Verspäteter Start wegen Schnee Helikoptereltern und Brexit: Dieter Nuhr prangert Miseren an

Mit seiner trocken-süffisanten Art verwies Dieter Nuhr auf Missstände, aber auch auf Positives in der deutschen Gesellschaft. Foto: Michael GründelMit seiner trocken-süffisanten Art verwies Dieter Nuhr auf Missstände, aber auch auf Positives in der deutschen Gesellschaft. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Mit leichter, wetterbedingter Verzögerung startete Dieter Nuhr in der ausverkauften Osnabrückhalle sein Programm „Nuhr hier, nur heute“.

Man spürt schon, dass der Mann gerade erst angekommen ist. Ein wenig unpräzise sind seine Formulierungen, es setzt Füllsilben und kurze Pausen, so, als müsse er erst mal in sein Programm hineinfinden. Aber zunächst berichtet Dieter Nuhr ganz aktuell von seinen Erlebnissen auf der zugeschneiten Autobahn: „Die Hölle. Ich finde, der Klimawandel könnte sich ein wenig beeilen“, sagt er mit dem ihm typischen Sarkasmus.

Mit 15 Minuten Verspätung geht der Kabarettist auf die Bühne im Europasaal der ausverkauften Osnabrückhalle, weil der plötzliche Wintereinbruch sowohl ihn als auch viele Zuschauer gezwungen hat, langsamer als üblich mit dem Auto zu fahren. Doch dann steht er da in seiner mit einem iPad als Gedächtnisstütze und einer Flasche Wasser spartanisch eingerichteten Bühnenkulisse und behauptet, jeder interessiere sich jetzt für den Parteitag der SPD. Daher müsse er sich erstmal daran abarbeiten. Es folgt ein bisschen Martin Schulz, ein bisschen Andrea Nahles, dann verliert Nuhr, laut eigener Aussage in einem grün-alternativen Umfeld sozialisiert, auch schon sein Interesse an der zurzeit gebeutelten Sozialdemokratie. Und wendet sich lieber all den „Idioten, Spacken und Psychopathen“ dieser Erde zu.

Jetzt ist Nuhr, der Mann, der eigentlich für seine besonnene Art und seine pfleglich gesetzten Worte bekannt ist, in seinem Element. Er redet sich förmlich in Rage über die Riege der „Bekloppten“, die zurzeit immer mehr Zulauf bekämen. Natürlich meint er die Mitglieder und Sympathisanten der AfD. Und alle anderen, die sich im Internet vernetzen und dort ihr digitales Tourette absondern. „Viele von den Durchgeknallten glauben jetzt sogar, Donald Trump sei einer von ihnen und schreien: Wir haben einen Präsidenten.“

Seit 30 Jahren steht Dieter Nuhr bereits auf den Bühnen der Nation, räsoniert im Radio und im Fernsehen, schreibt Bücher. Schon vor vier Jahren wunderte man sich allerdings, dass der Düsseldorfer so viel Positives von sich gibt. Da kritisierte er die Angewohnheit der Deutschen, zu viel zu meckern und zu grübeln, obwohl wir in einer Art sorgenfreiem Paradies leben. Diese Sicht verfestigt sich jetzt offenbar bei dem Kabarettisten: „Zum ersten Mal haben wir mehr als 70 Jahre am Stück Frieden in Mitteleuropa!“ betont er. Doch die Bilderflut der Medien konfrontiere den Menschen immer nur mit Horrornachrichten.

„Niemand kommt mal auf die Idee zu vermelden, dass Bäckereifachverkäuferin Lisa Z. heute nicht ermordet wurde!“

Der philosophische Aufruf, auch mal zufrieden zu sein, hält ihn allerdings nicht davon ab, auf seine trocken-süffisante Art auf die Miseren dieser Welt zu verweisen: Dicke Kinder, Helikoptereltern, Brexit, Feinstaubbelastung, religiöser Wahn. Und er vergisst auch nicht den Salafisten von Osnabrück, der ihn 2014 als Hassprediger bezeichnete und Anzeige gegen ihn erstattete. „Heute ist er gar nicht gekommen“, sagt Nuhr geradezu enttäuscht, um sich im Folgenden mit den Vor- und Nachteilen des Burka-Tragens zu beschäftigen. „Vermutlich verbergen sich unter diversen Säcken afghanische Transsexuelle.“

Nuhr legt den Finger in manch eine Wunde unserer Gesellschaft, obwohl er doch viel lieber darauf verweist, wie sauber der Rhein geworden ist und dass wir mit Flugzeugen fliegen können. Der Mann lebt wirklich in einem Konflikt.


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