Neue Wege der Mobilität Professor fordert in Osnabrück die Abkehr vom Auto

Von Robert Schäfer


Osnabrück. Ideen für eine neue Mobilität ohne herkömmlichen Pkw-Verkehr hat der Verkehrsexperte Stephan Rammler jetzt in Osnabrück vorgestellt. Der Braunschweiger Professor stellte Vernetzung, Car-Sharing und Elektroantriebe in den Mittelpunkt.

Das bisherige Autoland Deutschland ohne Pkw-Verkehr? Ist so eine Vision überhaupt denkbar? Dieser Frage stellte sich Rammler, der als Professor am Institut für Transportation Design an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig arbeitet, auf Einladung der Oldenburgischen Landesbank (OLB). Den Rahmen bildete die Veranstaltungsreihe „OLB-Forum Wissen und Zukunft“.

„Ich freue mich, dass wir heute ein zukunftsweisendes Thema haben und neueste Forschungserkenntnisse zur Mobilität von morgen erfahren“, sagte OLB-Vorstandschef Patrick Tessmann zur Begrüßung. Die Einblicke des renommierten Wissenschaftlers überraschten dann doch viele Besucher. Rammler ist Soziologe, Wirtschaftswissenschaftler und Zukunftsforscher. Sein Kerngebiet ist die Mobilität der Zukunft. „Volk ohne Wagen – Wie wir in Zukunft nachhaltig mobil sein könn(t)en“ hatte er seinen Vortrag überschrieben.

Ein „Weiter so“ darf es nicht geben

Klar ist für den Wissenschaftler, dass die Mobilität, wie wir sie heute kennen, an ihre Grenzen kommt. Nicht nur ökologisch, sondern auch aus soziologischer Sicht sei ein „Weiter so“ mit Blick auf die wachsende Weltbevölkerung nicht denkbar. Die westliche Idee vom Pkw als Privateigentum sieht Rammler vor dem Aus. Allein das gebundene Kapital in einem Fahrzeug, das statistisch gesehen 23 Stunden am Tag steht, könne sinnvoller genutzt werden, so der Experte. Beim Auto sieht er – wie in vielen anderen Bereichen auch – das Teilen als die Strategie der Zukunft. „Sharing wird sich zumindest in den Städten sehr bald durchsetzen“, zeigte sich Rammler sicher.

Auch E-Autos bleiben Autos

Sein Lösungsansatz beruht einerseits auf der Elektrifizierung der Fahrzeuge, andererseits auf einer völligen Veränderung des Mobilitätsgedankens. Besonders letzterer Punkt sei wichtig, wenn Mobilität auf breiter Basis in Zukunft noch gelingen solle, betonte Rammler. In diesem Zusammenhang sieht der Experte auch die aktuelle Entwicklung kritisch, lediglich herkömmliche Verbrennungsmotoren durch Elektroantriebe zu ersetzen. Das verlagere das Problem nur. Aus ökologischer Sicht seien die weiterhin von Einzelpersonen genutzten Elektromobile keine große Verbesserung. Mit diesen Fahrzeugen gehe kein grundlegendes Umdenken einher. „Tesla ist ein klassisches Elitenprodukt“, betonte der Forscher. Aber auch, wenn das Unternehmen mit kostengünstigeren Modellen künftig auch den Massenmarkt bediene, ändere sich dadurch nichts an unserem derzeiten, aus seiner Sicht überholten Mobilitätsansatz.

Mobilität dank Vernetzung

Nach Rammlers Vorstellung könnte vor allem die konsequente Nutzung der Vernetzung eine neue Art der Mobilität befördern. Eine nahtlose Verbindung aus ÖPNV, Fahrrad und Mietwagen sei zumindest in den Metropolen schon jetzt denkbar und werde auch sukzessive umgesetzt.

Besondere Bedeutung kommt in Rammlers Verkehrskonzept dem Fahrrad zu, gerade auch, weil es dank der Elektrisierung für breite Gesellschaftsgruppen zugänglich werde. Forschungsergebnisse hätten bewiesen, dass Städte, die größtenteils auf Pkw-Verkehr verzichten, keine Einbußen im Einzelhandel zu befürchten haben. „Ganz im Gegenteil, wie das Beispiel Kopenhagen zeigt.“

Übergangslösung für die ländlichen Regionen

Für die ländlichen Regionen schlägt Rammler eine Übergangslösung vor. Hier könnte eine kombinierte Technologie zum Einsatz kommen: „Ein Elektromotor mit Batterie und einem kleinen Verbrenner für die Reichweitenverlängerung.“ In der Stadt könne dann weiterhin vollelektronisch gefahren werden und so auch bis zu 80 Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes eingespart werden. Die weitere Zersiedelung des Landes sollte laut Rammler dennoch eingeschränkt werden. Berufspendler und moderne Mobilität – das sei nur schwer in Einklang zu bringen.

Keine Zukunft sieht Rammler für automatisierte Fahrzeuge für den Privatverkehr. Neben den vielen noch ungelösten technischen Problemen verändere sich hier ebenfalls nichts an der Mobilität an sich. „Da wird dann das Büro auf die Straße verlagert, und die Menschen nehmen noch weitere Wege in Kauf.“ Eine wirkliche Chance für die Automatisierung gebe es hingegen im Bereich der Logistik.

Digitalisierung nicht aufzuhalten

Von Regierungsseite wünscht sich Rammler eine lenkende Funktion. Neue Technologien benötigten Starthilfe. Es müsse aber auch der Wille und der Mut zu einem Neuanfang jenseits der ausgetretenen Pfade vorhanden sein. Die Digitalisierung lasse sich wie schon die industrielle Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts nicht mehr einfangen oder kontrollieren. „Wir müssen lernen, diese Welle, die da auf uns zukommt, zu reiten.“