Süchtig nach Tinder und Whatsapp „Wir achten das Handy mehr als unsere liebsten Menschen“


Osnabrück. Was hilft gegen Smartphone-Sucht? Wird man durch die Dating-App Tinder zum schlechteren Menschen? Wir haben mit der selbst ernannten Digital-Therapeutin und Autorin Anitra Eggler über den Entzug vom Digitalen, daddelnde Mütter und meditative Apps gesprochen.

Frau Eggler, ist der Handynacken noch das Harmloseste, was man von zu viel Smartphone-Nutzung bekommen kann?

Der Handynacken ist eine putzige Begleiterscheinung. Wenn wir ihn mit der Dopaminsucht und der digitalen Dauerablenkung vergleichen, dann sind letztere die wirklich schlimmen Auswirkungen. Unser Handy vernichtet Lebenszeit und Aufmerksamkeit. Wir achten das Gerät mehr als unsere liebsten Menschen, unsere Arbeit und den Straßenverkehr. Wenn man wissen will, was Smartphone-Sucht ist, dann sollte man auf den Spielplatz gehen und die Mütter beobachten. Manche Mütter schreiben auf Whatsapp, sind auf Tinder oder spielen Candy Crush, während ihre Kinder unbeaufsichtigt spielen. (Weiterlesen: Risiken auf dem Spielplatz durch Handy)

Sie sagen Sucht. Kann man vom Smartphone wirklich abhängig werden wie von Alkohol und Zigaretten?

Ein Smartphone ist der größte Dopamindealer. Unser Hirn bekommt durch Mitteilungen, Vibration, Emails im Postfach ständig die Botschaft: Da ist etwas Neues. Dann wird Dopamin, das Glückshormon, ausgeschüttet und das Belohnungszentrum wird aktiviert. Sobald ich einen Aufmerksamkeitsreiz bekomme, kann ich nicht widerstehen und muss nachschauen, ob ich eine gute oder schlechte Nachricht bekommen habe. Unser Hirn wird süchtig nach immer kürzeren Intervallen von Aufmerksamkeitskicks. Wenn ich das Handy in den Griff kriegen will, muss ich genau das abschalten.

Was raten Sie?

Zuerst würde ich alle Push-Mitteilungen ausstellen und den Vibrationsalarm deaktivieren. Wer noch konsequenter ist, schiebt die Apps nicht nur auf die letzte Seite des Handys, sondern löscht sie ganz. Ich habe persönlich gar keine Social-Media-Apps mehr installiert und mache es mir damit selbst schwer, ständig die Neuigkeiten zu checken. Das einzige, das ich mir auf Facebook aktiv anschaue, sind positive Sprüche und Bilder, weil mich das erheitert. Aber dafür muss ich mich auf dem Internetbrowser einloggen, was mir aber oft misslingt, weil ich mein Passwort vergessen habe.

Mit 35 waren Sie selbst Digitaljunkie. Wann merkten Sie, dass es so nicht mehr weitergehen konnte?

Ich habe es an meinen Mitarbeitern gemerkt. Einer ließ seine Tochter von der Schaukel fliegen, weil er selbst am Blackberry hing. Dann hat die Kleine zu ihm gesagt: „Papa, Dein Handy macht aua“. Meine Mitarbeiter versklavten sich selbst, wurden digitale Leibeigene und ich als Chefin war ein schlechtes Vorbild, konnte selbst in den Ferien nicht abschalten. Ich ließ mich von Emails durch den Tag treiben, stand mit dem Handy auf und ging damit wieder ins Bett. Ich bombardierte meine Mitarbeiter rund um die Uhr mit Kommunikation.

Das Smartphone hat unser Leben in ein permanentes Multitasking verwandelt. Ist man dadurch erfolgreicher?

Die Dauerablenkung schadet dem Arbeitsergebnis. Viele Unternehmen erkennen mittlerweile: derjenige, der ständig erreichbar ist, ist nicht der produktivste, sondern der Depp. Wenn ich ständig versuche, alles gleichzeitig zu tun, mache ich nichts mehr richtig. Viele Studierende und Arbeitnehmer klagen über Stress – ausgelöst durch ständige Erreichbarkeit. Gerade jungen Leuten fehlt häufig die Fähigkeit, Arbeit oder Studium und Freizeit voneinander zu trennen.

Journalisten und Medienschaffende sind ständig online, wie können wir uns dem Digitalen überhaupt entziehen?

Die Vermischung von Privat- und Berufsleben ist das Schlimme. Meine Empfehlung: zwei Handys, eins für die Arbeit, das andere für zu Hause. Nur so schafft man wieder eine saubere Trennung. Whatsapp sollte als berufliche Kommunikationsplattform verboten werden – schon allein aus Datenschutzgründen. Die App fördert blinden Aktionismus und Dauerablenkung. Ein gescheites Intranet wäre besser, aber das ist ja vielen zu aufwendig.

Sind Politiker ein schlechtes Vorbild, die bei Bundestagsdebatten mit dem Smartphone surfen?

Das macht mir echt Angst. Eine meiner Forderungen wäre, dass bei wichtigen Sitzungen im Bundestag Handyverbot herrscht.

Machen Sie denn auch manchmal Selfies?

Ich habe überhaupt nichts gegen Selfies. Wenn ich beim Friseur war und meiner besten Freundin die neue Frisur zeigen will, dann mache ich natürlich ein Selfie. Das Medium kann ja nichts dafür, dass alle Leute Bilder von sich mit Schmollmund und Katzenohren posten. Ich habe ein Problem mit der Inflation dieser Bilder.

Werden wir durch die Dating-App Tinder zu schlechteren Menschen?

Die Herausforderung bei Tinder ist eine ähnliche wie beim Surfen. Man hat immer das Gefühl „There is more sushi in the sea“ (sinngemäß: da könnte ein noch größerer Fang auf mich warten, Anm. d. R.). Durch die theoretische Verfügbarkeit von beliebig vielen Sexualpartnerinnen ist es für Männer so leicht wie noch nie, mit Susi, Mausi, Inge und Sabine „zusammen“ zu sein. Zwischenmenschlich ist es ein Rückschritt. Wir beginnen virtuelle Beziehungen zu führen, die der Realität nicht standhalten. Wir tippen Dinge, die wir Menschen nicht ins Gesicht sagen würden. Wir verwechseln Smileys mit Zuneigung und Herzchen mit Liebe.

Warum macht Tinder so süchtig?

Man wird süchtig danach, weil es Zuneigung und Aufmerksamkeit verspricht. Es ist eine Einsamkeitskompensation: das Gefühl zu haben, ständig mit jemandem texten zu können, das ist wie eine emotionale Dusche. Tinder-Chats sind oft wie leere Kalorien. Sie geben eine kurze Befriedigung wie eine Tüte Chips, aber danach fühlt man sich schlecht.

Rund um die digitale Entgiftung hat sich eine florierende Industrie entwickelt. Handy-Fasten und sogenannter Detox-Urlaub liegen im Trend.

Thailändische Inseln und Schottland funktionieren prima, weil man da sehr schlechten bis gar keinen Empfang hat. Ich machte vor zehn Jahren das erste Mal Offline-Urlaub. Inzwischen gibt es einen regelrechten Digital-Detox-Tourismus. Die Urlauber müssen ohne Hilfe des Internets zurechtkommen: ein Lagerfeuer anzünden, sich Rezepte ausdenken, an fremden Orten ohne Routenplaner zurechtkommen. Der Detox-Urlaub hilft dabei, ein neues Gleichgewicht zu entwickeln. Man erlebt die Dinge wieder viel intensiver, wenn nicht alles abfotografiert, auf Instagram gepostet wird.

Wird man dadurch sofort wieder „clean“?

Nein, überhaupt nicht. Man lernt aber, dass man ohne Wetter-App, Navi, Messenger oder den Gruppen-Chat überleben kann. Das ist für viele Menschen mittlerweile eine essenzielle Erfahrung. Auch nach einer Diät ist man ja nicht gleich sein Leben lang schlank. Den Jojo-Effekt gibt es genauso beim Digitalen. Ob man nach der Pause wieder fett oder internetsüchtig wird, liegt an der Person selbst. Es geht nicht zwangsläufig darum, weniger online zu sein, sondern besser und gesünder online zu sein.

Was wäre denn gesund?

Das hängt von der jeweiligen Person ab, wie bei der Kalorienaufnahme auch. Wenn ich Onlinejournalist bin, ist meine Dosis eine ganz andere als die eines Arztes. Die ständige Erreichbarkeit muss beendet werden, immer alle Kommunikationskanäle geöffnet zu haben und auf jeden Aufmerksamkeitsreiz im Minutentakt zu reagieren – sei es eine E-Mail oder ein Like auf Facebook – ist nicht gesund.

Hilft Meditation?

Absolut. Die einzige App, auf die nicht verzichten kann, ist meine Meditationsapp Headspace. Ich meditiere zehn Minuten am Tag. Es ist paradox: aber diese digitale App hilft mir, abzuschalten. Eine andere ist die Forest App, die auch Heilung von Smartphone-Sucht verspricht. Wer sich vornimmt, beispielsweise zwei Stunden konzentriert zu arbeiten, schaltet diese App ein. In der Zeit, wo man nicht zum Smartphone greift, wachsen virtuelle Bäume. Nur wenn das Handy nicht benutzt wird, kann der Baum auswachsen – andernfalls stirbt er ab.


Zur Person

Die gebürtige Baden-Württembergerin Anitra Eggler gründete 1998 ihr erstes Internet-Startup. Sie studierte International Culture and Business Studies und absolvierte parallel ein Journalistikstipendium bei der Passauer Neuen Presse. Mit 35 Jahren war sie Digitaljunkie. Heute bezeichnet sich Eggler selbst als Digitaltherapeutin – eine Wortschöpfung, die keinerlei medizinischen oder wissenschaftlichen Hintergrund hat. Als Buchautorin und Speaker gibt die 44-Jährige Ratschläge zu einem gewissenhaften Umgang mit dem Digitalen. Im September erschien ihr neues Buch „Mail halten!“. Die Autorin wohnt in Wien.

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