Demokratie in Gefahr? Thierse streitet in Osnabrück für offene Streitkultur

Von Marie-Luise Braun

Bischof Franz-Josef Bode (links) empfängt Wolfgang Thierse (SPD), ehemaliger Präsident des Deutschen Bundestages, zur 10. Niels Stensen-Akademie in der Aula der Universität im Osnabrücker Schloss. Foto: David EbenerBischof Franz-Josef Bode (links) empfängt Wolfgang Thierse (SPD), ehemaliger Präsident des Deutschen Bundestages, zur 10. Niels Stensen-Akademie in der Aula der Universität im Osnabrücker Schloss. Foto: David Ebener

Osnabrück. Über das Thema „Demokratie in Gefahr? Zur Kultur der politischen Debatte in Deutschland“ sprach Wolfgang Thierse, ehemaliger Präsident des Deutschen Bundestages, im Osnabrücker Schloss. Eingeladen hatten ihn Bischof Franz-Josef Bode und die Katholische Hochschulgemeinde innerhalb der Niels-Stensen-Akademie.

Es war ein weiter Bogen, den Wolfgang Thierse spannte: Er sprach von Politikverdrossenheit, von wachsender Ungleichheit in der Gesellschaft, von zunehmender Aggressivität und von Rassismus. Er redete von der Angst, die die Globalisierung und die Digitalisierung bei manchen Menschen auslöse, und von dem Gefühl mancher, die Politik als Hinterherhinken hinter wirtschaftlichen Interessen empfänden.

Aber all dem setzte er andere Gedanken und Entwicklungen entgegen. Thierse zeigte auf, dass der ablehnenden Haltung gegen die zahlreichen Flüchtlinge, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, großes bürgerschaftliches Engagement anderer Menschen gegenüberstehe. Der öffentlichen Debatte um eine Staatskrise, die die gescheiterten Koalitionsverhandlungen in Berlin ausgelöst haben soll, hielt er entgegen, dass „Nerven, Geduld und Mut“ schon verlangt seien, um nach der Wahl eine funktionsfähige Regierung auf die Beine zu stellen.

Besonders für ihn, der in der DDR gelebt hat, sei die Demokratie ein sehr hohes Gut, das es zu schützen gilt: „Wir haben einen verlässlichen Rechtsstaat und einen einigermaßen funktionierenden Sozialstaat“, sagte der studierte Germanist und Kulturwissenschaftler, der auch mit einem Vorurteil aufräumen wollte: „Die Demokratie garantiert nicht ein Leben in Wohlstand“. Wohl aber ein Leben in Freiheit, betonte Wolfgang Thierse.  

Zur Demokratie und damit zur Freiheit gehöre die Kultur der Auseinandersetzung und das Zulassen anderer Meinungen. Die wichtigste demokratische Haltung sei die Bereitschaft, zuzuhören. Deshalb sieht Thierse die Demokratie derzeit auch nicht in Gefahr. Die öffentliche Auseinandersetzung, so mühsam sie auch sei, hält er für wichtig in einer funktionierenden Demokratie. Dazu gehöre aber auch, dass sich alle für diese Demokratie verantwortlich fühlen und ihren Teil dazu beitragen. „Wir müssen an einem ‚Wir‘ arbeiten, damit die Freiheit erhalten bleibt“, schloss Thierse seinen Vortrag.