Serie „Die Kunden und ich“ Brautmodenausstatterin über Last-Minute-Kunden, Bezahlmodelle und Glücksgefühle

Mit Leidenschaft dabei: Junior-Chefin Julia Goosmann hilft Bräuten bei der Wahl des richtigen Kleides. Foto: Gert WestdörpMit Leidenschaft dabei: Junior-Chefin Julia Goosmann hilft Bräuten bei der Wahl des richtigen Kleides. Foto: Gert Westdörp

Wallenhorst. Bedienungen, Ärzte, Müllmänner, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 49: eine Brautmodenausstatterin.

Seit elf Jahren arbeitet Julia Goosmann als Brautmodenausstatterin im Geschäft ihrer Eltern, Marschall Brautmoden in Wallenhorst. Ein ziemlich emotionaler Job mit vielen Glücksmomenten, findet die 35-jährige Junior Chefin. Im Interview spricht Goosmann über Freudentränen, Anproben und einen Bräutigam, der erst zwei Stunden vor der Trauung in den Laden gekommen ist, um einen Anzug zu kaufen.

Wie viele Tränen sind hier schon gekullert?

Einige. Zu 99 Prozent sind das aber Freudentränen – und über die freuen wir uns natürlich. Bei unserem Job geht es um Emotionen, ohne würde er weniger Spaß machen. Manche Bräute glauben, dass sie nur dann das richtige Kleid gefunden haben, wenn sie bei der Anprobe auch weinen. Das muss aber nicht passieren. TV-Shows wie „Zwischen Tüll und Tränen“ machen das falsch vor.

Wie häufig kommt es vor, dass Frauen ihr Kleid nicht mehr passt, wenn sie es abholen?

Das ist relativ selten geworden. Wir vermessen die Bräute, wenn sie das Kleid aussuchen. Wenn nicht eine Krankheit oder eine Schwangerschaft dazwischen kommt, passt es. Bei Letzterem muss man vielleicht noch mal auf eine andere Kleiderform zurückgreifen. Die meisten Bräute verlieren wegen der ganzen Aufregung kurz vor der Hochzeit aber eher noch Gewicht, sodass das Kleid enger gemacht werden muss.

Wie lange dauert es, bis eine Frau ihr Kleid gefunden hat?

Im Schnitt etwa zwei Stunden. Es gibt Bräute, die genau wissen, was sie wollen und nur drei Kleider anprobieren müssen, bis sie es haben. Andere müssen zwei oder drei Mal kommen.

Wie lange vor der Hochzeit sollte man denn mit dem Suchen anfangen?

Das kommt immer auf die Umstände an und wie viel Zeit man zwischen Antrag und Termin hat. Aber ein dreiviertel Jahr vor der kirchlichen oder freien Trauung ist ein guter Zeitpunkt.

Ist auch schon mal jemand auf den letzten Drücker gekommen?

Das engste Zeitfenster bei den Bräuten war eine Woche vor der Hochzeit. Einmal kam ein Bräutigam zwei Stunden vor der Trauung. Er hatte einen Anzug im Schrank hängen, der aber nicht mehr passte, als er ihn am Morgen anzog. Dann können wir nur noch auf das zurückgreifen, was wir im Laden haben. Aber auch in solchen Situationen versuchen wir, zu helfen.

Wenn eine Frau das x-ste Kleid anprobiert hat und sich immer noch nicht entscheiden kann – werden Sie dann auch schon mal ungeduldig?

Nein, das dürfen wir aber auch gar nicht. Wir sind Dienstleister. Für die Braut ist es ein wichtiger Tag und beim Kleiderkauf geht es um viel Geld. Die Kundin darf auch noch mal eine Nacht über die Entscheidung schlafen. Ich halte auch nichts von Beratungsgebühren oder von Bezahlmodellen wie sie in Süddeutschland verbreitet sind. Da darf man dann zum Beispiel im Basismodell drei Kleider anprobieren und bekommt auch kein Getränk dazu.

Kann man das Kleid nach der Hochzeit wieder umtauschen?

Nein. Aber es wird immer wieder gefragt, ob wir die gebrauchten Kleider abkaufen. Das machen wir aber nicht.

Und was ist, wenn die Hochzeit platzt?

Es wird immer wieder versucht, das Kleid dann zurückzugeben. Es tut uns zwar Leid, wenn sich jemand trennt. Aber weil wir leider schon negative Erfahrungen gemacht haben, nehmen wir Brautkleider nur noch zurück, wenn der Partner vor der Hochzeit verstorben ist.

Es gibt den Brauch, dass der Bräutigam das Kleid vor der Trauung nicht sehen darf. Ist das heute immer noch so?

Zu 95 Prozent ja. Manchmal kommt der Bräutigam aber auch mit, wenn die Braut ihr Kleid aussucht. Das ist hier zwar erlaubt, aber da kann sich eine Braut auch mal keinen Gefallen mit tun. Ich habe meinen Verlobten nicht mitgenommen (lacht).

Wie viele Begleiter sollte man denn maximal mitnehmen?

Da haben wir keine Begrenzung. Ich rate unseren Kundinnen aber dazu, nur zwei bis vier Begleiter mitzubringen. Man sollte immer bedenken, dass viele Begleiter die Sache verkomplizieren können.

Was ist das Schönste an Ihrem Beruf?

Dass wir Menschen auf einem wichtigen Stück ihres Weges begleiten dürfen. Das hat auch viel mit Vertrauen zu tun. Wir haben hier ganz viel mit Glücksgefühlen zu tun. Wenn wir es schaffen, dass bei einer Braut, die mit Selbstzweifeln wegen ihres Aussehens zu uns gekommen ist, vor Freude die Tränen kullern, dann bekomme ich Gänsehaut.

Was machen Sie, wenn sich eine Frau für ein Kleid entscheidet, dass ihr überhaupt nicht steht?

Ich trage mein Herz auf der Zunge. Ich verbiete zwar niemandem, etwas zu kaufen, das er sich ausgesucht hat, aber ich sage auch meine ehrliche Meinung. Wenn mich eine Kundin fragt, welches von zwei Kleidern ich schöner finde, dann sage ich ihr, dass es nicht um meinen Geschmack geht.

Man sagt in Bezug auf Kleidung doch immer: ‚Das muss man angezogen sehen.‘ Gilt das bei Brautkleidern noch stärker als bei T-Shirts oder Hosen?

Unbedingt. Beim Brautkleid gibt es immer wieder Überraschungen. Auf dem Bügel sehen manche Kleider ganz anders aus.

Sie heiraten auch bald. Wie lange hat es bei Ihnen gedauert, bis Sie Ihr Kleid gefunden haben?

Etwa eine Stunde. Das ging relativ fix.


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