Anteile umgeschichtet Stadtwerke Osnabrück halten an Kohlestrom fest

Von Wilfried Hinrichs

Das Trianel-Kohlekraftwerk in Lünen. Die Stadtwerke Osnabrück erhöhen ihre Anteile und steigen gleichzeitig aus dem Gekko-Kraftwerk in Hamm endgültig aus. Foto: imago/Hans BlosseyDas Trianel-Kohlekraftwerk in Lünen. Die Stadtwerke Osnabrück erhöhen ihre Anteile und steigen gleichzeitig aus dem Gekko-Kraftwerk in Hamm endgültig aus. Foto: imago/Hans Blossey

Osnabrück. Die Stadtwerke Osnabrück setzen weiter auf Kohlestrom und schichten ihre Kraftwerksbeteiligungen um. Wirtschaftlich sinnvoll, politisch umstritten.

Zum Jahresende lösen sich die Stadtwerke vollständig von allen Bindungen an das Pannenkraftwerk Gekko in Hamm. Gleichzeitig erhöht die städtische Tochtergesellschaft ihren Anteil am Kohlekraftwerk in Lünen von bisher 4,22 Prozent auf 5,28 Prozent. Stadtwerke-Chef Christoph Hüls spricht von „Optimierung“ der Kraftwerksbeteiligungen und erwartet „ein sehr gutes Geschäft“. Selbst Kritiker halten die Umschichtung unter rein betriebswirtschaftlicher Betrachtung für sinnvoll, politisch jedoch für ein falsches Signal. Im Aufsichtsrat stimmten die beiden Grünen-Vertreter gegen ein weiteres Kohle-Engagement – „auch wenn sich die Stadtwerke das gut bezahlen lassen“, wie Grünen-Ratsherr Volker Bajus unserer Redaktion sagte.

Ausstieg in Hamm

Den Ausstieg aus dem Gekko-Kraftwerk, an dem die Stadtwerke bis 2015 mit 1,96 Prozent beteiligt waren, kostet die Stadtwerke 20 Millionen Euro. Die Stadtwerke hatten 2015 ihre Gesellschaftsanteile an Gekko Hamm zurückgegeben, verpflichteten sich aber, für 20 Jahre Strom aus dem Steinkohlekraftwerk zu festgelegten Preisen zu beziehen. Diese Strombezugsverpflichtung lösen die Stadtwerke nun auf. Die Verluste werden realisiert, das Geld ist weg. Die Stadtwerke wirft das nicht um, denn sie haben genau für diesen Fall Rücklagen von über 30 Millionen Euro gebildet.

Das Steinkohlekraftwerk in Hamm ist ein Projekt von RWE und 23 Stadtwerken. Die Stadtwerke Osnabrück steckten neun Millionen Euro Eigenkapital und 40 Millionen Euro Fremdkapital in das Skandalkraftwerk. Block E des Steinkohlemeilers ging 2014 mit zweijähriger Verspätung ans Netz, der Block D ist nach Pannen und Baufehlern nie fertig geworden. RWE lässt Block D jetzt zerlegen und die Einzelteile in aller Welt verkaufen. Branchenkenner schätzen, dass sich so vielleicht 50 Millionen Euro erlösen lassen. Die Investitionssumme betrug 552 Millionen Euro. 2015 verabschiedeten sich 19 Stadtwerke unter hohen Verlusten aus dem Projekt. Die Stadtwerke Osnabrück wählten mit drei weiteren Partnern (Troisdorf, Leverkusen und Hamm) den weichen Ausstieg mit einem 20-jährigen Stromliefervertrag, wobei den Stadtwerken eine dreijährige Ausstiegsoption blieb. Diese Option ziehen die Stadtwerke jetzt.

Einstieg in Lünen

Im Gegenzug erhöhen die Stadtwerke Osnabrück ihre Anteile am Steinkohlekraftwerk in Lünen. Die Stadtwerke Jena und eine schweizerische Gesellschaft stoßen aus politischen Gründen ihre Kohlebeteiligungen ab. Dafür nehmen sie sogar wirtschaftliche Nachteile in Kauf. Konkret bedeutet das: Die Stadtwerke Osnabrück bekommen von den bisherigen Anteilseignern Geld für die Übernahme der Strombezugsverpflichtungen. Über die Höhe der finanziellen Gegenleistung haben beide Seiten Stillschweigen vereinbart. „Im schlimmsten Fall wird das für uns ein Nullsummenspiel“, sagt Stadtwerke-Vorstand Hüls. „Im Normalfall wird es ein sehr gutes Geschäft.“ Mit der Umschichtung bleibt der Kohleanteil an der Gesamtstromerzeugung der Stadtwerke unverändert. „Perspektivisch“, so Hüls, bestehe die Möglichkeit, den Anteil am Kraftwerk Lünen auf maximal sieben Prozent zu erhöhen.

Die Vorteile

Die Trennung vom Gekko-Kraftwerk reduziert die wirtschaftlichen Risiken, denn niemand kann verlässlich voraussagen, ob das Kohlekraftwerk Hamm in einigen Jahren überhaupt noch am Netz ist. Verringertes Risiko bedeutet auch, dass die Stadtwerke ihre Risikorücklagen schrittweise verringern können – also mehr Geld zur Verfügung haben. Hüls spricht von einer „sechsstelligen Summe“, die jährlich frei werde, etwa für zusätzliche Investitionen in die Digitalisierung oder erneubare Energien.

Dem Steinkohlewerk in Lünen traut Hüls eine wichtige Rolle in der Übergangszeit zu, bis die Energieversorgung komplett auf regenerative Quellen umgestellt ist. Lünen gehöre zu den modernsten Kohlekraftwerken in Europa mit einem hohen Wirkungsgrad. Deshalb werde es „als Garant für Versorgungssicherheit beim Umbau des Energiesystems benötigt“, so Hüls. Er erwartet, dass Lünen nach Abschalten des letzten deutschen Kernkraftwerks 2020 in der Übergangsphase gutes Geld verdienen werde.

Volker Bajus genügt dieses Argument nicht. Der Grünen-Ratsherr kritisiert die politische Richtung: „Die Stadtwerke haben jetzt ein Interesse daran, dass die Kohle als Energieträger möglichst lange bleibt.“

Die Stadtwerke sind noch an einem zweiten konventionellen Kraftwerk beteiligt, am Gas- und Dampfturbinenkraftwerk (GuD) in Lünen. Der Gesellschaftsanteil beträgt 2,45 Prozent (2,1 Millionen Euro).


Warum das Kohlekraftwerk in Hamm gescheitert ist

2007, als die Entscheidung für den Bau des Kohlekraftwerkes Hamm fiel, versprach die Investition eine ordentliche Rendite von deutlich über sechs Prozent. Erwartet wurden eine weitere Verteuerung der Kohlendioxid-Zertifikate und ein moderater Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Kohlendioxid-Zertifikate – also das Recht, die Luft zu verschmutzen – kosteten damals etwa 25 Euro je Tonnen Kohlendioxid. Experten gingen von einer deutlichen Preissteigerung aus, was zum Beispiel die umweltschädlichen Braunkohlekraftwerke unwirtschaftlich machen würde. Eingetreten ist das Gegenteil. Die Preise für die Zertifikate fielen ins Bodenlose. Der Effekt: Die ältesten Kohlekraftwerke, zugleich die größten Dreckschleudern, produzieren am billigsten. Die modernen Kraftwerke mit hohem Wirkungsgrad kommen gar nicht mehr zum Zug. Das betrifft auch das Trianel-Gaskraftwerk in Hamm, an dem die Stadtwerke Osnabrück beteiligt sind.

Die Stadtwerke hatten sich selbst zum Ziel gesetzt, 2018 alle 120000 Privatkunden mit grünem Strom aus eigenen, regenerativen Quellen versorgen zu können. Das Ziel wird verfehlt. Die Privatkunden verbrauchen nach Angaben der Stadtwerke jährlich etwa 240 Millionen Kilowattstunden. Der maximale Ertrag aus regenerativen Quellen liegt aktuell bei 98 Millionen Kilowattstunden. Ein wichtiger Grund ist: Es fehlt an Flächen und Standorten für den Bau neuer Windparks. Etwas mehr als die Hälfte der gesamten Eigenstromerzeugung der Stadtwerke stammt aus erneuerbaren Quellen wie Wind und Sonne.