284 Gedenkplatten Rückblick auf zehn Jahre Stolpersteine in Osnabrück

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Seit zehn Jahren werden in Osnabrück Stolpersteine verlegt. Das Projekt geht auf einen einstimmigen Ratsbeschluss aus dem Dezember 2006 zurück. Seit dem 15. November 2007 wurden 284 Stolpersteine in Osnabrück verlegt. Im Sitzungssaal des Rathauses wurde nun eine Zwischenbilanz gezogen. Foto: Hermann PentermannSeit zehn Jahren werden in Osnabrück Stolpersteine verlegt. Das Projekt geht auf einen einstimmigen Ratsbeschluss aus dem Dezember 2006 zurück. Seit dem 15. November 2007 wurden 284 Stolpersteine in Osnabrück verlegt. Im Sitzungssaal des Rathauses wurde nun eine Zwischenbilanz gezogen. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Im nahezu voll besetzten Ratssitzungssaal haben die Stadt und die das Projekt mittragenden bürgerschaftlichen Gruppen jetzt die Bilanz von zehn Jahren Stolperstein-Verlegungen in Osnabrück gezogen. Fazit: Das Projekt ist zu einer tragenden Säule der Osnabrücker Erinnerungskultur geworden.

„Das Projekt ist in unserer Stadt sehr präsent“, stellte Bürgermeisterin Birgit Strangmann fest, und das liege daran, dass es nicht von oben verordnet sei, sondern ganz wesentlich im Ehrenamt von der Bürgerschaft getragen werde. „Und das ist gut so, denn sie waren ja unsere Mitbürger, die 284 Opfer des nationalsozialistischen Unrechtsregimes, die aus unserer Mitte gerissen wurden“. Strangmann dankte namens der Stadt allen Mitmachern, seien es die Mitglieder des Initiativkreises Stolpersteine, die Rechercheure oder die Paten eines Steins.

Deutlich wurde aber auch, dass das Projekt ohne Christine Grewe, die hauptamtliche Koordinatorin im städtischen Büro für Friedenskultur, nicht einen so breit akzeptierten und harmonischen Verlauf genommen hätte.

Viele Umsetzungsideen wurden von ihr gemeinsam mit dem Initiativkreis Stolpersteine entwickelt. Dessen Sprecher Gerhard Kothmann nannte etwa die Einbeziehung der jungen Generation: Schüler der Berufsfachschule Bautechnik des Berufsschulzentrums am Westerberg helfen bei der Verlegung mit. Sie zeigen dabei nicht nur, dass sie mit dem Pflasterhammer umgehen können, sondern haben sich zuvor im Politikunterricht auch inhaltlich mit den Opferbiografien auseinandergesetzt. „Wir halten es für sehr wichtig, dass junge Leute beteiligt werden, denn sie sind die künftigen Träger der Erinnerungskultur“, sagte Kothmann.

Anfängliche Zweifel, wie denn wohl die Hauseigentümer und die Öffentlichkeit auf die Stolpersteine reagieren würden, seien hinweggewischt worden, als bei der ersten Verlegung von Steinen in der Martinistraße für die Familie van Pels mehr als 100 Bürger Anteil genommen hätten, blickte Kothmann zurück. Bewegende Momente habe er immer dann erlebt, wenn bei den Verlegungen Mitbewohner oder Nachbarn hinzugekommen seien, die das Opfer noch gekannt hätten.

Für und Wider

Entschiedene Fürsprecherin des Projekts im politischen Raum war stets die langjährige Bürgermeisterin Karin Jabs-Kiesler, die in der Startphase den Kulturausschuss leitete und den Weg für eine einstimmige Ratsentscheidung ebnete. Für und Wider seien sorgfältig abgewogen worden.

Von Charlotte Knobloch, damals Präsidentin des Zentralrats der Juden, sei zu hören gewesen, dass sie das Projekt ablehne, weil sie nicht wolle, dass nun wieder auf den Opfern herumgetreten werde. Dagegen stand die Äußerung des Künstlers Gunter Demnig: „Sollen die ‚Glatzen‘ doch drauf herumspringen, dadurch werden die Steine umso blanker und sichtbarer.“

Als Stein-Pate der ersten Stunde erzählte Norbert Jahn, Geschichtslehrer am Graf-Stauffenberg-Gymnasium, von „seinem“ Stolperstein für das Euthanasieopfer Gertrud David in der Krahnstraße vor dem Restaurant „La Vie“. Jeden Monat poliert er den Stein mindestens einmal. Der prominente Ort bringe es mit sich, dass er dabei immer mit Passanten ins Gespräch komme, darunter oftmals auswärtige Gäste der Stadt.

Lisa Böhne berichtete für den Arbeitskreis Recherche von ihrer Arbeit, die mit Adressbüchern und alten Meldekarteien begann und sich dann über Gestapo-Kartei und Entschädigungsakten der Nachkriegszeit fortsetzte. Georg Hörnschemeyer, Vorsitzender des Vereins Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht, wusste Näheres zu den 50.000 Karteikarten beizusteuern, die die Osnabrücker Dienststelle der Gestapo angelegt hatte. Sie seien im Grunde nur „Findakten“ mit Verweisen auf die eigentlichen Fallakten, die großenteils vernichtet seien. Insofern habe man es oft nur mit Fragmenten zu tun.

Opfergruppen

Ein großes Verdienst der Recherche-Gruppe sei es, neben den meist schon recht gut dokumentierten jüdischen Schicksalen nun auch die oftmals weniger im Fokus stehenden Opfergruppen wie die als „asozial“ Stigmatisierten, Roma, Behinderte, Homosexuelle und Deserteure hervorgeholt zu haben. Er wies aber auch darauf hin, dass die Stolpersteine nicht alle während der Naziherrschaft in Osnabrück vernichteten Leben abbilden könnten. Hier zu Tode gekommene Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene würden per Definition nicht erfasst, da sie hier nicht ihren angestammten und freiwilligen Aufenthaltsort gehabt hätten.

Die in Osnabrück wohnende und in Paderborn lehrende Pädagogik-Professorin Andrea Becher stellte Unterrichtsmaterialien vor, die sie für Grundschule und Sekundarstufe I entwickelt hat. „Das Thema Stolpersteine ist sehr wohl auch schon für Grundschüler geeignet“, berichtete sie aus selbst gemachten Erfahrungen, „die Steine lösen Fragen aus, die man kindgerecht beantworten kann.“

Eine Außensicht auf das Projekt steuerte der Medien-Student Jurek Milde bei. Als er noch Schüler des Gymnasiums „In der Wüste“ war, gehörte er zu den Mitgestaltern des 14-minütigen Films „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn …“, der die Stolpersteine in Osnabrück zum Thema hat und auf der Webseite der Stadt unter osnabrueck.de/ stolpersteine abrufbar ist.

Heute studiert Milde in Passau. Dort erlebte er mit, wie der SPD-Oberbürgermeister sich für Stolpersteine in seiner Stadt starkmachte, dann aber vor den Opferverbänden zunächst zurückstecken musste. In München dürfen Stolpersteine nur auf Privatgrund verlegt werden, nicht im öffentlichen Straßenraum. Erstaunlich auch: Nach Mildes Beobachtung findet die Aktion Stolpersteine in Münster weit weniger Beachtung als in Osnabrück.

Putztag am 9. November

In der allgemeinen Aussprache wurde angeregt, jeweils zum Pogrom-Gedenktag, 9. November, einen Aufruf zum Putzen der Stolpersteine zu starten. Tipps für ein geeignetes Poliermittel sollten nicht fehlen und auch nicht der Hinweis auf ein mitzunehmendes Kissen zum Hinknien, wie ein Leiderfahrener einwarf.

Lehrer Norbert Jahn schlug vor, einen broschierten Stadtführer mit „Stolperpfaden“ aufzulegen. Er wolle den mit seinen Schülern erarbeiten, wenn sich nur ein Sponsor für die Druckkosten finde.

Lioba Meyer berichtete von einem kürzlichen Besuch in Brüssel, dass die dort verlegten Stolpersteine für Felix Nussbaum und Felka Platek total verblasst und kaum noch zu entziffern seien. Was man denn da machen könne? Ein Vorschlag: Die regionalen Europa-Abgeordneten putzen lassen, das könnten die doch wohl mal machen… Jurek Milde hatte eine andere Idee: Er könne aus der riesigen Stolpersteine-Twitter-Community Brüsseler Bürger benennen, die sich mit Sicherheit gern einbringen würden.


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