Diakonie richtet Koordinierungsstelle ein Neues Netzwerk gegen Radikalisierung in und um Osnabrück

Von Sandra Dorn

Der Fall einer Schülerin, die in Belm mit einem Nikab verschleiert im Unterricht erschien, schlug Wellen. Die neue Koordinierungsstelle will künftig eingreifen, bevor ein Problem eskaliert. Symbolfoto: dpaDer Fall einer Schülerin, die in Belm mit einem Nikab verschleiert im Unterricht erschien, schlug Wellen. Die neue Koordinierungsstelle will künftig eingreifen, bevor ein Problem eskaliert. Symbolfoto: dpa

Osnabrück. Um islamistischer Radikalisierung vorzubeugen und im Zweifelsfall schnell reagieren zu können, hat das Diakonische Werk in Stadt und Landkreis Osnabrück jetzt eine Koordinierungsstelle eingerichtet.

Vor einem Jahr ist der Konflikt um eine Belmer Oberschülerin eskaliert, die jahrelang voll verschleiert im Unterricht erschien. Der Eklat um die 16-Jährige hätte vermieden werden können, wenn es damals ein enges Netzwerk aus Polizei, Sozialarbeitern, Schulen und anderen gegeben hätte, glaubt Diakonie-Mitarbeiterin Annekatrin Teschner. „Der Fall ist so ausgeufert, dass Lehrer, Polizei, Schulpsychologen und Sozialarbeiter so überfordert waren, dass sie gar nicht mehr miteinander geredet haben“, sagt Teschner. „Jeder hatte seinen Auftrag, und jeder wollte etwas anderes.“ Es wäre gut gewesen, einen Mittler gehabt zu haben, der hinterfragt hätte, warum das Mädchen überhaupt im Nikab zum Unterricht erschienen sei, meint Teschner. „Wie kam es dazu, welche Kultur und Tradition steht dahinter?“ Weiterlesen: Landtag streitet um Nikab-Schülerin aus Belm

In der neuen Koordinierungsstelle wollen Teschner und ihr Kollege Hubert Reise genau solche Mittler sein. Beispielsweise Lehrer, die das Gefühl haben, ein Schüler oder eine Schülerin radikalisiert sich, können nun bei ihnen anrufen. In der Koordinierungsstelle laufen seit Mitte November sämtliche Fäden zusammen: Landeskriminalamt, Staatsanwaltschaft, Polizei, Stadt und Landkreis Osnabrück, Schulen, Träger der freien Wohlfahrt, Landespräventionsrat – sie alle sind hier vernetzt. Außerdem besteht ein fachlicher Austausch mit Universität und Hochschule Osnabrück sowie unter anderem mit Kirchen, islamischen Einrichtungen, Jugendzentren, Vereinen und dem Arbeitsamt, aber auch mit den örtlichen Präventionsräten und Integrationsbeauftragten.

Aus der Flüchtlingssozialarbeit

Beide Mitarbeiter der Koordinierungsstelle kommen aus der Flüchtlingssozialarbeit. Annekatrin Teschner leitete von Dezember 2014 bis Januar 2017 das Flüchtlingshaus am Natruper Holz, Reise wiederum leitet das Café Mandela, ein offenes Beratungsangebot für Geflüchtete mit Sitz am Rosenplatz. Und beide haben bei ihrer bisherigen Arbeit bemerkt, dass der Bedarf an Prävention und Information hoch ist. Woran liegt es, dass sich jemand radikalisiert? Was geht in den Jugendlichen vor? „Es ist ja nicht nur ein religiöses Problem, sondern oft sind es Lebensprobleme“, sagt Teschner. Chancenlosigkeit etwa. Ihr Ziel ist es, einem Jugendlichen zu helfen, bevor er sich radikalen Gruppen anschließt. „Findet er Halt in einem Sportverein oder einem muslimischen Kulturverein?“, sagt Teschner.

Auch Sabina Ide, Dialogbeauftragte der Polizeidirektion Osnabrück, sagt: „Wir wollen ganz früh eingreifen und weit vor einer Kriminalisierung oder Radikalisierung da sein.“ Denn oft liege noch gar kein Straftatbestand vor, der ein Eingreifen ihrer Kollegen von der Polizei erfordere. (Weiterlesen: Deswegen ist Osnabrück Islamisten-Brennpunkt)

Sensibilisieren

Mit Schulungen über Islamismus und Salafismus will die Koordinierungsstelle das Personal diverser Einrichtungen sensibilisieren. Das fange schon bei den Mitarbeitern von Kindertagesstätten an, sagt Teschner, und gehe weiter über Einrichtungen der offenen Jugendarbeit, Schulen und muslimische Verbände bis hin zu Behörden und Ämtern.

Die Mitarbeiter der Koordinierungsstelle wollen nicht nur gegen islamistische Radikalisierung und Demokratiefeindlichkeit vorgehen, sondern auch etwas gegen Islamfeindlichkeit tun. Denn: Fühle sich jemand wegen seiner Religion ausgegrenzt, radikalisiere er sich eher, gibt Hubert Reise zu bedenken.

„Ich denke, dass wir im Jahr auf 100 Fälle kommen“, schätzt Teschner. „Der Informationsbedarf ist hoch.“ Finanziert wird ihre Arbeit mit Fördermitteln des Landes-Demokratiezentrums Niedersachsen. Das Büro ist telefonisch erreichbar unter der Nummer 0541/760287-15 oder -14.