Psychosoziales Zentrum Traumanetzwerk für Flüchtlinge in Osnabrück wächst

Von Sandra Dorn


Osnabrück. Folter, Vergewaltigung, Todesangst: Auf der Flucht machen etliche Menschen traumatische Erfahrungen. In Osnabrück gibt es seit einem Jahr ein Beratungsangebot für traumatisierte Flüchtlinge, das jetzt zu einem psychosozialen Zentrum ausgebaut wurde. Der Bedarf ist da, die Anschlussfinanzierung jedoch offen.

Mehr als 120 Geflüchtete haben sich seit Oktober 2016 an die neue Beratungsstelle des Netzwerks für traumatisierte Flüchtlinge Niedersachsen (NTFN) gewandt, die bislang nur eine halbe Personalstelle zur Verfügung hatte. Sandra Steinkühler, die mit ihrer anderen halben Stelle als Sozialarbeiterin der Caritas in den Flüchtlingsunterkünften unterwegs ist, hat die Betroffenen im ersten Jahr mit Unterstützung von Dolmetschern an Psychotherapeuten vermittelt – und ihnen zugehört.

Bei vielen Flüchtlingen kommen die Traumata erst hoch, wenn sie den Ankunftsstress hinter sich haben. Viele begreifen nicht, warum es ihnen schlecht geht und sie nicht schlafen können. Bei manchen kommt erschwerend hinzu, dass sie zwar in Sicherheit sind, aber um ihre Familien bangen, die sie nicht nachholen dürfen oder können. Andere Geflüchtete fürchten eine Abschiebung. Der Weg in eine Therapie ist für die Geflüchteten schwierig – sei es durch Unkenntnis und Ängste, sei es durch lange Antragsverfahren, Wartezeiten oder Dolmetscherkosten, erläuterte Sandra Steinkühler bei der Einweihung des psychosozialen Zentrums. Das Asylbewerberleistungsgesetz trage zur Erschwerung bei, kritisierte sie.

Praxis in der Lotter Straße 104

Jetzt wurde das kostenlose Hilfsangebot in Osnabrück von einer halben auf knapp drei Personalstellen aufgestockt. Im Oktober konnte die Beratungsstelle von der Großen Rosenstraße umziehen in eine freundlich eingerichtete Praxis in der Lotter Straße 104. Tätig sind dort mit unterschiedlichen Stundenanteilen – teils auch ehrenamtlich – Sozialarbeiter, Ergo-, Sucht- und Psychotherapeuten. Zuständig ist die Beratungsstelle für Flüchtlinge aus Stadt und Landkreis Osnabrück, aber auch aus dem Emsland und der Grafschaft Bentheim. In der Lotter Straße können sie ohne Anmeldung in die offenen Sprechstunden kommen, die von Dolmetschern begleitet werden: dienstags von 13 bis 16 Uhr in Dari, freitags von 9 bis 12 Uhr in Arabisch, Kurdisch, Serbisch und Albanisch. Außerhalb dieser Zeiten können die Flüchtlinge Termine vereinbaren unter der Nummer 0541/66894396 oder per E-Mail an info-os@ntfn.de.

Die Integrationsbeauftragte der Stadt, Seda Rass-Turgut, erinnerte daran, dass in Osnabrück 2013 noch lediglich 230 Geflüchtete lebten, mittlerweile sind es mehr als 4000. „Dass wir jetzt ein Traumanetzwerk haben, hätten wir damals nicht gedacht. Wir hatten nicht mal Sprachkurse.“ Sie betonte, wie wichtig es sei, alles für deren Integration zu tun – und dazu zähle eben auch die Behandlung psychischer Erkrankungen.

Anschlussfinanzierung unsicher

Das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen (NTFN) entstand vor zehn Jahren in Hannover. Zunächst sind die Mittel für den Standort Osnabrück nur für zwei Jahre vom Land Niedersachsen bewilligt – und dass die Anschlussfinanzierung kein Selbstläufer ist, machte bei der Einweihungsfeier Hans-Joachim Heuer mehr als deutlich, der im Niedersächsischen Sozialministerium die Abteilung Migration und Generationen leitet. „Sprechen Sie möglichst schnell mit den migrationspolitischen Sprechern der Fraktionen“, riet er den Beteiligten. Die vorige rot-grüne Landesregierung habe dieses Projekt anders betrachtet als die neue Große Koalition es tue, warnte er.

In dieser Deutlichkeit zu hören, dass sie um den Fortbestand kämpfen müssten, habe sie getroffen, sagte hinterher NTFN-Geschäftsführerin Karin Loos im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich dachte, wir sind inzwischen so etabliert, dass das nicht mehr nötig ist.“ Sie hoffe, dass es gelinge, die Politik von der Bedeutung ihrer Arbeit zu überzeugen.