Wunsch: Doppelt so viele Deutlich zu wenig Familienhebammen im Kreis Osnabrück

Es gibt zu wenige Familienhebammen im Landkreis Osnabrück, denn der Bedarf steigt laut der Koordinatorin der Familienhebammen im Landkreis, Anja Prante (rechts), und Familienhebamme Katja Mittelberg-Hinxlage stetig. Foto: Egmont SeilerEs gibt zu wenige Familienhebammen im Landkreis Osnabrück, denn der Bedarf steigt laut der Koordinatorin der Familienhebammen im Landkreis, Anja Prante (rechts), und Familienhebamme Katja Mittelberg-Hinxlage stetig. Foto: Egmont Seiler

Osnabrück. Der Bedarf an Familienhebammen im Landkreis Osnabrück ist in den vergangenen zehn Jahren stetig gestiegen. Aktuell betreuen nur 13 Familienhebammen pro Jahr mehr als 200 Familien in Problemlagen. Die Koordinatorin der Familienhebammen im Landkreis, Anja Prante, und Familienhebamme Katja Mittelberg-Hinxlage würden sich etwa doppelt so viele Familienhebammen wünschen.

Was haben Familienhebammen in den vergangenen zehn Jahren im Landkreis erreicht?

Prante (P): Wir konnten ein sehr gutes Netzwerk aufbauen mit allen Schwangerenberatungsstellen sowie mit dem Fachdienst Jugend und anderen Trägern, bei denen werdende Mütter in psychosozialen Problemlagen bekannt sind. Dadurch konnten wir eine große Anzahl an Müttern in verschiedensten Lebenssituationen erreichen.

Wie viele Familienhebammen haben Sie im Landkreis?

P: Aktuell haben wir 13.

Wie hat sich diese Zahl entwickelt?

P: Die Zahl ist jetzt wieder auf einem Stand, auf dem sie früher einmal war. Es lässt sich aber festhalten, dass sie zu niedrig ist. Wir brauchen dringend neue Familienhebammen, um den steigenden Bedarf decken zu können. Die Belastung ist sehr hoch und die Arbeit sehr intensiv, sodass wir das künftig auf mehr Schultern verteilen müssen. Aktuell haben die Familienhebammen, die diesen Beruf auf Honorarbasis neben ihrem Hauptberuf ausüben, vier bis 19 Fälle pro Woche.

Wie hat sich die Zahl der betreuten Fälle im Landkreis entwickelt?

P: 2016 hatten wir insgesamt 213 Familien in der Betreuung, in den Vorjahren rund 180. Angefangen haben wir 2007 mit circa 70 Fällen. Es wurden stetig mehr. Es wurde erkannt, dass wir gute Arbeit leisten und dass es ein sinnvolles Instrument ist, um schon früh zu verhindern, dass später noch viel Gravierenderes passiert und noch viel umfangreichere Hilfsmaßnahmen angeboten werden müssen.

Sie arbeiten seit sechs Jahren selbst als Familienhebamme, Frau Mittelberg-Hinxlage. Könnten Sie erläutern, warum die Belastung so hoch ist?

Mittelberg-Hinxlage (MH): Statistisch hat etwa jede zehnte Familie einen besonderen Bedarf an Unterstützung. Da die Zahl der Geburten und die Zahl der Geflüchteten in den vergangenen Jahren gestiegen sind, steigt natürlich auch der Bedarf an Unterstützung und Begleitung, während die Zahl der Familienhebammen leider nicht angestiegen ist. Es ist sehr schwierig, neue Kolleginnen hinzuzugewinnen. Sie arbeiten als angestellte Hebamme in einer Klinik oder in der normalen Nachsorgetätigkeit, wagen aber nicht den Sprung in die soziale Arbeit.

Wie unterscheidet sich die Arbeit der Familienhebamme?

MH: Die Hebamme kommt in der Regel sechs bis acht Wochen nach der Geburt. Bei den Familienhebammen kann die Betreuung bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres fortgesetzt werden. Wir kümmern uns um Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf. Das reicht von Familien, die wir alle zwei bis drei Wochen besuchen, bis zu Familien, die zwei bis drei Mal die Woche besucht werden. Das reicht von noch jugendlichen Müttern bis zu Eltern, bei denen es als Paar nicht funktioniert oder bis zu Alleinerziehenden, die wir motivieren und begleiten müssen.

Welche Fälle sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

MH: Ich erinnere mich an eine Familie, die bereits dem Fachdienst Jugend bekannt war. Aus dieser Familie musste der Säugling herausgenommen werden und in einer Pflegefamilie untergebracht werden. An eine solche Entscheidung denkt man natürlich noch länger, aber für uns muss das Kindeswohl an erster Stelle stehen. In diesem Fall waren die Bedingungen für das Kind außerhalb der Familie günstiger als in der Familie selbst. Das ist aber nicht der Regelfall.

Was sind die schönen Seiten der Arbeit?

MH: Eine Mutter wurde bereits während der Schwangerschaft von dem Kindesvater verlassen. Sie war sehr tapfer und mutig und konnte alles an Hilfe annehmen, was wir ihr anboten und so kam es, dass sie nach dem ersten Geburtstag ihres Kindes einen Ausbildungsplatz bekam und sie ihr Kind während ihrer Arbeitszeit in die Kita bringen konnte.

Wie viele Familienhebammen würden aktuell benötigt, um den Bedarf zu decken?

P: Vier könnte ich ohne Probleme noch anstellen. Ich bin mir zudem sicher, dass wir noch mehr Anfragen kriegen würden, wenn wir mehr Familienhebammen hätten. Oft wissen schon diejenigen, die uns anfragen, um die mangelnde Kapazität und versuchen daher auch andere Wege zu finden.

Woran scheitern diese vier Neuanstellungen hauptsächlich?

P: Wir müssen zusätzliche Fachkräfte finden, die bereit sind, eine anderthalbjährige Ausbildung zur Familienhebamme, also zur Fachkraft Frühe Hilfen, zu finden.

Welche Anreize können Sie setzen, damit sich mehr Fachkräfte zur Familienhebamme ausbilden lassen?

P: Ich finde, dass die Honorierung ein Thema ist. Es gibt durchaus Kommunen in Niedersachsen, die noch besser bezahlen. Die Fortbildung und Qualifizierung muss weiter auf einem guten Stand bleiben, das bieten wir in Osnabrück. Ich baue auf den neuen Ausbildungsgang im kommenden Jahr, für den wir die Kosten übernähmen, wenn Hebammen oder Kinder- und Gesundheitskrankenpflegerinnen in dem Rahmen bei uns arbeiten möchten. Das lässt mich hoffen, dass wir bald doch noch die eine oder andere Fachkraft hinzubekommen.

Spielt auch die Finanzierung eine Rolle?

P: Wir bekommen die Gelder vom Landkreis, und der Landkreis bekommt sie vom Land Niedersachsen. Aktuell ist das Problem aber, dass wir keine Kräfte bekommen. Ein Finanzierungsproblem haben wir nicht. Ich weiß nicht, wie es aussähe, wenn wir noch mehr Anfragen hätten.

Wie tragen Sie durch Ihre Arbeit bei, Armut zu bekämpfen?

MH: Vielfach ist es in den Familien so, dass Sozialleistungen bezogen werden. Für die Familien ist es schwierig, alle entsprechenden Anträge auszufüllen beziehungsweise zu kennen und da helfen wir mit.

Wie beugen Sie vor und wie tragen Sie dazu bei, dass das Kindeswohl nicht gefährdet wird?

MH: Es gibt gewisse Kriterien. Es fängt zum Beispiel damit an, dass wir schauen, ob das Kind einen eigenen, sauberen Schlafplatz hat und ob für das Kind genügend Essen da ist. Auch ein wesentlicher Punkt ist der Kontakt zwischen Kind und Mutter. Unter Umständen fällt es der Mutter schwer, eine so genannte gute und sichere Bindung herzustellen. Die Mütter müssen die Bedürfnisse des Kindes erkennen und adäquat handeln können. Manchmal muss man die Mutter auch nur ein klein wenig anstupsen und darauf hinweisen, inwiefern sie sich besser um ihr Kind kümmern kann.

Was wünschen Sie sich für die kommenden zehn Jahre?

P: Ein Traum wäre, wenn in jeder Kommune im Landkreis Osnabrück ein bis zwei Familienhebammen ansässig werden. Da wäre eine bessere Verteilung sinnvoll. Das wäre mit rund 20 Familienhebammen im Landkreis machbar.


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