Birnen an.

Die erste Anruferin war Maria Böhle aus Nahne. Für die 91-Jährige sind Ramanken ganz klar ein Bohneneintopf. Sie kennt ihn zubereitet aus Stangenbohnen, die geerntet wurden, wenn sich im Herbst ihr Laub von grün nach braun verfärbte.

Die Ramanken sind also ein Herbstgericht, wie auch die 95-jährige Gisela Heuschild betont. Steckrüben dagegen, sagt sie, „hat man doch im Winter gegessen“. Der 88-jährige Walter Niemeyer schildert in einer E-Mail, wie die Stangenbohnen im Herbst geerntet und verarbeitet wurden: „Die frischen, noch grünen Bohnen wurden in circa drei Zentimeter lange Stücke geschnitten. Die älteren schon gelblich verfärbten Bohnen wurden „ausgedöppt“, das heißt, dass man die älteren Bohnen die schon hart waren, in ein separates Gefäß tat. Dort wurden sie über Nacht unter Zugabe von Natron eingeweicht.“ Zusammen mit Kartoffeln, Möhren und Petersilie kamen die Bohnen in „einen großen Topf“. In wirtschaftlich besseren Zeiten „wurde mit Fleisch ausgekocht“, in den Kriegsjahren „oft nur mit Knochen“.

„Altes Osnabrücker Rezept“

Auch andere Leser kennen Ramanken auch aus kargen Nachkriegszeiten. Das Gericht hat uns „über manch schwere Stunde hinweggeholfen“, erzählt Margret Fischer. Die 81-Jährige hat das Rezept von ihrer Mutter, einer Köchin. Lore Lingemann kennt das Rezept sogar von ihrer Urgroßmutter. „Das ist ein altes Osnabrücker Rezept“, ist sich die 81-Jährige sicher. Bei ihr gehören auch zwei Birnen mit in den Eintopf. Die wurden mit Bohnen, Möhren sowie geräuchertem durchwachsenen Speck und geräucherter Mettwurst gekocht.

Auch Varianten mit Äpfeln gibt es. Hiltraud Bredemann war Mitte der 1960er auf der Frauenoberschule des Neusprachlichen Gymnasiums für Mädchen. Dort hatte sie das Fach „Hauswerk“ und schrieb sich in ihrem Kochbuch ein Ramanken-Rezept auf, das sie nun an die Redaktion geschickt hat. Bauchspeck, Bohnen und Möhren gehören in den Eintopf, auf den zum Abschluss ein bis zwei gewürfelte Äpfel gelegt und Kartoffelstücke dazu gegeben werden.

Selbst professionelle Köche haben ihren Nachfahren Ramanken-Rezepte hinterlassen, so etwa die Schwiegermutter von Marlene Mehrmann, die von 1929 bis 1934 im Hotel Germania arbeitete, wo heute die Galeria Kaufhof steht. Speck, Zwiebeln, Mohrrüben, Bohnen und Kartoffeln gehören in das Rezept. Dazu wurde ein Salzhering gereicht, so Mehrmann. Das wiederum „fand ich so schrecklich“.

Auch Wihelm Mergelmeyer kennt Ramanken mit weißen und grünen Bohnen. „An Steckrüben als Zutat kann ich mich nicht erinnern“, sagt der 70-Jährige, der als Koch im Landeskrankenhaus und später im Städtischen Klinikum arbeitete und an beiden Arbeitsstätten auch Ramanken gekocht hat.

Ramanken in Wörterbüchern

Auch Hinweise auf die Bedeutung des Begriffs Ramanken wurden der Redaktion geliefert. Uta Herkenhoff hat einem westfälischen Wörterbuch nachgeschlagen und die Bedeutung per E-Mail geschrieben. „Ein Gericht von allerley Gemüse durcheinander, das den Bauch füllt, aber wenig Nahrung giebt“, heißt es dort. Auf dasselbe Wörterbuch ist auch Winfried Breidbach bei seiner Recherche gestoßen. Er ist außerdem im „Plattdeutschen Wörterbuch aus dem Oldenburger Land“ auf Ramanken als „gemischtes Gemüse“ gestoßen, das aus Erbsen oder Bohnen, Möhren und Kartoffeln besteht.

Eines scheint damit also sicher zu sein: Ramanken sind eine Art Osnabrücker Allerlei – oder auch ein Hasberger Allerei? Die Herkunft ist bekanntermaßen umstritten. Heinz-Dieter Scherler hat allerdings schon vor einigen Jahren herausgefunden, dass das Rezept älter als die 1986 ins Leben gerufene Hasberger Mahlzeit ist. Die Erinnerungen unserer Leser belegen, dass es Ramanken schon seit Jahrzehnten gibt.


Rezept von Hiltraud Bredemann

Aus dem Kochbuch der Frauenoberschule:

Ein halbes Pfund Bauchspeck mit etwas Wasser ankochen. 2 Pfund grüne Bohnen (gebrochen) nach halber Garzeit dazugeben. Ein halbes Pfund Möhren in Scheiben mit dazugeben. Nach halber Garzeit mit Salz abschmecken. Zum Schluss 1 bis 2 Pfund Äpfel grob gewürfelt obenauf legen und ebenfalls 1 Pfund Kartoffeln in Stücken dazugeben. 1 Zwiebel in Fett andünsten und dazugeben. Zum Schluss mit Essig, Zucker und Salz abschmecken. Guten Appetit!

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