Nach Einbruchsversuch in Osnabrück Schlüsseldienst-Abzocke löst Welle der Hilfsbereitschaft aus

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Osnabrück. Nach einem Einbruchversuch muss Familie Ercikti aus Osnabrück einen Schlüsseldienst rufen – und fällt auf Abzocker herein. Die horrende Rechnung der dubiosen Handwerker: knapp 700 Euro. Nun will eine Hilfsaktion das Weihnachtsfest für die Kinder retten.

Charlena Ercikti und ihr Mann Orhan werden stutzig, als sich der Schlüssel nicht richtig ins Schloss ihrer Wohnungstür schieben lässt. Es ist ein kühler Donnerstagabend, gegen 19 Uhr. Nach einer anstrengenden Infoveranstaltung an der Schule ihres zehnjährigen Sohnes Emilio wollen die Eltern schnell nach Hause. Ihr jüngerer Sohn Malik hat Fieber. Der beinahe Zweijährige soll so schnell wie möglich ins Bett.

Einbruchspuren am Türrahmen

Doch der Schlüssel lässt sich nicht drehen und das Schloss springt nicht auf. Da entdecken die Erciktis Kratzspuren am Rahmen und schalten: Jemand hat sich an der Tür zu schaffen gemacht. Sie rufen die Polizei. „Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch gar nicht, ob die in der Wohnung waren oder ob vielleicht sogar noch jemand drin war. Wir hatten Angst, dass uns hinter der Tür das totale Chaos erwartet“, sagt Charlena Ercikti.

Als die Polizisten das Mehrfamilienhaus an der Klöntrupstraße in Osnabrück erreichen, ist es bereits nach 20 Uhr. Sie untersuchen die Wohnungstür, inspizieren das Schloss und kommen zu dem Ergebnis: In die Wohnung gelangten die Einbrecher wohl nicht. Es reiche, wenn die Eltern einen Schlüsseldienst rufen und das ausgebaute Schloss aufbewahren, um es später von Polizeiexperten begutachten zu lassen.

Mit Google in die Schlüsseldienst-Falle

Dass die Beamten selbst nicht mehr mit auf den Schlüsseldienst warteten, sei üblich, wenn klar ist, dass die Täter nicht in der Wohnung waren, erklärt Polizeisprecher Frank Oevermann. „Nur in Notlagen wird die Tür eingetreten oder mithilfe der Feuerwehr geöffnet, zum Beispiel wenn wir eine hilflose Person in der Wohnung vermuten“, so der Sprecher.

Die gestressten und gleichzeitig erleichterten Eltern tun, was vermutlich jeder in ihrer Situation tun würde: Sie googlen. Auf dem Smartphone tippen sie „Schlüsseldienst Osnabrück“ ein, klicken das erste Ergebnis an – und tappen damit in eine Falle, vor der die Polizei Osnabrück seit längerer Zeit warnt.

Rückruf mit unterdrückter Telefonnummer

„Die Seite sah total seriös aus. ‚Schadenfreie Türöffnung, preiswert und zuverlässig‘ stand da“, berichtet Charlena Ercikti. Als sie von einer unterdrückten Nummer zurückgerufen wird, hat sie zwar ein mulmiges Gefühl, „aber der Mann am Telefon klang sehr verständnisvoll.“

In 20 Minuten seien sie da, für die Anfahrt würden 20 Euro berechnet, wie hoch die Rechnung insgesamt ausfalle, müsse sich vor Ort zeigen. Doch Familie Ercikti wartet nicht 20 Minuten, sondern anderthalb Stunden. Sie wärmen sich bei den Nachbarn auf und die Mutter kann dort ihren kranken Sohn wenigstens wickeln. Halb elf abends ist es, als die zwei Männer vom Schlüsseldienst endlich eintreffen. Ein anderer Termin in Osnabrück habe sich hingezogen, erklären sie entschuldigend. So erzählt es Charlena Ercikti unserer Redaktion.

Blanko-Rechnung unterschrieben

Die beiden Männer geben ihr einen Zettel, den sie schon einmal unterschreiben soll. Erst später versteht die zweifache Mutter, dass sie da eine Rechnung unterzeichnet hat – und zwar blanko. Das Schloss sei hinüber, man müsse es komplett austauschen, sagt einer der Männer. Was das denn koste, will Frau Ercikti wissen. „189 Euro“ lautet die Erwiderung. „Los Schatz, tritt die Tür ein. Das kommt uns billiger“, habe sie in ihrer Verzweiflung vorgeschlagen, erzählt die Osnabrückerin. Doch die Schlüsseldienst-Mitarbeiter appellieren an ihre Ängste: Was ist, wenn die Einbrecher noch einmal wiederkommen? Eine aufgetretene Tür biete keinen Schutz mehr. „Sie haben doch Kinder!“

Also lassen die Erciktis die Männer arbeiten. 25 Minuten brauchen die beiden – und führen danach Punkt für Punkt auf der schon unterschriebenen Rechnung auf. Das Ergebnis: 681,87 Euro. „Wir wussten im ersten Moment nicht, ob wir lachen oder weinen sollten“, sagt Charlena Ercikti.

„Dann fällt Weihnachten wohl aus“

Grundpauschale, Nachtzuschlag, das neue Schloss und die Anfahrtspauschale, plus 19 Prozent Mehrwertsteuer berechnet der Schlüsseldienst – alles um ein Vielfaches teuer als das, was seriöse Anbieter verlangen würden. „Bar oder EC?“, fragt einer der Männer. „Spätestens da war uns dann klar, dass auf Rechnung zahlen keine Option war“, erzählt die zweifache Mutter. Ihr Sohn Emilio fängt an zu weinen. „Dann fällt Weihnachten wohl aus“, sagt er. Erst später entdeckt die Familie, dass die auf der Rechnung aufgeführte Adresse nicht in Osnabrück, sondern in Essen im Ruhrgebiet liegt.

Schlüsseldienste wie jener, den Familie Ercikti zur Hilfe rief, operieren „hart am Rande der Legalität“, heißt es bei der Polizei Osnabrück. Die Ermittler seien so gut wie machtlos. Die Opfer hätten ebenfalls keine Handhabe, wenn sie die Rechnung bereits unterschrieben haben.

Hilfeaufruf auf Facebook

Die Erciktis haben nicht viel Geld. Die Schlüsseldienst-Abzocke frisst einen Großteil ihres Monatsbudgets auf. Für die Dezembermiete müssen sie ihr Konto überziehen, also wird das Kindergeld eingefroren. Eine Hausratsversicherung hatten die Eltern nicht abgeschlossen. „Wir dachten immer: So viel ist bei uns nicht zu holen. Das lohnt sich nicht.“

Eine gute Freundin von Charlena Ercikti bekommt die Sorgen der Familie mit – und will helfen. Kurzerhand verfasst sie einen Beitrag in der Facebook-Gruppe „hilfst du mir, dann helf ich dir! – Osnabrücker helfen Osnabrückern“. Die Gruppe hat mehr als 4.000 Mitglieder und versteht sich als ein Forum für Alltagshilfen. Die Freundin veröffentlicht ein Bild von den horrenden Posten auf der Schlüsseldienst-Rechnung und schildert die missliche Lage der Familie. Sie bittet um Lebensmittelspenden und Weihnachtsgeschenke für die Kinder.

Querfinanzierung des Zigarettenkonsums?

Erst will sich Charlena Ercikti nicht helfen lassen, als sie den Beitrag sieht. „Ich weiß ja auch, dass es manchen Familien noch schlechter geht als uns. Die haben nie ein Weihnachten. Aber es wäre schon schön, wenn wir den Kleinen dieses Jahr eine Freude machen könnten.“ Also lässt sie die Hilfe zu.

Doch zunächst geht die Diskussion unter dem Facebook-Beitrag ohnehin in eine ganz andere Richtung. Die Gruppenmitglieder wittern einen Betrug, glauben, dass die Rechnung eine Fälschung sei und äußern beleidigende Vermutungen. „Wir waren eh schon mit den Nerven am Ende und mussten dann Beschuldigungen ertragen, ein Hartz-IV-Empfänger-Pärchen zu sein, das sich nur seinen Alkohol- und Zigarettenkonsum querfinanzieren will“, berichtet die Mutter.

Sie wagt den Schritt, stellt sich den kritischen Kommentaren und outet sich als diejenige, für die die Hilfe gedacht ist.

Hilfe von Menschen, die selbst nicht viel haben

Schlagartig ändert sich der Tonfall in der Debatte. Menschen bieten altes Playmobil an, bezahlen den Familieneinkauf oder spendieren einen Drogeriemarkt-Gutschein. „Das war überwältigend. Ich habe vor Dankbarkeit einfach losgeweint“, sagt Charlena Ercikti. Ein Osnabrücker Skateladen will den Skateboard-begeisterten Emilio zu Weihnachten überraschen. Die Kinder bekommen mehr Süßigkeiten geschenkt, als sie essen können. „Am rührendsten ist, dass das Meiste von Leuten kommt, die selbst kaum etwas haben“, findet die Mutter.

Dank der Hilfsbereitschaft von Osnabrückern müssen die Kinder trotz der hohen Schlüsseldienst-Rechnung nicht auf Weihnachtsgeschenke verzichten. Foto: Michael Gründel

Ihrem Mann Orhan ist es noch immer unangenehm, auf die Schlüsseldienst-Abzocker hereingefallen zu sein. „Ich könnte mich schwarzärgern“, sagt er. Doch bald, glaubt er, werden sie über die Geschichte lachen können. Weil die schlimmsten Folgen durch eine Welle der Hilfsbereitschaft abgefangen wurden.


Tipps der Polizei

  • Einen Schlüsseldienst aus der Region heraussuchen, bevor man sich in einer Notlage befindet und die Nummer speichern.
  • Keine Angebote wählen, bei denen man direkt zahlen muss.
  • Beim mulmigen Gefühl, es mit zwielichtigen Handwerkern zu tun zu haben, die Polizei rufen – bevor man eine Rechnung unterschreibt. (ski)

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